Warum es dir im Wald so gut geht

Warum tut ein Tag im Wald eigentlich so wahnsinnig gut? Liegt es an den Trails? Am Flow? An den Likes für das Selfie im Holzfäller-Hemd? Ein Blick in wissenschaftliche Studien zeigt: weder noch. Verantwortlich sind schlichtweg körperliche Reaktionen, denen du dich gar nicht widersetzen kannst.

Die Augen schließen. Einatmen. Ausatmen. Die Geräusche um dich herum wahrnehmen: das Rascheln der Baumkronen in Wind, der Ruf eines Kuckucks, das Stimmen-Gemurmel eines spazierenden Pärchens. Irgendwo quietscht eine Bremse. Der harzige Geruch von frisch gefällten Fichten mischt sich mit dem von feuchter Erde. Dann plötzlich: Stille. Du öffnest die Augen, und es geht dir einfach nur gut. Warum eigentlich?

Bevor ich eine österreichische Studie zur Gesundheitswirkung von Waldlandschaften in die Finger bekam, hätte ich wahrscheinlich so geantwortet: weil die Trails so flowig sind, weil ich frei habe, weil der Wald halt einfach „schön“ ist. Die Studie, die alle internationalen Forschungsergebnisse zum Thema zusammenträgt und auswertet, kommt dagegen zu einem ganz anderen Fazit: es liegt am Wald selbst. Er wirkt auf dich wie Medizin.

Affen als Vorfahren: Der Wald, unsere natürliche Umwelt?

Fast alle Menschen empfinden den Wald als schön und angenehm – da sind die Mountainbiker nicht alleine. Wissenschaftler haben sich schon lange dafür interessiert, warum manche Landschaften anderen bevorzugt werden. Dabei haben sich zwei Erklärungsansätze herausgebildet: die biologischen Theorien führen unsere Landschaftsvorlieben auf die Evolution zurück. Weil die frühen Menschen für ihr Überleben auf Schutz, Nahrung und Orientierung angewiesen waren, fühlen wir uns heute noch in genau solchen Landschaften am wohlsten: halb-offen, mit Bäumen, Gehölzen und Gewässern durchzogen.

Kulturelle Erklärungsansätze gehen dagegen davon aus, dass unsere Kultur und ihr Verhältnis zur Natur, gepaart mit unseren persönlichen Erfahrungen und frühkindlichen Prägungen verantwortlich dafür sind, in welchen Landschaften wir uns wohlfühlen. Ein Volk Ureinwohner beurteilt den Wald eben anders als deutsche Großstadtbewohner, eine Försterin anders als ein Investment-Banker. Das leuchtet ein, und doch bleiben Gemeinsamkeiten, wenn man die kulturellen und persönlichen Prägungen abzieht: natürliche Landschaften werden den bebauten bevorzugt. Und der Wald landet zusammen mit Küstenlandschaften in verschiedenen Studien stets auf den ersten Plätzen, wenn es um die bevorzugten Umwelten von Menschen geht.

Was passiert mit dem Körper im Wald?

Menschen mögen also den Wald – so weit, so gut. Aber wie lässt sich diese Vorliebe – jenseits von allgemeinen Theorien – erklären? Was passiert mit uns im Wald? Um diese Frage zu beantworten, schickten Wissenschaftler in einem Feldexperiment zwei Vergleichsgruppen los, eine in den Wald und die andere in die Stadt. Bei den Versuchspersonen beider Gruppen wurden über mehrere Tage verschiedene Reaktionen des Körpers gemessen und verglichen. Und siehe da:  bei den Waldbesuchern sank Blutdruck. In ihrem Speichel wurden signifikant geringere Cortisol-Werte gemessen, die ein Index für Stressreaktionen sind. Die Pulsfrequenz verringerte sich, und das bereits kurz nach dem Eintreten in den Wald. All dies sind Zeichen, die auf körperliche Erholungs- und Regenerationsprozesse hindeuten. Und so überrascht es auch nicht, dass sich die Waldbesucher der Studie insgesamt wohler, beruhigter und erfrischter fühlten. Bei den Stadtbesuchern konnte keine dieser Reaktionen gemessen werden.

Doch nicht nur das Nervensystem wurde vom Wald beeinflusst, auch im Immunsystem wurden Veränderungen festgestellt. In einer anderen Studie wurden bei Personen, die sich drei Tage im Wald aufhielten, eine erhöhte Anzahl und stärkere Aktivität natürlicher Abwehrzellen nachgewiesen. Bei einigen Versuchspersonen erhöhten sich sogar Anzahl und Aktivität sogenannter natürlicher Killerzellen – die erkrankte Körperzellen (z.B. virusinfizierte Zellen und Tumorzellen) erkennen und zerstören. Auch nach 30 Tagen waren diese Zellen noch aktiver als bei Vergleichspersonen, die sich statt der drei Tage im Wald in der Stadt aufgehalten hatten. Die Forscher vermuten, dass bestimmte Pflanzenstoffe in der Luft für diesen Effekt verantwortlich sind.

Welcher Wald macht am glücklichsten?

Wild, natürlich und ursprünglich – so würden wahrscheinlich die meisten von uns den idealen Wald beschreiben. Also das Gegenteil von dem, was in wir im deutschsprachigen Raum vorfinden, nämlich den forstwirtschaftlich betriebenen Nutzwald. Urwälder gibt es bei uns längst nicht mehr, und selbst von dem erklärten Ziel, 5% der deutschen Wälder „stillzulegen“ und als Schutzräume auszuweisen, sind wir noch weit entfernt. Der Wald in Deutschland ist – mit dem vom Bestseller-Autor Peter Wohlleben geprägten Begriff ausgedrückt – eine große „Plantage“.

Erstaunlicherweise wurden bei verschiedenen Studien gerade gut aufgeräumte Wälder als am erholsamsten und beruhigsten ausgemacht. Entscheidend für die positiven Effekte des Waldes ist ein Gefühl von Sicherheit, Überschaubarkeit und Orientierung. Natürlich kann das auch in einem mehr oder weniger unberührten Nationalpark gegen sein. Doch stehen eben selbst die bewirtschafteten Wälder den positiven Effekten im Körper nicht entgegen. Für den Forstarbeiter mag der Wald ein Arbeitsplatz sein, für viele Erholungssuchende ist er trotz seiner Bewirtschaftung ein Ort der Erholung und des Kraftschöpfens.

Und es geht noch weiter: selbst Menschen, die den Wald nur virtuell besuchen, sprich ein Video von einem Waldspaziergang sehen oder sich per Videobrille in einem computergenerierten Wald bewegen, zeigen die gleichen körperlichen Veränderungen wie die Besucher eines echten Waldes. Zwar in abgeschwächter Intensität, aber dennoch nachweisbar. Ein japanisches Forscherteam konnte darüber hinaus zeigen, dass bei den Bewohnern eines Altenheims schon nach einem 15-Minütigen Aufenthalt auf einer waldähnlich bepflanzten Terrasse die physiologischen Stressparameter abnahmen.

Wald macht gesund. Egal, ob es ein rumänischer Urwald….
…oder ein deutscher Nutzwald ist.

Fazit: Der Wald macht gesund – nutzen wir das!

Wenn es dir im Wald gut geht, dann liegt das nicht an deinem Hang zur Romantik. Es hat auch nichts mit Esoterik zu tun. Sondern mit Biologie. Die österreichische Sekundärstudie, der alle hier zitierten Studien entnommen sind, kommt deshalb auch zu dem eindeutigen Fazit, dass der Wald sowohl psychische als auch physische Gesundheitswirkungen besitzt. Im Wald setzt dein Körper ganz automatisch Erholungs- und Regenerationsprozesse in Gang. Weniger negative, mehr positive Emotionen, weniger Stress, Erschöpfung und Niedergeschlagenheit sind die Folgen.

Der Wert unserer Wälder für unsere Gesundheit (und damit auch unsere Volkswirtschaft) lässt vor diesem Hintergrund kaum beziffern. Leider sind es Deutschland vor allem die Forstwirtschaft und der Naturschutz, die Anspruch auf den Wald erheben. Der Mensch ist meistens ein Störfaktor, entweder bei der Holzernte oder bei der Rückführung des Waldes in seinen Urzustand. Dass es auch anders geht, lässt sich eindrücklich in Großbritannien beobachten, wo die sogenannte social forestry seit Jahrzehnten eine großen Anteil der Aufgaben der Forstverwaltungen ausmacht. Um Menschen in den Wald zu locken, werden hier große Mengen Geld ausgegeben und unterschiedlichste Projekte realisiert – die fantastischen Trailcenter für Mountainbiker sind nur ein Resultat davon.

Der Wald macht gesund – das ist wissenschaftlich belegt. Naturschutz ist wichtig, aber was ist „Menschenschutz“? Pauschale Verbote, die meistens Mountainbiker betreffen, bekommen so noch ein weiteres Gegenargument. Ich finde, der Mensch als Besucher – egal ob Wanderer, E-Biker, Mountainbiker, Spaziergänger –  hat einen gleichberechtigten Platz zwischen Naturschutz und Holzernte verdient. Baut naturverträgliche Trails, Wanderwege, Klettergärten, Besucherzentren, Hütten, was auch immer! Macht die Menschen glücklich. Sie werden es mit Gesundheit danken.

Gibt es etwas Verlockenderes, als einen Weg, der dich in den Wald hineinführt?

  1. Danke für den interessanten und klasse geschriebenen Artikel!
    Bin eben erst auf writing-trails gestoßen und werde mich mal genauer umsehen!

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  2. Hallo Hannah,

    durch diesen Artikel bin ich auf Deinen Blog gestoßen – wunderbar geschrieben!

    Deine Erklärung zur Wirkungen des Waldes gibt genau das wider, was ich fühle, wenn ich dort unterwegs bin. Egal ob beim Wandern, mit dem Mountainbike oder dem Packraft, und ich freue mich, jetzt auch dafür eine wissenschaftliche Erklärung zu kennen. Danke Dir!

    Ich hoffe mit Dir, dass naturverträgliche Waldnutzung für alle Beteiligten weiterhin ausgebaut wird und wir alle so vom Wald und seiner Wirkung auf uns profitieren können.

    Viele Grüße
    Cora

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    1. Hallo Cora,
      mir ging es genauso, als ich die Studien las. Ich fand es einfach unglaublich spannend zu merken, dass das ncht alles Einbildung ist.
      Und wie es aussieht, scheint es ja nicht nur uns so zu gehen 🙂
      Viele Grüße,
      Hannah

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  3. Du sprichst mir aus der Seele. Seit ich weiter weg von den Bergen wohne ist der Wald ein super Rückzugsort fürs wandern und erholen geworden 🙂

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  4. Interessanter Artikel. Ich spüre dies und bin davon überzeugt. Jetzt gibt es sogar eine Studie die es bestätigt. Der Wald ist die Heimat unserer Ururahnen, deswegen fühlen wir uns so gut. Bin gern im Wald. Deswegen brauchen wir mehr Urwald Schutzgebiete auch in unserer Region.

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  5. Prima! Endlich eine Erklärung für dieses Gefühl im Wald 🌳 Und Kompliment für diesen Artikel mit echtem Neuigkeitswert!

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    1. Gerne! Danke dir für eure interessanten Interviews…werde ich öfers mal vorbeischauen!

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  6. „Waldbaden“ war schon immer gesund. Ist jetzt aber eine Erfindung des modernen Gesundheitstourismus. Die Japaner praktizieren es mit Erfolg.

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  7. Du hast mich noch heißer auf den Frühling gemacht als ich es eh schon bin. Der Frühling bringt mir die schönste, gesündeste, fröhlichste Zeit – Der tolle Wald wird grün. Es gibt für mich keine andere Jahreszeit im Wald die mir soviel gibt. Ich muss jeden Tag mit dem Hund. Zu Fuß oder mit dem Bike. Die grüne Frische öffnet meinen Körper aus der Winter Depression:)
    Das hast du super geschrieben Hannah 😉

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