Ist das Kunst oder kann man das fahren?

Mountainbikes und ihre Komponenten kamen für mich bisher aus dem Karton wie für Stadtkinder die Milch. Eine neue Faszination für den beschwerlichen Weg vom Nichts zum fertigen Produkt wurde in mir geweckt, als ein ungewöhnlicher junger Mann in meine Nachbarschaft zog. Einer, der eines Tages entschied: heute baue ich mir eine Federgabel.

Eine Federgabel ist eine Federgabel ist eine Federgabel. Zumindest für mich als Endkonsumentin. Klar, es gibt Unterschiede in Performance, in den Funktionen, in der Qualität, alles Merkmale, die sich im Preis wiederspiegeln. Letztlich ist sie für mich aber ein lebloses Ding, das Resultat eines undurchsichtigen, fein verästelten, erdumspannenden Produktionsprozesses, den ich nicht durchschaue. Bei „Hausbesuch“- Artikeln über die großen Hersteller sehe ich Fotos von hippen Ingenieurbüros, großen Lagerhallen und schicken Firmenzentralen – eine Seele hat das Endprodukt von der Stange deshalb noch lange nicht. Zwischen dem Nichts und dem fertigen Ding, das meine Schläge absorbiert und mich schneller fahren lässt, liegen unüberbrückbare Gräben.

Oder besser gesagt: lagen, denn seit Cornelius Kapfinger, Wunderkind der Ingenieurszene, in meine Nachbarschaft gezogen ist, sehe ich Gebrauchsgegenstände mit anderen Augen.

Der geborene Ingenieur?

Cornelius Kapfinger wird 1986 in Regensburg geboren. Schon als Schüler sägt er sich aus Carbonplatten die Teile für selbst gebaute Kettenführungen zurecht. Die Maße dafür misst er mit dem Geodreieck von Bildern aus dem Internet. Der geborene Ingenieur? Nicht wirklich. Er belegt den Kunst-Leistungskurs, hat keine Ahnung, was er mal studieren soll – vielleicht Landschaftsgärtnerei? Nach dem Abi erstmal ein FSJ in der Pflege. Durch das anschließende Wirtschaftsingenieursstudium kämpft er sich durch, Leidenschaft sieht anders aus. 2016 zieht er für seine erste Festanstellung als Ingenieur nach Freiburg.

Nach Feierabend widmet er sich nach wie vor seinen eigenen Kreationen. Nicht nur die berüchtigte Upside-down Federgabel Intend Edge entsteht in dieser Zeit, auch andere Projekte führt er bis zur Marktreife. Während andere Menschen in ihrer Freizeit malen, kochen oder Vogelhäuschen bauen verwirklicht sich Cornelius in Scheibenbremsen, Vorbauten und Federgabeln selbst. Und das, obwohl er als Ingenieur in der Bike-Branche doch schon tagsüber nur mit Berechnungen beschäftigt ist. Warum tut jemand so etwas?

„Ein guter Freund von mir ist Künstler. Wir haben die gleichen Arbeitsprinzipien. Wir erschaffen Dinge aus dem Nichts“.

Konstruieren als Bestimmung

Die Antwort liefert ein ausgefranster, zerfledderter Collegeblock. Auf den ersten Blick ein simples Skizzenheft, das ein bisschen mehr an einen Oberstufenschüler erinnert als an ein Wunderkind. Dieser Block ist die stunde Null, der Anfang alles Schaffens, der rohe Stein, die Leinwand. Jede der Entwicklungen nimmt hier ihren Anfang als simple Skizze. Hier wird von Hand bereits alles festgelegt: die Proportionen, die Funktion, das Design. Erst, wenn hier alles stimmt, geht es an den Computer, um Berechnungen anzustellen und der Idee die endgültige Form zu verpassen.

Wo alles beginnt

Wenn Cornelius über das Konstruieren redet, glaubt man einem von der Muse geküssten Künstler zuzuhören. Er spricht von Ideen, die im Kopf auftauchen, keine Ruhe geben, verwirklicht werden wollen. Er erzählt, konstruieren zu müssen, nicht still sitzen zu können, bis ein Projekt langsam an Konturen gewinnt.

In einem auf Massenproduktion spezialisierten System stößt ein solcher Verwirklichungsdrang schnell an seine Grenzen. Es sind ja nicht nur die Arbeiter, die an Fließbändern nur einzelne Arbeitsschritte isoliert von einander ausführen – auch der Kopf einer Firma ist in spezielle Bereiche zergliedert. Entwicklung, Design, Produktmanagement, Marketing – jeder macht seine Aufgabe. Erst nach Feierabend verkörpert Cornelius wieder alle Bereiche in aller Person. Bei seinen Projekten verschwimmen die Grenzen zwischen Handwerk, Wissenschaft und Kunst zu einem ganzheitlichen, kreativen Schaffensprozess. Einer, der so erfüllend ist, dass Cornelius seine Stelle mittlerweile gekündigt hat um mehr Zeit für ihn zu haben.

Überlebenskunst

Die eigentliche Kunst beginnt nämlich erst, wenn die Berechnungen abgeschlossen sind und der erste Prototyp gefertigt werden soll. Denn ab jetzt wird es schwierig: Eine Industrie, die für die Massen fertigt, denkt in entsprechenden Dimensionen. Stückzahlen lautet das Zauberwort. Kein Industriefräser, weder in Deutschland noch in Asien, wirft die teuren Maschinen an für Kleinstaufträge. Jeder Modeschöpfer, Konstrukteur, Erfinder kennt das Problem: Die Schwierigkeit ist nicht unbedingt die Idee oder das Entwerfen selbst, sondern der Zugang zu Produktionsmitteln. Viele Innovationen sind an dieser Hürde bereits gescheitert. Doch Cornelius erweist sich in dieser Sache als ziemlich zäh.

Den wichtigsten Rohstoff Aluminium erbettelt er sich mit viel Hartnäckigkeit von einem verdutzten Vertreter der Süddeutschen Metallhandelsgesellschaft: „Ich bestellte 5 kg. Ich wurde erst mal ausgelacht“. Über Internetforen knüpft er Kontakte zu Hobby-Fräsern und Freizeit-Drehern, die ihm Bauteile in winzigen Stückzahlen anfertigen. Keiner von ihnen lebt ausschließlich von diesem Handwerk – es sind Menschen, die wie Cornelius brennen für das, was sie tun.

Auf dem Weg zur Perfektion

Neben Diplomatie und Glück ist es immer wieder die Kreativität, die Cornelius Projekte vor dem Scheitern bewahren. Da er nur wenige Teile maßgefertigt herstellen kann, müssen Alternativen her: die Anschlaggummies in der Intend Edge sind eigentlich Kufen von ferngesteuerten Mini-Helikoptern, die Dichtungsringe stammen aus Abfluss Siphons und als Montage-Tool für einen einteiligen Vorbau wird ein Pfannenwender mitgeliefert. Jedes noch so kleine Bauteil wird zur Aufgabe, denn „mal eben eine neue Form anfertigen lassen, um ein paar Tausend produzieren zu können“ ist einfach nicht drin.

Die Suche nach Kontakten, nach passenden Teilen und Lösungen für unvorhergesehene Probleme verschlingen Wochen und Monate. Und Geld. Materialien und Herstellungskosten zahlt Cornelius aus eigener Tasche, oftmals ohne zu wissen, ob am Ende alles so funktioniert, wie geplant. Der Lohn ist das Gefühl, am Ende einen eigenen, inneren Plan verwirklicht zu haben. Ohne Kompromisse, zu hundert Prozent in eigener Verantwortung.

Das fertige Produkt – ein Gesamtkunstwerk

Aber ist das wirklich noch Kunst? Mit Blick auf das Ergebnis hinkt der Vergleich. Denn das Ergebnis, die Intend Edge, sieht nicht nur schön aus. Sie funktioniert auch noch verdammt gut. So gut, dass sie im Vergleich mit den großen etablierten Marken regelmäßig Journalisten begeistert. So gut, dass Jakob Breitwieser, bekannt für eine nicht ganz so zimperliche Fahrweise, sie im Renneinsatz erfolgreich einsetzt. So gut, dass Cornelius Kundenstamm stetig wächst und zufriede Kunden wieder kommen. Cornelius hat sich mittlerweile einen beachtlichen Ruf aufgebaut, und nicht selten fällt in Zusammenhang mit seinem Namen auch schon mal das Wort Genie.

Über Funktionsweisen und Performance der Intend Edge wurde bereits viel geschrieben (zum Beispiel in diesem Test und in diesem Interview). Das Bemerkenswerte an der Intend Edge und ihren Geschwistern sind für mich jedoch nicht die Kennzahlen, sondern dieser dreiste, schöpferische Akt, der hinter ihnen steht. Sie sind die Verkörperung von Risikobereitschaft und Durchhaltevermögen, von Leidenschaft für das eigene Tun und von Widerstand gegen den Status Quo. Von der unsagbaren Anstrengung, Dinge aus dem Nichts zu schaffen, ihnen Leben einzuhauchen und eine Seele zu geben. So etwas gibt es nicht vom Fließband. Das kann nur ein Künstler.

Und die Zukunft?

Wer von seiner Kunst leben will, muss sie verkaufen, um diese Tatsache wird auch ein Freigeist wie Cornelius nicht herum kommen. Ob er deshalb den Aufbau einer eigenen Fertigung anstrebt, die durch Aufgabenteilung für die Masse produzieren kann? Cornelius Antwort darauf ist zweideutig. „Jemand, der sich um Steuern und Buchhaltung kümmert wär schon nicht schlecht“. Mehr möchte er im Moment aber nicht abgeben. Ein Angebot eines Großabnehmers hat er ausgeschlagen. Er genießt es, seine Ideen kompromisslos umsetzen zu können und so zu 100% hinter dem Ergebnis zu stehen.

Damit bleibt die Intend Edge für jemanden wohl auf absehbare Zeit teurer als die Konkurrenz, auch meine Schläge werden nach wie vor von einem Produkt von der Stange abgefedert. Etwas hat sich durch sie aber doch verändert: meine Federgabel ist nicht mehr einfach eine Federgabel. Sie ist ein kleines Wunderwerk der Technik, die Ding gewordene Verkörperung von Idee, Wissenschaft, Rohstoffen und Arbeit, auch wenn in ihr nicht ganz so viel Hingabe und Liebe stecken. Seit ich Einblick in die Arbeit eines kompromisslosen und ganzheitlichen Tüftlers bekommen habe, sehe Gebrauchsgegenstände mit anderen Augen. Es stimmt wahrscheinlich, was John Ruskin, britischer Kunsthistoriker im 19. Jahrhundert schrieb: die Sprache der Dinge, ihre „Seele“, nimmt Einfluss auf unser Leben. Es muss sich verdammt gut anfühlen, mit so einem leidenschaftlich hergestellten Gesamtkunstwerk am Bike herumzuheizen.

Die Intend Edge – ein Gesamtkunstwerk

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Anmerkung: Ich habe für diesen Artikel nichts bekommen außer persönliche Eindrücke in die Arbeit eines sehr faszinierenden Menschen (danke dafür) und lauwarmen Kaffee (das nächste Mal dann doch zu Schwarzwild ;-)).

2 Kommentare

  1. Ich habe vor knapp zwei Jahren die erste dieser wunderschönen Gabeln von Cornelius bekommen. Damals hatte das Baby noch keinen Namen aber die Funktion war schon damals vom feinsten und daran hat sich bis heute nichts geändert. Zur gleichen Zeit wollte X-Fusion eine Single USD Gabel auf den Markt bringen, die Betonung liegt auf wollte. Was diese vergleichsweise große Firma in über zwei Jahren nicht hinbekommen hat, übrigens bis heute nicht, hat Cornelius in nur wenigen Monaten umgesetzt. Da sich Qualität durchsetzen wird, ist es eine gute Entscheidung das Projekt in eigener Hand zu behalten und nicht an Firma XYZ abzutreten. Das Großabnehmer Interesse daran haben, zeigt ja das diese Projekt funktioniert.

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