Girls, Mädels, Ladies – fangt an, euch ernst zu nehmen!

„Frauen müssen aufhören, sich selbst als Girls zu bezeichnen!“ Das ist die Antwort von Caroline Drucker (Head oft Strategic Partnership bei Instagram) auf die Frage, wie man mehr Frauen in die Tech-Branche bekommt. „Fangt an, euch ernst zu nehmen!“, lautet ihre Message. Lässt die sich auch auf den Mountainbikesport übertragen?

Wenn in sozialen Medien oder in der Presse Frauen auf Mountainbikes ins Spiel kommen, fallen ziemlich schnell die Wörter Ladies, Girls oder Mädels. Zugegeben, anfangs habe ich mich über Hashtags wie #likeagirl noch gefreut, weil sie für ein neues Selbstbewusstsein standen und zeigen: Mädchen zu sein ist kein Defizit!

Abgesehen davon zucke ich aber jedesmal zusammen, wenn erwachsene Frauen jeden Alters als Girls oder Ladies bezeichnet werden. Fast alle Frauen auf Mountainbikes, die ich kenne, sind jenseits der Zwanzig und zeigen auf ihren Fahrrädern, dass sie Freude an einem technischen, körperlich herausforderndem Sport haben. Zwischen diesen Frauen und der selbst gewählten oder von anderen gegebenen Bezeichnung tun sich dann Gräben auf.

Ladies sind vornehme Damen, die sich nicht schmutzig machen und in Kutschen durch die Gegend gefahren werden. Mädchen sind Kinder, die noch nicht für sich selbst sorgen können und auf Fürsorge angewiesen sind. Eine Frau auf einem Mountainbike dagegen kann eine Menge sein, eine Sportlerin, eine Kämpferin, eine Genießerin, eine Träumerin, eine Racerin, eine Abenteurerin – aber sicher keine vornehme Dame oder ein kleines Kind. Zumindest fällt mir keine einzige Frau ein, auf die diese Beschreibung zutrifft, wenn sie auf einem Bike sitzt.

Warum wählen viele die Bezeichnung dann freiwillig?

Man kann sagen „ist doch ironisch gemeint, ist doch nicht so wild“. Ich finde es aber schon auffällig, wie oft die Wörter gerade von Mountainbikerinnen benutzt werden. In meinem Yoga-Studio begegnen mir diese Bezeichnungen jedenfalls nie.

Deshalb habe ich eine Vermutung: für Frauen ist es einfach nach wie vor extrem schwierig, sich in einem „männlichen“ Sport wohl zu fühlen und ein angemessenes Selbstverständnis zu entwickeln. Es hat etwas mit Identität zu tun. Viele fühlen sich unwohl, ein bisschen fehl am Platz zwischen so vielen Typen, denen man eh nie das Wasser reichen wird. Also ist man lieber übertrieben niedlich, süß, girlie. Damit gibt man Verantwortung ab und zeigt außerdem: nur weil ich gerne im Schlamm spiele, bin ich noch lange kein Mannsweib. Nur so kann ich mir erklären, warum mitten im Leben stehende Frauen, mit Menstruation und eigener Steuererklärung, auf Mountainbikes wieder zu Girls und Mädels werden – sei es, weil sie in der Werbung so dargestellt werden oder weil sie die Begriffe selbst wählen. Gut, und ein bisschen gesellschaftlich bedingter Jugendwahn kommt wahrscheinlich auch noch dazu.

Und warum ist das ein Problem?

Ganz einfach: weil Sprache unsere Wahrnehmung bestimmt, unsere Sicht auf die Welt und auf andere Menschen. Ich war selbst bis zum Rand voll mit Vorurteilen bevor ich meinen ersten „Ladies only“-Fahrtechnikkurs guidete. Ich erwartete einen albern gackernden Hühnerhaufen, der sich dämlich anstellt und schnell zu heulen anfängt. Stattdessen lernte ich eine Gruppe faszinierender Persönlichkeiten kennen, mit ihren eigenen Geschichten, mit unterschiedlichen Talenten, Ängsten und Fähigkeiten. Klar waren wir manchmal mädchenhaft albern. Genauso oft aber mutig, selbstbewusst, solidarisch, stark, neugierig, draufgängerisch. Diese Erfahrung mache ich seitdem immer wieder: das sind keine süßen Kinder – sondern erwachsene Frauen, vor deren Lebenserfahrung man einen höllischen Respekt haben muss. Warum können wir dieses Bild nicht noch mehr nach außen tragen? Ich glaube, dass wir genau das tun müssen, wenn wir Frauen für das Mountainbiken begeistern wollen.

Wer im Erwachsenenalter als Girl oder Lady auftritt, muss sich nicht wundern, belächelt zu werden. Mädchen tätschelt man den Kopf, Ladies hält man die Tür auf – gleichberechtigte und ernstzunehmende Gesprächspartner für erwachsene Menschen sind sie beide nicht. Und Vorbilder für Frauen, die Geld verdienen und/oder Kinder großziehen und nebenbei auf der Suche nach einem erfüllenden Hobby sind, ebensowenig.

Deshalb ein Vorschlag: hören wir auf, uns und andere Frauen kleiner zu machen, als wir sind. Fangen wir an, uns ernst zu nehmen als das, was wir sind. Als Frauen. Denn daran ändern auch Mountaibikes nichts!

„You may swear like a saylor – but you are a woman. And you shouldn’t have to apologize for that. You define the woman that you are. And if you feel uncomfortable to call yourself a woman – ask yourself why.“

 – Caroline Drucker

 

Kommentar verfassen