Die Mensch Maschine

Vergiss für einen Moment, dass es normal ist, auf einem von dir mechanisch angetriebenen Gerät deine Reichweite und Geschwindigkeit um ein Vielfaches erhöhen zu können. Vergiss kurz, dass ein Fahrrad logischerweise zwei hintereinander angeordnete Räder hat, zwischen denen du sitzt. Vergiss alles, was du für selbstverständlich hältst. Das Fahrrad wird 200 Jahre alt – und hat es verdient, bestaunt zu werden:

Ein faustisches Versprechen

Der französische Mathematiker Jacques Ozanam veröffentlicht im Jahr 1696 ein Buch mit dem Namen Recreations Mathematiques et Physiques. Darin stellt er seinen Zeitgenossen eine Reihe kniffliger physikalischer Rätsel, aus deren Lösung er sich Nutzen für die Zukunft verspricht. In Aufgabe Nummer 23 regt er die Erfindung einer selbstfahrenden Maschine an, angetrieben weder durch Pferde noch durch Wind, sondern einzig und allein durch die eigene menschliche Kraft.

So simpel und selbstverständlich uns das Fahrrad heute erscheint, so fantastisch muss der Gedanke an eine vom Menschen selbst angetriebenes Transportmittel vor Erfindung des Fahrrads gewesen sein. Zu Fuß kommt man schließlich nur langsam voran, Pferde sind anspruchsvoll in der Haltung, und das vom Wind angetriebene Segel ist den Launen der Natur ausgesetzt. Die Vorstellung, seine eigene körperliche Kraft zum Antrieb eines Gefährts nutzen zu können, muss etwas Magisches, ja Faustisches an sich gehabt haben. Aber wie zur Hölle könnte so eine Maschine aussehen?

So jedenfalls nicht – einer der frühen Entwürfe aus dem Jahr 1804

Einfachheit setzt sich durch

Es dauerte noch bis zum Jahre 1817, bis ein deutscher Förster eine Erfindung vorstellt, die das Potenzial hat, das von Ozanam gestellte Rätsel zu lösen. Nach mehreren gescheiterten Versuchen mit vier-rädrigen Apparaten präsentiert Karl von Drais seine „Laufmaschine“: zwei hintereinander angeordnete Räder, verbunden durch eine Sitzstrebe, von der sich der Fahrer mit den Füßen vom Boden abstößt um Vortrieb zu generieren. Wie bei fast allen genialen Erfindungen ist es nicht Komplexität, sondern Einfachheit, die den Durchbruch markiert.

Die nach seinem Erfinder benannte Draisine ist noch heute die Urform aller Fahrräder. Vom BMX bis zum Cargobike, jedes Fahrrad trägt in sich die DNA dieses auf radikalen Reduktion beruhenden Konzepts von Drais‘. Bis die Laufmaschine jedoch fahren lernte und seine heutige Gestalt bekam, ist es allerdings noch ein weiter und verworrener Weg.

Die Entwicklung des Fahrrads – ein europäisches Gemeinschaftsprojekt

Der französische Schmied Pierre Michaux bringt 1867 an der Achse des Vorderrads Kurbel und Pedale an: der Antrieb ist geboren. Was von Journalisten zunächst als Laune und vorübergehender Trend belächelt wird, setzt sich schnell als neuer Standard durch. Die Ära der „Boneshaker“, wie die unbequemen, rumpelnden Gefährte genannt werden, bricht an. Nicht nur für den alltäglichen Gebrauch erweisen sie sich als praktisch, auch der sportliche Geist ist geweckt und schon bald blüht ein bunter Wettkampfzirkus. Aus ihm geht auch der nächste Evolutionsschritt hervor: James Moore, britischer Radrennfahrer, startet im August 1870 mit einem Aufsehen erregendem Velociped bei einem Wettkampf: 43 Zoll Durchmesser misst sein gigantisches Vorderrad und sichert ihm nicht nur Sieg, sondern auch den Streckenrekord. Das große Vorderrad erweist sich nicht nur als schneller, sondern sehr viel alltagstauglicher: Durch den hohen Sitz schützt es die Fahrer vor Dreck und Staub während es gleichzeitig größere Stöße absorbieren.

Eine Boneshaker-Fahrerin, dargestellt in einer Zeitung aus dem Jahr 1869

Im Laufe der Jahre werden die Vorderräder deshalb immer größer, doch mit den wachsenden Durchmessern entfernt sich das Fahrrad von seinem einstigen Vorteil, ein Transportmittel für den kleinen Mann zu sein. Seine Benutzung erfordert athletisches Können und birgt noch dazu Gefahren, die sich nur Bessergestellte leisten können. Dennoch setzt die mittlerweile florierende Zweirad-Industrie voll und ganz auf das Hochrad, mit dem am Ende der 1870er JAhre „das ideale Fahrrad“ gefunden zu sein scheint. Durch kleine Verbesserungen, von gefederten Sätteln bis hin zu Speichenrädern, wird es stetig perfektioniert. Niemand zweifelt daran, dass eine Rückkehr zu den unbequemen, ineffizienten Niederrädern ausgeschlossen ist.

Geiler Typ: James Moore auf seinem 29… äh 43er Racebike

Als John Kemp Starley 1885 in London sein „Rover Safety Cycle“ vorstellt, ist die Fachpresse daher zunächst mehr als skeptisch. Die kleinen Laufräder erinnern an die längst überholten Boneshaker (welch ein Rückschritt!) und das über eine Kette und Zahnräder angetriebene Hinterrad sieht verdächtig danach aus, viel zu viel Reibungsverlust zu erzeugen. Doch Starleys Neuerung überzeugt jeden, der es fährt, und schon ein Jahr später beginnt es die Hochräder vom europäischen Markt zu verdrängen. Die Amerikaner verschlafen den Trend zunächst komplett, Marktführer Pope sieht in ihm nichts weiter als eine „passing fancy“ – ein verheerender Fehler, den weitsichtigere Importeure schnell zu ihrem Vorteil zu nutzen wissen. Mit Beginn der 1890er Jahre gibt es nur noch ein Fahrrad auf den Straßen : Das „Rover-Style Bike“-  gleichgroße Räder, diamantförmiger Rahmen, kettenangetriebenes Hinterrad. Die Nachfrage explodiert.

geht doch: das Rover, wie es 1885 von Starley auf der Messe präsentiert wurde. Laufrädergröße, Rahmenform und der komplizierte Lenkmechanismus wurden noch im selben Jahr weiterentwickelt

„Everything is bicycle“ – das Fahrrad als Gesellschaftsveränderer

Ende des 19. Jahrhunderts befindet sich das Fahrrad in der Hochphase. Polizei, Post und selbst die Armee nutzen Fahrräder für ihre Zwecke. Es entsteht ein flächendeckendes Netz aus Reparatur-Läden, fast jeder größere Händler führt Fahrräder im Sortiment, alleine in den USA gibt es über 300 Hersteller. 1895 wird in Brooklyn die erste Fahrrad-Schnellstraße eröffnet, zenhtausende Menschen nehmen an der Einweihung teil. Für Frauen ermöglicht das Rad eine nie dagewesene Freiheit, fast ein drittel der Radfahrer sind weiblich. Gemeinsam kämpfen sie nun für Wahlrecht, Berufsrecht und gegen die strengen viktorianischen Sitten. Jeder, vom Professor bis zum Dienstmädchen, fährt Fahrrad. Nur eine selbstfliegende Maschine, so die gängige Meinung damals, könnte dem Boom jemals ein Ende setzen.

Nicht jedem gefielen die Veränderungen: Karikatur aus dem Jahr 1897

Bekannterweise war es eine sehr viel unaufregendere Erfindung, die das Fahrrad vom Thron stoßen sollte. Kein Fluggerät, sondern ein schnöder Verbrennungsmotor setze der Fahrrad-Ära langsam aber sicher ein Ende. Zwei Weltkriege und ein Wirtschaftswunder später ist das Fahrrad auf einmal das Auto für Arme, sträflich vernachlässigt von Stadtplanern, Wirtschaftsförderung und der allgemeinen Anerkennung. Wer aber das Auto für die Krone der Ingenieurskunst hält, vergisst, dass es seine Erfolgsgeschichte dem Fahrrad zu verdanken hat. Viele Technologien, vom Kugellager bis zum Luftreifen waren vom Fahrrad-Pionieren entwickelt worden. Die Massenfertigung des Automobils wurde durch die Industrien ermöglicht, die das Fahrrad-Zeitalter hervorgebracht hatte. Und selbst Tankstellen ließen sich nur deshalb in so kurzer Zeit flächendeckend errichten, weil sie in vielen Fällen in die bereits vorhandenen Fahrrad-Raparatur Läden einzogen.

Die Welt retten – auf einer 200 Jahre alten Erfindung

Erst in den letzten Jahren bekommt das Fahrrad endlich wieder die Anerkennung, die es verdient. Es erobert sich die Städte zurück und ist drauf und dran, dem Auto als Statussymbol den Rang abzulaufen. Manch einer schreibt ihm gar eine wesentliche Rolle beim Stoppen des Klimawandels zu. Das in die Jahre gekommen Fahrrad wird auf einmal wieder zum Heilsbringer der Zukunft. Und das, obwohl es sich seit 1885 kaum verändert hat: ein paar Verbesserungen hier und dort, Freilauf, Bremsen, Gangschaltung, etwas weniger Gewicht, etwas mehr Komfort. Ein paar sportliche Ausdifferenzierungen. Die Philosophie aber ist die gleiche geblieben: zwei Räder, ein Antrieb, simpelste Mechanik klug angewandt um aus wenig viel zu machen – ein Wunderwerk der Effizienz. Und so radeln wir heute selbstverständlich durch unser Leben auf einer Erfindung, die den Menschen bereist seit mehr als 300 Jahren im Kopf herumgeistert. Das mechanische Pferd, die „human powered machine“  – die perfekte Symbiose aus Mensch und Maschine.

Nur eines scheint diese Idylle zu trüben: der Elektromotor, gehasst und gehypt wie einst Pedale, kleine Laufräder und Kettenantrieb. Ist er das zu komplizierte Extra, dass die ursprüngliche Idee der Reduktion auf das Wesentliche verrät? Oder nur ein folgerichtiger Entwicklungsschritt, der das Fahrrad auf die nächste Evolutionssstufe hebt? Werden wir uns eines Tages über ihn amüsieren, wie über die vielen Sackgassen, die es in der 200-Jährigen Geschichte des Fahrrads gab? Oder über die Kritiker, die nicht erkennen wollten, dass es die logische Weiterentwicklung ist? Wenn sich aus der Geschichte des Fahrrads eines lernen lässt, dann wohl nur, dass es mit Sicherheit anders kommt als erwartet. Es bleibt spannend. Auf die nächsten 200 Jahre!

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Bildquelle und ausdrückliche Weiterlese-Empfehlung: „Bicycle. The History“ von David V. Herlihy

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