Wie ich dank Wladimir Kaminer das Mountainbiken entdeckte – und was sich daraus lernen lässt

„Und, wie hast du mit dem Mountainbiken angefangen?“ Meistens antwortet man kurz und knapp, erinnert sich an den ersten Tag auf dem Bike. Man kann aber auch tiefer graben und die Kette von Zufällen weiter zurückverfolgen. Ich wette, dass jeder auf diese Weise wundersame Geschichten erzählen kann, die weit über „weil mein Freund halt Mountainbike fuhr“ hinausreichen. Meine geht wie folgt:

Es ging mit „Russensoul“ los. Irgendwie hatte ich eine CD mit den von Wladimir Kaminer zusammengestellten russischen Chansons in die Hände bekommen. Ich ging damals in die Oberstufe und die traurig-süßen Melodien passten perfekt zu meiner spätpubertären Weltschmerz-Phase. In meinem Mini-Disc Player liefen die Lieder auf dem Weg zur Schule rauf und runter. Durch sie verliebte ich mich in die russische Sprache, und mein Russland-Spleen nahm seinen Lauf.

Immer mehr russische Künstler gesellten sich in mein Leben. Ich schmachtete in den Theaterstücken von Anton Tschechow, verschlang Bücher von Dostojewski und Bulgakow und konnte mich nicht an den Filmen von Andreij Tarkowski und seiner beklemmenden Bildsprache sattsehen. Die fantastischen Geschichten, die Abgründe der menschlichen Existenz, das bittersüße Leben – ich war vernarrt in die russische Seele.

In der Universität hatte ich endlich Gelegenheit, einen Russisch-Sprachkurs zu besuchen. Das kyrillische Alphabet war schnell gelernt, und so quälte ich mich von da an durch ungewohnte Aussprache, aktive und passive Verben und sechs grammatische Kasus. Unsere Lehrerin war streng, ich machte schnell Fortschritte. Außerdem hatte ich ja die Musik von Kaminer, deren Texte ich nun nach und nach immer besser verstand. Irgendwann war es soweit – ich fühlte mich gewappnet, nun endlich das Land meiner Sehnsüchte zu bereisen.

Leider gab mein bescheidener Studenten-Geldbeutel nicht genug für Flug und Visum her. Also musste ich eine andere Lösung finden. Wie sich herausstellte, brauchte ich als EU-Bürgerin kein Visum für die Ukraine, und eine Busgesellschaft bot Fahrten zu unschlagbaren Preisen an. Und so stieg ich eines Märzabends im Jahr 2010, nach einer fast dreißig stündigen Busfahrt, im  verschneiten und frostigen Kiew aus.

Meine Couchsurfing-Gastgeberin empfing mich wie vereinbart vor einem Supermarkt in einem Kiewer Vorort, der alle meine schlimmsten Vorstellungen sowjetischer Architektur-Verbrechen haushoch überragte. Es war atemberaubend hässlich. Dafür entpuppte sich meine Gastgeberin, nennen wir sie Katja, als echter Glückstreffer. In ihrer WG wurden wir mit Drum ’n‘ Bass und Starkbier begrüßt. Katja erzählte, wie sie es zwei Jahre in Folge geschafft hatte, über einen Literaturwettbewerb Karten für das Sziget-Festival zu gewinnen. Ihre Lebensphilosophie bestand aus Peace, Love and Art. Sie sprühte förmlich vor Lebenslust und arbeitete noch dazu im Museum für Moderne Kunst – es war Freundschaft auf den ersten Blick.

Ich war damals noch nicht bei Facebook. Couchsurfing dagegen, so meine Überzeugung, war der wertvollste Höhepunkt, den das Internet je erreichen könnte. Wozu, wenn nicht dazu Menschen zu verbinden, über alle Staats- und Kulturgrenzen hinweg Gastfreundschaft zu leben und damit zu Austausch und Frieden beizutragen, hätte es schon dienen sollen? Noch heute bin ich davon überzeugt, dass mir meine Erfahrungen beim Trampen und Couchsurfen den Glauben an das Gute im Menschen tief in mein Weltbild verwurzelt haben und bedaure, dass beides zum Reisen mit dem Mountainbiken so ungeeignet ist. Aber zurück zum Thema.

Ich besuchte Katja im Museum, in dem sie zwischen all den grau-schwarz gekleideten Kulturschaffenden hervorstach wie ein Kanarienvogel. Sie gab eine Führung durch die Sammlung und erzählte inbrünstig und aufrichtig von den ausgestellten Kunstwerken. Ich streifte weiter durch die Straßen von Kiew, besuchte das Geburtshaus Bulgakows, besichtigte pompöse orthodoxe Kirchen, füllte Seite um Seite meines Notizbuches und tanzte zu wummernden Bässen in überfüllten Nachtlubs. Ich tat all das, was damals für mich eine erfüllte Reise ausmachte.

Eines Nachmittags wollte Katja snowboarden gehen. Sie sprach von ihrem letzten Trip in den Karpaten genauso begeistert wie von der Ausstellung, also willigte ich ein. Bis vor einigen Jahren war ich selbst im Winter auf dem Brett gestanden, aber immer nur im Rahmen der Skinachmittage. Nach der Schule hatte ich das Interesse verloren und das Ganze auch nie wirklich vermisst. Katjas Mitbewohner lieh mir seine Ausrüstung, und so machten wir uns auf den Weg zu einem kleinen Hügel mit Skilift – mitten in Kiew.

Plötzlich stand ich also mit dem Snowboard unter den Füßen auf einer Skipiste. Unter uns glitzerten die Lichter der Großstadt. Katja tobte sich bei den Kickern aus während ich damit beschäftigt war, die seit fünf Jahren ungenutzten Bewegungsmuster hervorzukramen. Es funktionierte! Gewicht verlagern, Balance halten – es tat wahnsinnig gut, und mein Notizheft blieb an diesem Abend leer.

Dann wollte ich weiter in den Süden reisen: in die Hafenstadt Odessa am Schwarzen Meer. Alleine die russische Aussprache des Namens – Adjeeessa – jagte mir Gänsehaut über den Rücken. Zu meiner großen Freude entschied sich Katja spontan, mich zu begleiten. Wir nahmen den Nachtzug und erwachten fernab vom Kiewer Eis und Schnee im frühlingswarmen, mediterranen  Odessa.

An unseren Couchsurfing-Gastgeber dort erinnere ich mich nicht, wir bekamen ihn kaum zu Gesicht. Er bot uns einfach sein Gästezimmer und musste die ganze Zeit arbeiten. Die zwei Mountainbikes im Hof sollten wir auch gerne benutzen. Gesagt, getan. Nach der Erfahrung mit dem Snowboard war ich Abwechslung nicht mehr abgeneigt und bereit, selbst so abstruse Dinge wie Mountainbiken schienen mir auf einmal interessant. Für mich war das allerdings weniger problematisch als für Katja. In ihrem Leben hatte sie nur wenige Male auf einem Fahrrad gesessen, und so torkelte sie die ersten Meter mit zitterndem Lenker über den Fußweg. Auf meine Frage, ob wir das Ganze nicht lieber lassen sollten, erwiderte sie bestimmt: „No! I love challenges!“, und kämpfte weiter, bis sie schließlich flüssig fahren konnte.

Wir kurvten durch ein lichtes Wäldchen an der Strandpromenade, vorbei an schlafenden Straßenkötern, Karten spielenden Babuschkas mit bunten Kopftüchern und Gedenktafeln, die auf die bewegte, kriegsgeschüttelte Geschichte der Stadt aufmerksam machten. Endlich – so schrieb ich später in mein Notizbuch – stimmte die Geschwindigkeit um mich herum mit der in meinem Kopf überein. Denn genau so war es: vorbei das Schlendern, Betrachten, Flanieren, Rumhängen. Endlich rauschendes, fließendes Leben. Zurückblickend war das wahrscheinlich nicht mehr als eine Spazierfahrt auf zwei Baumarkt-Hardtails. Aber sie war der Auslöser dafür, dass ich, zurück in Freiburg, Bekannte bat, mich mit zum Mountainbiken zu nehmen und 10 Monate später mein Konto für mein erstes eigenes Bike plünderte.

Wieder ein Jahr später schaffte ich es dann doch noch nach Russland. Sotschi, der Kaukasus, das kaspische Meer, die Wolga, die Steppe im buddhistischen Kalmykien – es war eine abwechslungsreiche Reise, und doch vermisste ich hier schon ständig mein Mountainbike. Zu Hause hörte ich auf, russisch zu lernen und verreiste von da an nie wieder für längere Zeit ohne Fahrrad.

Mit Katja habe ich keinen Kontakt mehr. Ich glaube, ihre Liebe zur Kunst hat sie irgendwann nach Berlin gezogen. Was mir von ihr bleibt, ist vor allem ein Satz: „I love challenges“. Zusammen mit dem Bild, wie diese beeindruckende Frau mit eisernem Willen gegen die Schwerkraft kämpft, fest entschlossen, das sich in den Kopf gesetzte Ziel zu erreichen, hat er mir schon in vielen Situationen geholfen: beim Start der Megavalanche, mit zittrigen Knien auf einem Gletscher stehend, mich fragend, was zur Hölle ich hier eigentlich mache – I love challenges. Auf dem Weg zum Balkan, ins Ungewisse reisendI love challenges. Und erst vor ein paar Tagen in der Loipe, auf viel zu dünnen Ski, mich mit der Eleganz eines sterbenden Krebses Meter für Meter vorwärts quälend –I love challenges.

Die Moral von der Geschichte:

Hätte mir Wladmir Kaminer mit seinem Russensoul nicht eine Liebe für die russische Sprache eingeimpft, wäre ich wahrscheinlich nie in die Ukraine gereist, hätte Katja nicht kennengelernt, wäre mit ihr nicht durch ein Wäldchen am Schwarzen Meer gefahren und hätte nie diesen Sport entdeckt, der mich heute zu dem macht, was ich bin. Eins führt zum Anderen, und meistens anders als erwartet – man muss die Dinge nur ins Rollen bringen.

Merke: Mountainbiken kann an den unwahrscheinlichsten Ecken lauern und selbst Menschen anstecken, die es nie es nicht im Entferntesten für möglich gehalten hätten.

Und welcher Zufall steht am Anfang deiner Reise? Nichts würde mich mehr freuen als Kurioses und Überraschendes in den Kommentaren.

Ein Kommentar

  1. Schöne Geschichte!

    Bei mir war es der Fall, daß ich schon als Jugendlicher wußte, daß ich ein MTB haben will, als ich es noch nicht konnte. Das gab es damals nicht einfach so zu kaufen. Es gab seltene Berichte im Fernsehen über neuartige Bergfahrräder und in einem Buch den Hinweis auf „japanische Hochleistungsbergfahrräder mit 18 Gängen“ (nach Gedächtnis wiedergegeben aus Jennrich, „Mein Fahrrad“). In der Jungen Welt war ca. 1989 zu lesen, daß der VEB Mifa Sangerhausen ein MTB entwickelte, welches von Hochleistungssportlern im Kaukasus getestet wurde.
    Für einen Eigenbau-Crosser hatte ich kein Material und auch nicht die nötigen Kontakte. Idealerweise kannte man jemanden, der ein Klapprad mit einem eingeschweißten Oberrohr verstärken konnte und baute dann eine „Esser-Gabel“ (vom Simson SR1-Mofa) ein. Inspiriert war das ganze damals von der lokalen Motocross-Szene und von Filmen, wie der BMX-Bande. „Gecrosst“ wurde dann auf den Wegen in und um die Stadt.
    Als dann endlich das notwendige „harte“ Geld da war (Juli 1990), nannte ich bald ein Giant Hurricane mein Eigen und der Radius der Fahrten dehnte sich schnell aus.

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