die Straße in das abgelegendste Dorf Bosniens: Lukomir

Wie alles begann: von Sarajevo bis nach Albanien

„Auf dem Sterbebett bereuen wir nicht Dinge, die wir getan haben – sondern Dinge, die wir nicht getan haben“. Deshalb brach ich zusammen mit Alke eines Tages auf, um einen Roadtrip ins Ungewisse zu machen. Deshalb schrieben wir einen Artikel über den Roadtrip und schickten ihn an ein Magazin. Deshalb starte ich heute diesen Blog. Alles Entscheidungen, die mich ziemlich viel Herzklopfen kosteten. Die Story unserer Reise, erschienen in der world of mtb, erinnert mich noch heute daran, dass die großartigsten Erlebnisse oft die größte Überwindung kosten.

Auftakt in Bosnien

Mit Bauchkribbeln brechen wir Anfang September 2012 Richtung Osten auf. Nach der ersten Nacht wild Campen an der bosnischen Landstraße steuern wir in Sarajevo einen Campingplatz am Rande der Stadt an. Auf eine Sightseeingtour auf unseren Fullies über bunte Bazare, an Moscheen, orthodoxen Kirchen und Synagogen vorbei, folgt eine Stippvisite in einem kleinen Bikeshop. Hier wollen wir uns Infos über die Trails der Umgebung holen. Der leicht gelangweilte Verkäufer zeigt zwar wenig Interesse für unser Vorhaben, dafür nimmt sich ein Kunde, der unser Gespräch mitbekommt, unserer an. „I can show you some trails“. Auf die Frage, wann er denn Zeit hätte, zuckt er unbeeindruckt mit den Schultern: „now?“. Auf soviel Spontaneität nicht vorbereitet verabreden uns fuür den nächsten Tag und treffen am nächsten Morgen einen übernächtigten Nejat, der nach seiner Nachtschicht nur wenige Stunden schlafen konnte. Entsprechend gemütlich kurbeln wir die nächsten 2 Stunden Forstwege hinauf, während denen unser Guide nun immer wacher und gesprächiger wird. Nejat erzählt über seine Erfahrungen im Krieg, die MTB-Szene in Bosnien und die kleine Gruppe von Locals, die hier regemäßig an zwei Tagen die Woche shapen und shutteln – worauf an jeder Kreuzung auch durch Warnschilder aufmerksam gemacht wird. Am Einstieg angekommen erklärt uns Nejat die ersten Sektionen, wir zwei sind dabei so aufgeregt als ob wir das erste Mal auf dem Bike säßen – endlich geht unser Mountainbikeabenteuer richtig los! Nach dem ersten Einstiegssprung geben wir Gas: uns packt sofort das Achterbahnfeeling, kein Wunder, es geht über Steine und Wurzeln herrlich kurvig bergab. Es fällt uns schwer, immer wieder anzuhalten um auf unseren Guide auf seinem 29er Hardtail zu warten, der uns die nächsten Instruktionen gibt. Als dann noch der Ruf des Muezzin zum Nachmittagsgebet in den Wald heraufschallt, während wir mit Sarajevo zu unseren Füßen den Berg hinunterflowen, fühlen wir uns endgültig wie im Bikermärchen.

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Auf Rat von Nejat begeben wir uns am nächsten Tag in Richtung Bjelasnica Mountain, einem Skigebiet südlich von Sarajevo. Von unserem Schlafplatz am Fuße des Berges brechen wir am nächsten Morgen Richtung Lukomir auf, dem angeblich ältesten und abgelegensten Dorf Bosniens auf. Nachdem wir die ersten hundert Höhenmeter durch engen, knorrigen Wald unsere Bikes über einen steil aufsteigenden Singletrail schieben, öffnet sich nach einer Kurve eine grüne Hochlandschaft mit einem atemberaubenden Blick auf die umliegenden Gebirge. Durch die endlos scheinenden Weiten zieht sich nun eine Schotterpiste, 20 km bis Lukomir, ohne Anzeichen von Zivilisation. In Lukomir angekommen feiern wir unsere Endurobikes- gestern DH, heute Marathon, alles ist möglich! Scheiß auf Enduro als Rennformat, diese Räder sind der perfekte Reisebegleiter. Im Dorf, das aus ein paar rudimentären Hütten und eingezäunten Weiden besteht, trinken wir köstlichen Tee im Haus einer alten Frau, essen fettiges Teiggebäck in einer Wirtschaft und füttern Peter, den Hund, der uns schon den ganzen Tag nicht von der Seite weicht und deshalb von uns einen Namen bekommen hat. Wir machen uns ein bisschen Sorgen, ob er die nun anstehende Abfahrt wohl noch Schritt halten können wird, aber Peter ist hart im Nehmen. Härter als wir, wie sich herausstellt, denn der Rückweg verlangt uns alles ab: im ständigen Auf und Ab schlängelt sich der Weg oberhalb einer Schlucht entlang, und die Schönheit der wilden Landschaft um uns herum können wir bald vor Erschöpfung gar nicht mehr wahrnehmen. Immer wieder müssen wir mit den Bikes über Felsen klettern und uns durch Gebüsche kämpfen. Zu allem übel zieht ein Gewitter auf, das bedrohliche Donnern begleitet uns bis nach Hause. Die letzten Kilometer in Dunkelheit legen wir glücklicherweise auf Asphalt zurück, und als wir endlich in Peters Heimatort ankommen wissen wir: unsere Reise wird nicht immer ein Zuckerschlecken.

Montenegro – von den Dächern des Balkans an den südlichten Fjord Europas

Unser nächster Stop ist der Durmitor Nationalpark in Montenegro. Hier holt uns der Massentourismus ein: Reisebusse spucken Touristen und Schulklassen im Minutentakt in Zabljak, dem höchsten Ort des Balkan, aus. Montenegro ist laut World Travel & Tourism Council weltweit unter den drei wachstumsstärksten Reiseländern, was für uns den Vorteil eines hervorragend ausgezeichneten Wanderwegenetzes im Nationalpark bringt. Auf einem kleinen Campingplatz etwas außerhalb des Ortes quartieren wir uns deshalb für die nächsten Tage ein und tasten uns Stück für Stück an die verschiedenen Schwierigkeitsgrade des parkeigenen Wanderführers heran. In tieferen Lagen finden wir verspielte Wurzelteppiche in dichten Nadelwäldern, je höher wir unsere Bikes tragen, umso ausgesetzter und technischer werden die Trails. Hier sind wir zwar nie die einzigen Menschen – dafür kommen wir aber in den Genuß echter Trail-Perlen.

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15-eintrag-ins-gipfelbuch-mal-wieder-mit-stra%c2%b7enhund-begleitungEs zieht uns weiter an die Küste, die Bucht von Kotor wird der nächste Stop. Nach Temperaturen von nachts unter 0 Grad haben wir genug vom Gebirge und wollen Sonne tanken. Nichts leichter als das auf dem Balkan, und so sitzen wir 160km und einen halben Tag Autofahrt später am Meer, essen Muscheln und schlafen unter Feigenbäumen. Doch so süß die Sonne und das Meer uns hier zulächeln, die Wege, die aus der steilen Bucht hinaus ins Hinterland führen, entpuppen sich als wahre Monster. Zwar haben die österreichisch-ungarischen Besatzer des 19. Jahrhunderts viele schmale Karrenwege hinterlassen, die in ihrem ruinenartigen Zustand anspruchsvolle Steintrails ergeben. Aber die Vegetation macht uns einen Strich durch die Rechnung. Alles was Dornen, Stacheln oder Kletten hat scheint an diesen Steilhängen zu wuchern und macht ein Vorwärtskommen an manchen Stellen zur Tortur. Unsere Schienbeine werden mit jedem Meter blutiger. Dieser Ort könnte das Finale der Adria werden, finden wir, man müsste die komplette Bucht nur roden. Zündelfantasien begleiten uns während jeder unserer drei Touren um Kotor, auf den fantastischen, ausgestorbenen Trails mit Meerblick, durch verlassene Dörfer über loses Geröll – fast alles zunichte gemacht durch eine Vegetation außer Rand und Band. Wir legen einen Tag Strandpause ein um Kraft für die letzte Etappe zu tanken, Albanien ist nun keine 120km mehr entfernt.

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25-...Abendessen bei 25 Grad auf 0m

Albanien – „Welcome to the jungle!“

… sollen Albaner gerne mit sarkastischen Unterton sagen, um die mafiösen Strukturen in ihrem Land zu beschreiben. Wie im Dschungel fühlen auch wir uns, als wir nach einigen Kilometern Landstraße langsam in den Großstadtverker von Shkodra geraten. Tausend neue Eindrücke, alles ist anders – das hier ist definitiv nicht Europa wie wir es kennen, wir fühlen uns wie in einer Zeitreise. Natürlich ist auch Shkodra an vielen Stellen eine moderne Stadt, aber der Verkehr, die Fahrzeuge, die Baracken am Straßenrand, der marode Straßenzustand und das bunte Getümmel überall faszinieren uns. Auf einem Campingplatz außerhalb der Stadt gehen wir die Planungen für unser Finale im Thethi Nationalpark an, die hohen Berge zeichnen sich schon am Horizont ab. Bis zuletzt hatten wir gehofft, die 70 km bis nach Theth im eigenen Auto zurücklegen zu können, aber ein österreichisches Offroader-Ehepaar nimmt uns die Illusionen. „Vielleicht kommt ihr im Tal an, aber euer Auto wird danach keinen Meter mehr fahren“. „Mein Bus ist immerhin höher gelegt“, gebe ich zu bedenken, aber in Anbetracht der geländeuntersetzten Allradtrucks, die fast alle Camper hier fahren, geben wir dann doch klein bei. Der Campingplatzbetreiber spricht fließend Englisch und organisiert uns ein Taxi nach Theth sowie eine Unterkunft bei einer der Familien des Ortes. Während wir das abgelegene Tal über die Nordroute ansteuern werden, so wollen wir den Rückweg mit den Bikes selbst bewältigen, und zwar über die noch schlechtere Südroute durch das Kir-Tal. Der Österreicher ermuntern uns dazu, da es „nach einem ersten Anstieg eigentlich nur bergab bis Shkodra geht“ – dass er dabei einen 1200m hohen Pass schlichtweg vergisst, beschert unserer Reise einen dramatischen Abschluss.

45-kurze-verschaufpause

43-unser-fahrerBeim Blick aus dem Taxi, unsere Bikes halb auf dem Schoß und krampfhaft an uns gepresst um bei dem Geholper nicht quer durchs Auto zu fliegen, wird uns bewusst, dass wir den VW-Bus gerade vor dem sicheren Tod bewahrt haben. Das sind keine Straßen, das sind zwei Meter breite, technische Steinfelder. So aber können wir die vier Stunden Fahrt unbesorgt genießen, über die Fahrkünste der Einheimischen staunen und uns an der malerischen Bergkulisse unter der gleißenden albanischen Sonne sattsehen. Und schließlich passieren wir die letzte Brücke nach Theth. Der Ort, der im wesentlichen aus einer Straßenkreuzung und den Höfen der ca. 50 Familien, die hier leben, besteht, ist ein beeindruckendes Zeugnis für den Kampf des Menschen gegen die Naturgewalten. Wie ein gigantischer versteinerter Fluss zwängt sich ein Geröllfeld durch das enge Tal, mit Steinbrocken so groß, dass die zwischen ihnen verstreut wachsenden Kiefern aussehen wie Zahnstocher. Winzig erscheinen die Häuser neben der riesigen Steinlawine. Schwer vorzustellen, wie es sich an einem Ort lebt, der mehrere Monate im Jahr wegen der Schneemassen von der Außenwelt abgeschottet ist. Jetzt aber nehmen wir in der Abendsonne im Garten unserer Gastfamilie Platz und naschen von den Trauben der hauseigenen Reben, während der Sohn sich eins unserer Bikes schnappt und verschwindet, um damit vor der Dorfjugend ein paar Runden zu drehen. Hier ist nun alles inklusive, morgens und abends setzten wir uns an den reich gedeckten Tisch der herzlichen Familie, bekommen für unsere Touren üppigen Proviant gepackt und selbst die Bikes werden abends vom Familienoberhaupt höchst persönlich in den Schuppen geräumt. Nach Wochen (wild)campen fühlen wir uns in diesem kleinen Steinhäuschen, das wir uns mit Mäusen teilen und in dem regelmäßig der Strom ausfällt, wie im 4-Sterne-Spa Hotel.

Erstbefahrung in den “verfluchten Bergen”

Mehr Sorgen macht uns jedoch unser Bikevorhaben, denn mit Blick auf die frischen Steinlawinen, die hier überall Wege versperren oder Brücken unpassierbar machen, scheint es uns auf naiv, in dieser rauhen Wildnis auf fahrbare Trails zu hoffen. Mit gedämpften Erwartungen folgen wir daher der ersten beschrieben Wanderung auf den 1650m hohen Buni i Thores Pass. Zunächst müssen wir immer wieder Dorfbewohner, die uns und unsere Fahrräder ungläubig mustern und mit all ihren Englischkenntnissen zum Umkehren bewegen wollen („crazy crazy crazy!“) ignorieren, uns durch Schafsherden hindurch zwängen und immer wieder über die weißen Gesteinsbrocken hinwegtragen. Dann aber sind wir oben, beginnen unsere Abfahrt entlang der spärlich markierten Route und erleben unser blaues (Trail-)wunder. Ein kleiner, ausgetretener Fußweg windet sich im Zickzack auf einem Grat hinab ins Tal, zu beiden Seiten unpassierbare Klippen und Geröll, vor uns jedoch: ein technisch fordernder aber spaßiger Singletrail. Wir müssen vor Freude laut lachen als wir durch mannshohe, flauschige Gräser fahren und dabei die rosaroten Blütenpollen um uns herum stauben. Als wir auf einer Lichtung rasten durchströmt uns wohliges Kribbeln – eine Erstbefahrung! Dass diese Erde bereits Reifenkontakt hatte ist nahezu ausgeschlossen und macht unser Abenteuer perfekt. Wir sind am Höhepunkt unserer Reise angekommen.

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Für diesen Moment mussten wir während der letzten Wochen einiges an Wegzoll zahlen: stundenlanges Bike-Hochtragen um anschließend festzustellen, dass nur ein geringer Teil des Singletrails sich als fahrbar herausstellt, zerkratzte Arme und Beine, ungewaschene Trikots und unzählige Platten haben uns nicht selten an unsere physische und mentale Grenzen gebracht. Doch all die Strapazen gehören wohl zu einem echten Abenteuer dazu, und sie sind ein vergleichsweise geringer Preis für eine so große Portion Freiheitsgefühl. So viele Dinge die hätten schief gehen können und erst bei der Rückfahrt wird uns bewusst, was für ein unverschämtes Glück wir bei unserem Selbstversuch hatten. Unser Blickwinkel hat sich im Bezug auf unsere Leidenschaft Mountainbiken verändert, stellen wir fest. Wir haben gelernt, jede noch so kurze Abfahrt zu genießen, anstatt sich darüber zu ärgern, dass alles schon wieder vorbei ist. Auch der Begriff „Risikobereitschaft“ definiert sich weit weg von der Zivilisation völlig anders. Wenn das nächste Krankenhaus zwei Stunden holprige Landstraße entfernt ist, jagt einem bereits eine mittelschwerer Singeltrail Respekt ein und lässt das Adrenalin sprudeln. Selten haben wir uns so lebendig gefühlt. So viele Landschaften, die wir vorher nicht kannten und Menschen, die uns mit ihrer Offenheit und Neugierde gegenüber zwei Frauen auf Mountainbikes mitten auf dem Balkan beeindruckt haben. VW-Bus und Endurobikes sind für uns nach diesem Trip die ideale Kombination um zu reisen, da die Wege, ein Land zu entdecken so schlicht unbegrenzt sind.

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Reiseroute: Freiburg – Sarajevo, Bjelasnica Mountain, Bosnien – Durmitor Nationalpark, Montenegro – Bucht von Kotor, Montenegro – ein Tag am Strand in der Nähe von Bar, Montenegro – Shkodra, Albanien – Thethi Nationalpark, Albanien – Shkodra – Freiburg (3375 Autokilometer insgesamt)

Orte:

Sarajevo Bikeshop „ciclo centar“

Sarajevo Campingplatz: „autocamp oaza“, 25€ pro Nacht (2 Personen und ein Bus)

Durmitor Nationalpark (Ort Zabljak): „autocamp Bobin Do“, 9 € pro Nacht

Shkodra Campingplatz: „lake shkodra resort“, 12€ pro Nacht. Der betreiber spricht fließend Englisch und ist äußerst hilfsbereit. Perfektes „Basislager“ für Ausflüge in den Thethi Nationalpark.

Thethi Nationalpark: Um die Landflucht zu stoppen, den Familien des Ortes eine Perspektive zu bieten und gleichzeitig den sanften Tourismus zu fördern, wurden vor einigen Jahren von der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit Familien darin unterstützt, sanitäre Anlagen und Gästezimmer für Wandertouristen zu errichten. So finden sich fast in jedem Haus Unterkünfte. Wir sind bei Fatmir Breishta untergekommen (e-mail.fatmir-berishta@hotmail.com) für 18€ pro Person und Nacht, drei köstliche traditionelle Mahlzeiten täglich inklusive. Weitere Gastfamilien und Infos unter albanian-mountains.com

Literatur:

Rother Wanderführer Montenegro – die schönsten Küsten- und Bergwanderungen, Markus und Rosemarie Stöckl

Wanderführer Nordalbanien Thethi und Kelmend. Christian Zindel, Barbara Hausamman. Huber Verlag 2009.

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