„Yeah….Whistler!“

Whistler ist das Mountainbike-Disneyland: schrill, künstlich, überlaufen. Doch hinter den Kulissen der auf Hochglanz polierten Hotelsiedlungen verbirgt sich eine Unterwelt der Aussteiger, für die nur eines zählt: die Zeit da draußen.

Energisches Klopfen an die Tür unseren Campers reißt uns abrupt aus dem Schlaf. Ich öffne die Tür und blicke in das wütende Gesicht eines Polizisten, der dabei ist, einen Strafzettel auszustellen. „It is forbidden to camp in the Municipality of Whistler: 75 Dollars fine!“. Fuck. Wir hätten es wissen können. Selbst hier, in einer ruhigen Straße vor der Haustüre unseres Freundes, ist das Schlafen im Auto strengstens verboten. Ich hatte meine Gründe, warum ich nicht nach Whistler wollte: Wozu im Land der unbegrenzten Trails in der Wildnis ausgerechnet in der teuersten Touristenfalle bleiben?

Been there, done that

Klar: weil man die Legende halt nicht auslassen kann, wenn man schon mal in Kanada ist. Außerdem besuchen wir Tom, der vor einigen Monaten seinen Job gekündigt hat und nach Britsh Columbia ausgewandert ist. Warum er sich dabei ausgerechnet in Whistler niedergelassen hat, ist mir zu diesem Zeitpunkt noch ein Rätsel.

Whistler setzt sich aus mehreren kleinen Ortsteilen zusammen, die sich im engen Tal zwischen den Pacific Range im Norden und der Garibaldi Range im Süden aneinanderreihen. Alpine, Whistler Village, Creekside… während wir den Sea-to-Sky-Highway hinunterfahren, wird im Radio der aktuelle Trailbericht durchgegeben: Upper A-Line ist immer noch gesperrt.

Bei der Ausfahrt „Function Junction“ setzt Tom den Blinker. Er hat uns versprochen zu zeigen, warum er hier geblieben ist. Und das Nicht-Touristen Programm, das uns einen Eindruck vom echten Leben in Whistler geben soll, beginnt nicht im Bikepark – sondern im Industriegebiet, genauer: beim heimlichen Epizentrum der Unterwelt der Aussteiger, Abenteurer und Überlebenskünstler, dem Re-Use-It- Center.

Alles was du brauchst für unter 4 Dollar

Der Parkplatz des Gebrauchtwarenhandels wird von einem Zaun aus alten Skiern gesäumt. Dahinter sieht es so aus, als ob sämtliche amerikanische Road-Movies ihre Protagonisten und Requisiten in die Realität gespuckt hätten. Verlotterte Vans, Pick Ups, Camper, über und über mit Aufklebern bedeckt und auf kreativste Art und Weise auf das #vanlife optimiert. Im Re-Use-It-Centre gibt es alles, was nichts kosten darf. Klamotten, Geschirr, Werkzeug, Schmuck, Sonnenbrillen, selbst eine beachtliche Auswahl an Dämpferfedern und Sattelstützen. Vier junge Bayern mit langen, ungekämmten Haaren klauben sich einen ganzen Hausstand zusammen, den sie anschließend in ihren abenteuerlich überladenen Kombi verstauen.

In Whistler ist der Stundenlohn hoch, und Arbeit gibt es für jeden. Gewohnt wird in Mehrbett-Zimmern, geschlafen in Stockbetten, wenn überhaupt. Denn nicht selten ist für Schlaf sowie keine Zeit mehr. Das Leben hier ist wie überall in Kanada teuer, viele haben gleich mehrere Jobs und nutzen jede freibleibenden Minute zum Feiern, Powdern oder Trails shredden. Whistler, die selbst ernannte „Bubble“ – eine Blase für alle, die für ihr Glück nicht Besitz sondern Erlebnisse brauchen.

Im lokalen Anzeigenblatt werden die Nebenwirkungen thematisiert: zwischen Berichten über Trailbuilding und Fliegenfischen schreibt ein Autor über das, was passiert, wenn die Blase platzt: wenn der Schlafmangel zu groß wird, die Drang nach Neuem zur Sucht, oder eine Verletzung allem ein Ende setzt. Nicht wenige, sagt er, kommen mit dem Leben am Anschlag auf Dauer nicht klar. Viele müssen irgendwann den Absprung schaffen. Uns hält Whistler für den Moment dagegen gefangen – aus unserem ursprünglichen Pflichttag wird eine ganze Woche.

Jenseits des Bikeparks

Der Bikepark ist nett, aber halt auch nur ein Bikepark. Der große Stoke bleibt aus. Er erwischt mich erst, als wir die „you are leaving Whistler Bikepark“-Warnschilder  hinter uns lassen – und trifft mich dafür mit umso größerer Wucht doppelt in die Magengrube. Vom „Top oft the World“ Trail zweigt irgendwann „Kyberpass“ ab und führt auf direktem, steilen, technischen Wege ins Wunderland. Kyberpass, Middle of Nowhere und anschließend Kashmir verschlingen uns, verdauen uns in ihren loamigen Eingeweiden und spucken uns erst mit völlig zerflowten Matschbirnen am Fuße des Berges wieder aus. „Das war erst der Anfang“, kommentiert Tom.

Es folgen: der sagenhafte Lord oft the Squirrels mit seinen 900 Tiefenmetern. Die Trails der Westside. Die Blackkomb Trails. Und selbst damit haben wir erst einen Bruchteil dessen gesehen, was es hier gibt – jenseits des Parks, fernab von Bremswellen.

Die letzte Nacht verbringen wir außerhalb der Stadtgrenze auf einem Waldparkplatz. Wir sind nicht alleine: eine Gruppe hat sich ein gemütliches Camp am Flussufer eingerichtet, fast stündlich stoßen neue Pickups dazu. Wir trinken Bier mit David aus Schweden, der heute erst in Whistler angekommen ist und bereits einen Job hat. „Nothing glamorous“, gibt er zu: Klos Putzen in einem Spa-Hotel, nachts, sechs Mal die Woche für 20 Dollar die Stunde und einen ganzjährigen Liftpass – nachts arbeiten, tagsüber shredden, läuft bei ihm! Unsere Frage, wie lange er das durchzuhalten glaubt, versteht er gar nicht. Doch bei der Vorstellung, wie er jeden Tag nach Feierabend seinen Schlaf an den Lord of the Squirrels opfert, verspüre ich auf einmal sogar Neid.

 

Re-Use-iT-Centre Whistler
Alles was du brauchst für unter 4 Dollar

Die epische Aussicht vom „Top of the World“ in der Waldbrand-Hochsaison
Sushi ist Grundnahrungsmittel in Whistler
Sushi ist Grundnahrungsmittel in Whistler
Tom, der Aussteiger

Bikepark Whistler

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Schöne Bilder von Tom Jedrzejas: (mehr davon gibt es auf seinem Blog: http://tomkj.blogspot.de/)

Honeymoon in BC
Honeymoon in BC
Lord of the Squirrels
Lake Joffre – perfektes Ausflugsziel für den Ruhetag in Whistler

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immer wieder gut:

What I Do In Whistler from nsmb.com on Vimeo.

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