Wenn ich Instagram hätte, hätte, Fahrradkette

Fast ein halbes Jahr ist es jetzt her, dass ich meine Facebook- und Instagram Profile gelöscht habe. Klar, Facebook nutzt eh kein Mensch mehr, aber auf Instagram sind doch alle. Und deshalb komme ich manchmal ins Grübeln…

Wenn ich Instagram hätte, denke ich dann, würde ich vielleicht etwas bekannter werden, ich könnte mein berufliches Profil besser herausstellen und an Aufträge kommen, vielleicht irgendwann vom Schreiben und Radfahren leben. Ich könnte aller Welt zeigen, was ich kann, wo ich überall war, wie geil ich biken kann. Ich könnte mein Ego etwas pushen und meine Selbstzweifel mit ein paar netten Kommentaren und Herzchen beruhigen. Wenn ich Instagram hätte, dann wäre ich ja echt jemand. Ich könnte üben, prägnant zu formulieren und das ganze als Notizbuch und Inspiration für Texte sehen. Ich würde meinen Feed richtig schön gestalten, den Content vorausplanen, fast wie einen Blog selber – ich muss ja auch gar nichts Persönliches teilen. Ich könnte ganz neue Leser erreichen, die mich sonst nie finden würden. Ich könnte meine Message verbreiten, dass man auch ohne Instagram glücklich sein kann, ich könnte kritisch fragen, wer eigentlich noch die Schnauze voll hat von Selbstoptimierung und -inszenierung.

Hä? Ab dem letzten Punkt wird’s unlogisch, und ich halte inne beim Reaktivieren meines Accounts.

Wenn ich Instagram hätte, denke ich dann, wäre ich mittendrin in der Welt der Selbstoptimierung und -inszenierung. Ich würde nur die besten Seiten an mir zeigen, und selbst die schlechten nur aufbereiten, um mich als „authentisch“ zu vermarkten. Ich würde schleißlich doch Persönliches teilen, weil schreiben nie unpersönlich ist. Ich würde mich den perfiden psychologischen Mechanismen ausliefern, die mich dazu bringen, immer weiter zu scrollen und irgendwann die App von meinem Handy löschen, wieder runterzuladen und wieder löschen und immer so weiter. Ich würde Instagram ganz automatisch aufrufen, sobald ich mich langweile, statt einfach mal Löcher in die Luft zu gucken. Ich würde mein kostbarstes Gut – meine Aufmerksamkeit – verscherbeln an ein paar Milliardäre aus Kalifornien. Ich würde es mehr und mehr verlernen, Dinge einfach nur für mich zu tun und einmalige Momente verderben, indem ich überlege, wie ich sie in Szene setzen kann. Mein Selbstbild würde zunehmend von der Wahrnehmung und dem Urteil Anderer abhängen. Ich würde versuchen, ein bisschen mehr so zu sein, wie alle Anderen. Ich würde wertvolle Lebenszeit damit verschwenden, mich über Influencer zu ärgern. Ich wüsste stets, wo meine Bekannten gerade sind, ich würde nicht mehr fragen könnnen „und, was hast du so in letzter Zeit gemacht?“ und dabei aufrichtig gespannt auf die Antwort sein. Ich würde eine App unterstützen, die junge Menschen depressiv macht und Natur-Schauplätze zerstört. Ich wäre gezwungen, massenhaft Kommentare zu blockieren, die von Maschinen unter meine Bilder gepostet werden. Ich würde mich täglich fragen, wer zur Hölle sich diesen absurden Mist eigentlich ausgedacht hat, wieso da alle mitmachen und vor allem würde ich mich fragen: wieso mache ich da mit – ich will doch eigentlich einfach nur Fahrrad fahren.

Ich komme immer wieder an diesen Punkt, an dem ich merke: ich will das nicht. Auch wenn es noch so professionell ist, noch so sehr dazu gehört. Ich habe es versucht, als notwendiges Übel zu sehen – so wie die Steuererklärung. Aber noch zwingt mich ja zum Glück keine staatliche Behörde dazu, beim social scoring mitzumachen. Und so beende ich meine Grübelei vorerst mit diesem Fazit: Ja, ich hätte gerne mehr Schreib- und Fotoaufträge, weil ich den Scheiß liebe. Nein, das bisschen Fame und Geld ist es mir nicht wert, etwas zu tun, worauf ich aus so vielen Gründen keinen Bock habe. Ich verstehe Menschen – Künstler, Kreative, Selbständige – die das Spiel mitspielen, manchmal beneide ich sie sogar (siehe erster Absatz). Aber ich will es nicht.

Ich bin deshalb einen Kompromiss eingegangen: für meine freiberuflichen Aktivitäten habe ich jetzt eine eigene Homepage: hannahroether.de.

Und wenn ihr writing trails weiterhin folgen wollt, kommt ihr um das gute alte Lesenzeichen in eurem Browser einfach nicht drum rum.

Lust auf nen Newsletter hab ich nämlich auch nicht :-*

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