Was denken die Parteien über „Fahrrad“ und „Sport“?

Leider kommt das Wort „Mountainbike“ in keinem Wahlprogramm vor. Ich habe mir deshalb zwei verwandte Begriffe vorgeknöpft um herauszufinden: Wen soll ich wählen?

Bundestagswahl. Noch mehr als die Jahre zuvor habe ich das Gefühl, völlig überfordert damit zu sein, eine kluge Entscheidung zu treffen. Angesichts der Lage der Welt habe ich den Eindruck, komplett machtlos zu sein. Als ob zwei kleine Kreuze etwas gegen Kriege, Despoten und Atombombentests tun könnten.

Um nicht zu verzweifeln, habe ich mich entschieden, die Sache anders anzugehen. Ich bin davon überzeugt, dass sich viele globale Probleme auf lokaler Ebene äußern und dort auch gelöst werden können. Also habe ich mich mal nicht auf Außen- und Wirtschaftspolitik konzentriert, sondern zwei Themen ins Auge gefasst, die mich konkret betreffen: Sport und Fahrräder.

Durch meine Aktivität im Mountainbike Freiburg e.V., wo ich mich unter anderem für einen Pumptrack einsetze, weiß ich, wie stiefmütterlich beide Themen mitunter in Deutschland behandelt werden. Ich glaube, dass Sport und Fahrräder zwei wichtige Schlüssel für ein nachhaltige Entwicklung sind. Außerdem hege ich für beides eine ausgeprägte Leidenschaft. Ich habe die Wahlprogramme sechs großer Parteien auf diese beiden Stichworte hin durchforstet. Und das kam dabei heraus:

CDU

Stichwort „Fahrrad“:

Unter dem Titel „Mobilität für alle“ fordert die CDU,  in Städten, die die EU-Normen zu Schadstoffwerten nicht einhalten, „auch die Fahrrad-Mobilität zu fördern, ähnlich wie dies in den Niederlanden oder in der Stadt Münster der Fall ist.“ Weiter heißt es: „Gerade junge Menschen sind häufig bereit, auf Fahrräder umzusteigen. Der Bund wird den Fahrradverkehr und den Radwegebau weiter fördern. Wir starten ein Programm zur Förderung von Radschnellwegen, die unabhängig von vorhandenen Bundesstraßen verlaufen.“ Das ist alles.

Stichwort „Sport“:

„Breitensport und Spitzensport sind beide wichtig. Wir werden sie weiter fördern und die einzigartige Vielfalt unserer Sportvereine erhalten.“ Außerdem wird auf die große Bedeutung des Ehrenamts hingewiesen und versprochen, „ehrenamtlich Tätige und Vereine von Bürokratie zu entlasten und durch Beratungsangebote zu unterstützen.“

SPD

Stichwort „Fahrrad“:

Etwas konkreter als „irgendwas mit Holland oder Münster“ wird es bei der SPD. Diese möchte: „die Infrastruktur für den Fahrradverkehr verbessern. Dazu gehören mehr innerörtliche Fahrradspuren, sichere Abstellmöglichkeiten und regionale Radschnellwege. Für E-Bikes müssen außerdem mehr Ladestationen unter anderem an öffentlichen Gebäuden zur Verfügung gestellt werden.“

Stichwort „Sport“:

Der Sport zieht sich bei der SPD gleich durch mehrere Themenbereiche. Als erstes wird im Rahmen der Bekämpfung von Kinderarmut der schlechtere Zugang auch zu Sportangeboten angesprochen. Darüber hinaus wird die Wichtigkeit von wohnortnahen Sportangeboten für die Lebensqualität und den sozialen Zusammenhalt betont und die Förderung entsprechender Angebote gefordert. Im Unterkapitel „Sport“ dann schließlich ein Versprechen: „Wir werden uns für ein mehrjähriges Förderprogramm für Sportstätten in den Kommunen einsetzen, um die Bedingungen für die Vereine und den Breitensport zu verbessern.“

Bündnis 90/Die Grünen

Stichwort „Fahrrad“:

Nicht nur junge Leute, sondern „immer mehr Menschen steigen um auf Bus, Bahn und Fahrrad“ nach Ansicht der Grünen. Zunächst erinnern sie an die bereits erzielten Erfolge: „So hat das Netzwerk Volksentscheid Fahrrad in Berlin dafür gesorgt, dass sich bei der städtischen Verkehrswende was dreht. In Berlin bringt die grüne Verkehrsverwaltung gemeinsam mit den Radfahrer*innen ein Radgesetz als Teil eines Mobilitätsgesetzes auf den Weg.“ Und für die Zukunft heißt es etwas kryptisch: „Wir werden Elektromobilität im Straßenverkehr gezielt stärken durch eine Förderung aller Kommunen, die ihren innerstädtischen Logistikverkehr auf E-Fahrzeuge und Lastenfahrräder umstellen, sowie durch zeitlich befristete finanzielle Zuschüsse für Elektro-Nahverkehrsbusse, Elektroautos und Elektrolastenräder.“ Weiter wird gefordert: eine größere Beteiligung des Bundes bei der Verbesserung der Infrastruktur für Fahrräder, ein bundesweites Netz von Radfernwegen, Fahrradmitnahme in allen Zügen, Kaufanreize für elektrisch unterstützte Lastenräder und fahrradfreundliche Verkehrsregeln wie zum Beispiel den „Grünpfeil“ für Radfahrerinnen und Radfahrer.

Stichwort „Sport“:

Auch bei den Grünen wird der Sport genannt, wenn es um wichtige Institutionen für Vielfalt, Integration und Lebensqualität geht. Außerdem wollen die Grünen, „dass alle Menschen nach ihren Wünschen und Bedürfnissen Sport treiben können.“ Und erkennen: „Sport findet überall statt: in Vereinen, Fitnessstudios oder privat im Park. Dazu brauchen wir bewegungsfreundliche Städte, intakte Sportstätten sowie ausreichend Freiwillige.“ Darüber hinaus soll ein Familien-Budget benachteiligten Kindern den Zugang auch zu Sportangeboten erleichtern.

Die Linke

Stichwort „Fahrrad“:

Statt neue Autobahnen zu bauen, will Die Linke „den Ausbau des ÖPNV sowie des Rad- und Fußverkehrs in den Kommunen und Regionen finanzieren.“ Denn: „Diejenigen, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sind, belasten andere am wenigsten und brauchen bessere Bedingungen.“ Konkret bedeutet dies für Die Linke: mehr Platz auf den Straßen, mehr sichere und intakte Rad- und
Fußwege, mehr Fahrradabstellanlagen, eine fahrradfreundlichere Straßenverkehrsordnung sowie Radschnellwege mit grüner Welle
in den Städten und Ballungsgebieten. „Dafür muss der Bund ausreichend zweckgebundene Mittel für die Kommunen bereitstellen.“ Außerdem wollen sie die Anschaffung von E-Lastenfahrrädern fördern, um die Innenstädte vom Lieferverkehr zu entlasten.

Stichwort „Sport“:

Hier bringt Die Linke ein neues Thema ein: Medienpolitik. „Sportliche
und kulturelle Großereignisse sollen frei und unverschlüsselt übertragen werden. Dabei dürfen die finanziellen Aufwendungen, die die öffentlich-rechtlichen Sender für Sportrechte insgesamt aufbringen, nicht steigen.“

Wirklich interessant wird es aber unter der Überschrift „Sport frei!“ Denn hier  heißt es: „Sport treiben zu können soll nicht vom Einkommen und sozialen Status abhängen.(…) Wir fördern behindertengerechten, integrativen, natur- und umweltverträglichen Sport.“ Und weiter: „Sport muss kommunale Pflichtaufgabe werden.“ Und schließlich: „Der Kita-, Schul-, Hochschul- und Berufsschulsport soll durch Qualitätsstandards nachhaltig verbessert werden, damit Jugendliche nicht auf Fitnessstudios angewiesen sind, wenn sie Sport treiben wollen. In allgemeinbildenden Schulen muss der Schwimmunterricht garantiert werden.“ Geht doch.

FDP

Stichwort „Fahrrad“:

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Stichwort „Sport“:

Die FDP möchte, dass in Kitas mehr Sport geboten wird. Außerdem wollen sie Sportvereine fördern. Denn auch sie finden: „Sport bringt Menschen unabhängig von Geschlecht, Alter, sozialem Status, religiöser oder politischer Anschauung, körperlichen Voraussetzungen, Herkunft oder sexueller Orientierung zusammen. Er fördert die gesundheitliche Prävention, den Aufbau von Gemeinschaftsgeist und den Abbau von Vorurteilen. Sport hält Deutschland sprichwörtlich in Bewegung.“ Deshalb verspricht die FDP: „Wir wollen wir die ehrenamtlich
Tätigen von unnötiger Bürokratie befreien.“ Um benachteiligten Kindern unbürokratisch den Zugang zu Sport zu ermöglichen, soll es im Rahmen des „Kindergeld 2.0“ Gutscheine geben.

Alternative für Deutschland

Ja ja, die AFD. Man liest ja immer Schlimmes in den sozialen Medien und macht sich so sein Bild. Ich wollte mir nicht den Vorwurf anhören müssen, vorurteilsbehaftet zu sein, und knöpfte mir nach anfänglicher Unlust auch ihr Wahlprogramm vor. Es hat sich gelohnt! Denn das Ergebnis beweist: der ganze Hohn und Spott ist gar nicht übertrieben. Ich weiß nicht, ob es lustig oder traurig ist, aber das Ding liest sich tatsächlich so als ob Graf Dracula und Monty Burns zusammen ein Manifest verfasst hätten. Auf Droge. Aber bleiben wir bei den objektiven Fakten:

Stichwort „Fahrrad“:

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Stichwort „Sport“:

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„Muslimische Schüler müssen genauso wie alle anderen
Schüler auch am Sport- und Schwimmunterricht sowie an
Klassenfahrten teilnehmen.“

Und:

„Betroffen von der Verschärfung eines ohnehin schon restriktiven Waffenrechts sind vor allem legale Waffenbesitzer, Sportschützen, Jäger und Waffensammler. (…) Der Erwerb des Waffenscheins für gesetzestreue Bürger ist zu erleichtern.“

 

Fazit

Es ist erstaunlich, anhand was für alltäglicher Themen die Unterschiede der Parteien sichtbar werden. Es macht einen Unterschied, ob ich Sport nur durch Bürokratieabbau fördern will, oder alle Formen von Sport und Bewegung in Stadt und Land ausbauen möchte, damit er allen zugänglich ist. Es macht einen Unterschied, ob in meinem Weltbild vor allem „junge Menschen“ auf Fahrräder umsteigen, oder ob ich konkrete Maßnahmen zum Ausbau des Radverkehrs benenne. Vielleicht sind die Ergebnisse ja auch gar nicht so überraschend. Mir jedenfalls haben sie geholfen, meine Werte und mein Menschenbild mit denen der Parteien abzugleichen. Und so manche Grübelei beendet.

Was ihr am Ende auch wählt – Hauptsache, ihr tut es!

Hier gibt es alle Programme zum Nachlesen: https://bundestagswahl-2017.com/wahlprogramm/

 

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Anmerkung: ich habe den Spitzensport, der auch in fast allen Programmen vorkommt außen vor gelassen, da er nur eine kleine Gruppe betrifft. Ich bin von Breiten- und Vereinssport ausgegangen.

3 Kommentare

  1. Danke für diesen Blick auf die Wahlprogramme.
    Eine Anmerkung möchte ich jedoch noch los werden: die Linken fordern ja die freie und unverschlüsselte Übertragung von Großereignissen. Dies würde ich auch unter Spitzensport einsortieren und daher nicht aufzählen (siehe Anmerkung).

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    1. Bitte, sehr gerne 🙂
      Es bedeutet aber, dass die Großereignisse allen zugänglich gemacht werden sollen. Insofern betrifft es ja auch wieder „uns alle“. Beim Spitzensport, den ich weggelassen habe, ging es um Förderung von Eliten und Dopingbekämpfung.

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