Warum ich „women specific“ Mountainbikes hasse

In jeder ordentlichen Schrauberwerkstatt hängen sie immer noch: Cylce Passion Kalender und Marzocchi Girls. Für manche sind sie der Inbegriff des Sexismus in der Bike-Branche, doch mich als Feministin lassen die leichtbekleideten Damen völlig kalt. Das sind selbstbewusste Frauen, die einen (hoffentlich) gut bezahlten Job annehmen – so what? Der Trend der Bike-Hersteller, jedes neue Modell in einer Frauenversion auf den Markt zu bringen, treibt mich dagegen zur Weißglut.

Mountainbiken steht für alles, was jungen Mädchen im Laufe ihres Aufwachsens von Gesellschaft und Medien abtrainiert wird: ausbrechen, losziehen, Raum einnehmen, Risiken eingehen, draufgängerisch, dreckig, wild, frei und unangepasst sein. Die gängigen Mädchen- und Frauenmagazine zeigen sehr gut, was Frauen zu interessieren hat: wie schaffe ich es, schön zu sein und zu gefallen? Die Antwort: relaxen, entspannen, aufräumen und shoppen. Nagut, Karriere machen ist mittlerweile auch in Ordnung, aber bitte nur im sexy Bleistift-Rock oder als Bloggerin über Traumreiseziele in der Karibik.

Natürlich sind Frauenmagazine nicht passgenaues Abbild der Gesellschaft. Aber sie zeigen wie durch ein Vergrößerungsglas, welche Erwartungen in ihr wirken. Mit ihnen aufzuwachsen, das weiß ich aus eigener Erfahrung, ist alles andere als leicht. Als Jugendliche war ich zwar nie eine klassische Tussi, die Bilder haben mich trotzdem gelenkt. Meine zerschlissenen Jeans und Piercings waren wohl eine Art Rebellion gegen diesen Erwartungsdruck, den ich damals noch nicht bewusst wahrnahm oder benennen konnte, den ich aber sehr wohl gespürt habe. Und so beschäftigten auch mich lange die Frage, ob mein Körper makellos und ich begehrenswert genug war. Meinen Freundinnen ging genauso, manche reagierten mit Magersucht, andere mit absoluter Angepasstheit. Uns allen war klar, dass wir nur etwas wert sind, wenn wir für Jungs bzw. Männer attraktiv sind. Ein unausgesprochenes, unsichtbares Gesetz, machtvoll genug um uns in die Shoppingmeilen und Fitnessstudios der Stadt zu treiben um dort unsere kostbare Lebenszeit zu verplempern.

Und dann kam das Mountainbike in mein Leben. Mit dem Mountainbike erhielt ich plötzlich Zugang zu einer Welt, von der ich bis dahin nicht zu träumen gewagt hatte. In dieser Welt war es scheißegal, wie man aussah – hauptsache, das Rad funktionierte. Egal ob man sich lächerlich machte, auf die Klappe legte, im Dreck landete – hauptsache, man konnte am Ende darüber lachen, weil der Tag so genial war. Und das war er so gut wie immer. Selbst die Schmerzen nach den ersten Stürzen waren eine Form der Selbsterkenntnis, durfte ich den Körper doch endlich spüren anstatt ihn, in Watte gepackt, vorsichtig durchs Leben zu manövrieren um ihn ja nicht zu beschädigen. Auf einmal war er nicht mehr nur dazu da, um zu gefallen, sondern um mich auf den nächsten Trail, in den nächsten Bikepark oder auf den nächsten Gipfel zu bringen und meinen Verstand mit zuckersüßen Endorphinen zu benebeln. Selbstermächtigung in Reinform.

Und jetzt also „Frauenbikes“! Biken soll „weiblicher werden“, „mehr Frauen ansprechen“ – und dafür werden nun eben jene klein-machenden Vorurteile importiert, die auf dem Mountainbike so weit weg waren. In diese schöne, geschlechtsneutrale Welt, in der ein Fahrrad ein Fahrrad war, werden Frauen wieder auf ihren angestammten Platz verwiesen. Frauenbikes sind auf „die speziellen Bedürfnisse der Frauen“ angepasst, denn Frauen sind natürlich alles kleine, leichte, zarte, zerbrechliche Wesen mit langen Beinen, die eine Extra-Behandlung brauchen. Damit wird auf Grundlage von Stereotypen eine künstliche Grenze zwischen den Geschlechtern gezogen, die Individuen Schubladen zuweist. Es ist zum Himmel schreiender Sexismus damit zu werben, für die Entwicklung oder Vermarktung einer Frauen-Produktlinie nun ausnahmsweise auch mal eine Frau eingestellt zu haben – was für „normale“ Bikes offensichtlich nie in Frage käme.

Ich bin froh über jede Frau mehr auf einem Fahrrad oder Mountainbike. Ich wünsche von Herzen alle diese extra Portion Selbstbewusstsein, die sich damit gewinnen lässt. Und es amüsiert mich jedesmal, wenn ich eine Gruppe Frauen auf Mountainbikes guide und erlebe, wie das letzte Thema, das diese Frauen interessiert, speziell für Frauen gespecte Fahrräder sind. In Frauengruppen geht es um Gemeinschaft, geile Trails und darüber, über seine Grenzen hinauszuwachsen. Keine meiner Teilnehmerinnen brauchte dafür bislang ein Frauen-Mountainbike, und keine hätte auf einem solchen einen besseren Tag erlebt. Und somit ist für mich das ganze woman-specific-Theater auch nichts weiter als Pink-Washing: ein frauenspezifisches Bike ist zum Glück immer noch das gleiche, befreiende Teufelszeug, das Fahrräder nun mal sind.

Doch auf die Mountainbike-Industrie zu schimpfen, bringt wahrscheinlich herzlich wenig, schließlich spiegelt sie auch nur die gesellschaftlichen Verhältnisse – und genug Menschen kaufen die womenspecific Mountainbikes noch dazu. Da muss man schon größer denken, zum Beispiel so: Was, wenn wir anfangen, unsere Söhne und Töchter gleich zu erziehen und uns von sämtlichen Einteilungen endlich frei machen? Dann würde es irgendwann gleich viele Müllmänner und Müllfrauen geben, Ingenieure und Ingenieurinnen, Mountainbiker und Mountainbikerinnen. Es gäbe mit Sicherheit Marzocchi Boys und einen Cycle Passion Kalender mit Männern, denn Sex sells, so einfach ist das. Und es gäbe definitiv keine women-specific Mountainbikes mehr, weil die Produktmanagerinnen und Produktmanager wissen, was für ein Quatsch eine solche Unterscheidung ist – und niemand darauf hereinfallen würde.

Aber weil das in absehbarer Zeit nicht passieren wird, bleibt mir nur ruhig Blut zu bewahren und allen Frauen dieser Welt immer wieder zu erzählen, wie großartig und befreiend Mountainbike ist, und dass es dafür keine speziellen Frauenprodukte braucht (mit Ausnahme vielleicht eines Sattels – aber das ist eine andere Geschichte). Ihr könnt alle mitspielen, ihr braucht keine rosa Schublade!

  1. saugut !
    in diesem Sinne, gehe ich nachher auch wieder raus auf’s Radl
    – unisex- natürlich 😉 und ohne pink, rosa, flieder …
    Zu den Frauenrädern möchte ich allerdings etwas zu ihrer Verteidung anführen: denn es gibt statistisch ja dann doch bei den Mädels mehr kleine und leichte Leute und daher ist es doch prima, dass es für die Räder in kleiner Rahmengröße gibt und mit einer angepassten Federung – klar sind die dann genauso geeignet für leichte + kleine Männer (die gibt es ja auch 😉 oder für Heranwachsende.
    sportliche Grüße Diana

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    1. Hallo Diana! Danke für deinen Kommentar – es ist der erste, und ich freue mich sehr über Diskussionen! Als Ingenieurin kennst du die Statistiken da wahrscheinlich auch besser. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass statistischen Unterschiede Mann und Frau marginal sind, und sich insbesondere die für die Fahrrad-Geometrie relevanten Mekmale kaum auf zwei Geschlechterpole verallgemeinern lassen. Aber ich erinnere mich nicht mehr an die Quelle, und so bleibt das gefährliches Halbwissen, und mein Artikel deshalb auch schlicht „Meinung“ – ein Gefühl, dem ich mir Luft machen musste. Du hast Recht: mehr Bikes für kleine, leichte Menschen ist auf jeden Fall ne gute Sache! Liebe Grüße, Hannah

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  2. Einerseits sprichst du mir aus der Seele!
    Andererseits habe ich – als Vater von 3 Kindern – die Erfahrung gemacht, dass nicht alles von außen kommt. Ich habe meinen Söhnen und Töchtern vorgelebt, dass Tätigkeiten nicht geschlechtspezifisch sind, indem ich z.B. regelmäßig gekocht, geputzt, genäht usw. habe. Aber gerade die beiden großen haben doch ein ausgeprägtes, geschlechtspezifisches Rollenverhalten entwickelt. Lichtblicke gab es – z.B. hat sich meine Tochter ein schwarzes Rad gewünscht. Ich habe ihr dann das 20″ Rad, das ihrem Bruder zu klein geworden war, schwarz lackiert und noch individuell mit DC-Fix aufgehübscht ;o)
    Vielleicht war ich auch nur einer gegen den Rest der Welt, oder als der Vater von vornherein kein Maßstab; versucht habe ich es immerhin…

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    1. Hallo Martin, die Erfahrung mit deinen beiden Großen kennen wahrscheinlich viele. Trotzdem ist es falsch daraus zu schließen, dass geschlechtsspezifisches Rollenverhalten angeboren ist. Kinder haben Imitation perfektioniert – denk nur daran, wie gut sie Sprache, Mimik, überhaupt alles lernen! Sobald sie auf der Welt sind (oder sogar schon früher, wenn man Studien glaubt, die herausgefunden haben, das Mütter die Tritte von Söhnen bereits als kraftvoller beschreiben) werden sie mit Rollenbildern konfrontiert – von Familienmitgliedern, von Erziehern, Lehrern, Gleichaltrigen, von Büchern, Geschichten, Filmen, Medien, Werbung, Kunst. Die geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen sind einfach so tief in unsere Kultur eingeschrieben, dass sie uns als „normal“ vorkommen, und wir glauben, dass „liege halt in den Genen“. Wenn man einmal den Blick dafür entwickelt hat, fallen einem dann immer mehr Dinge auf – so wie mir zum Beispiel die Frauenbikes. Ich versuche in meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen immer wieder auf diese allzu vermeintlichen „Normalitäten“ aufmerksam zu machen, damit jeder so sein kann, wie er/sie will – und nicht, wie das Rollenbild es vorschreibt. So wie du, wenn du ein Fahrrad schwarz lackierst 🙂 Einer gegen den Rest der Welt ist immerhin schon mal einer!

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  3. Fabelhaft geschrieben! Letztens war ich in einem Fahrradgeschäft und was sehe ich da? Eine „Frauenecke“, in der es das völlig identische Werkzeug und Zubehör gibt wie vorne im Laden (habe extra welches vom Regal mitgenommen und zum Vergleich daneben gehalten), aber in Pink- und Rosatönen.
    Ich fahre Liegerad und habe neulich dem Hersteller vorgeworfen, viel zu wenig auf die weibliche Anatomie Rücksicht zu nehmen. Beim nächsten Mal werde ich einfach „kleine und leichte“ Menschen als Maßstab nennen.
    Denn die Liegeradbranche ist (noch) Männerdomäne und man merkt an manchen Details, dass die Räder von Männern geplant und entworfen werden.
    Der Beitrag hier hat mich wirklich begeistert, ich kann mich gut wiederfinden.

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  4. Schön auf den Punkt gebracht. Aber, vor ca. 20 Jahren kam der Wunsch nach Rädern, die (besser) an die weibliche (Durchschnitts-)Anatomie angepaßt sind, wohl wirklich von den bikenden Frauen, die nicht die passenden Körpermaße für die Standard-MTBs hatten, jedenfalls stand das so in den damaligen Medien.

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