Unterwegs mit Jack

Der Winter hat das Tageslicht fast restlos aufgefressen. Der Sommer mit seinen langgezogenen Tagen, die auf der Landstraße beginnen und im Wald enden, ist nur noch eine blasse, vom Neuschnee begrabene Erinnerung. Ich vermisse das Mountainbiken. Doch Bücher können helfen: Wie gut, dass es Jack gibt.

Der Legende nach soll Jack Kerouac sein Manifest in nur drei Wochen auf eine 40 Meter lange Papierrolle getippt haben. Ohne Absätze, ohne Punkt und Komma – in einer Sprache, so treibend und wirr wie improvisierter Jazz. Der Roman On the Road (Unterwegs in der deutschen Übersetzung), 1957 veröffentlicht, wurde zur Hymne einer ganzen Generation. Er feiert das wilde Leben im Amerika der 40er und 50er Jahre, ein einziger Rausch aus Jazz, Drogen, Sex, Philosophie und durchgefeierten Nächten. Fast jeder kennt den Titel vom Hören-Sagen, von einer Verfilmung, oder weil er eine ganze Generation von Künstlern, Musikern und Schriftstellern beeinflusst hat.

Und was hat das bitte mit Mountainbiken zu tun? Auf den ersten Blick: nichts. Aber wer mit der Lektüre beginnt, merkt schnell, dass Jack viel mehr einfängt als den Alltag der Beat-Generation. Er schafft es, das Gefühl der Reise, die Magie des Unterwegs-Sein auszudrücken wie kein zweiter. Er lässt die  Sehnsucht des Reisenden lebendig werden; Dieses Gefühl, das es nur unterwegs gibt, wenn alle Ziele offen sind.

„Wir alle waren froh: wir wussten, dass wir Chaos und Wahnsinn hinter uns ließen und unsere einzige noble Aufgabe in der Zeit erfüllten – wir waren in Bewegung.“

Das Reisen gehört für mich zum Biken wie der Singletrail. Und zwar alles daran – von den ersten Vorbereitungen, über das Packen, dem Stöbern in Landkarten bis zum eigentlichen Aufbrechen. Dann sitzt du im Auto sitzen, die Welt liegt dir zu Füßen, du hast die Freiheit hinzufahren, wo du willst. Zwischen zwei Zielen hängst du in der Schwebe, hörst du nur die Musik aus dem Autoradio, singst lauthals mit – oder verlierst dich in endlosen Gedankenspinnereien. Wenn dir nach einer Pause ist, hältst du. Alles kann passieren. Tramper erzählen dir verrückte Geschichten und Berge, die dich laut rufen, zwingen dich Umwege einzuschlagen, die du niemals erwartet hättest. Unterwegs rauscht die Landschaft an dir vorbei, schemenhaft, lässt dich mit Erinnerungsfetzen und Gedanken alleine. Alles fließt durch dich hindurch.

„Die Reinheit der Landstraße. Der weiße Mittelstreifen auf dem Highway entrollte sich und streichelte unseren linken Vorderreifen, wie angeleimt an unsere Spur.“

Probleme, Sorgen, Ängste? Pustekuchen. Beim Reisen passt sich der Körper dem natürlichen Lauf der Tage an, die Bedürfnisse werden aufs Wesentliche reduziert. Essen, schlafen, biken, vorwärtskommen. Neue Eindrücke aufsammeln, jeden Tag überrascht werden.

„Warum daran denken, wenn das ganze goldenen Land vor dir liegt und lauter ungeahnte Dinge nur darauf warten, dich zu überraschen und glücklich zu machen. Sei froh, dass du am Leben bist und sie erleben darfst“

Der Erzähler, Sal Paradise, reist zwischen Ost- und Westküste hin und her, als Tramper, im Reisebus, auf Güterzügen, in geklauten und geliehenen Autos. Er durchzecht Nächte in verschwitzten Jazzbars, er schlägt sich als Wanderarbeiter durch, pflückt Baumwolle, verliebt sich in Landstreicherinnen, singt Lobeshymnen auf die pulsierenden Metropolen Denver, San Fransisco und New York. Ich war noch nie in den USA, und Jazz zu hören habe ich nach wiederholten Versuchen immer wieder aufgegeben. Trotzdem verleiht Jack Kerouac einem extrem vertrauten Gefühl Worte, und das auf so eindringliche Weise, dass „On the Road“ ein echter Trost an dunklen, langen Winternachmittagen ist. Der Roman ist mehr als ein Klassiker, den man gelesen haben sollte – er ist beste Unterhaltung, mitreißender als jede Reisestory. Ein Stück Literaturgeschichte, die einem vollgepackten Roadtrip-Wochenende mit Mountainbikes im Gepäck vielleicht so nahe kommt, wie kaum ein anderes Werk.

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