Stille

Die Fahrräder halten Winterschlaf. Sie haben sich weit nach hinten in Keller und Garagen zurückgezogen, um neue Kraft für den Frühling zu tanken. An ihren Flanken klebt der verkrustete Schlamm der letzten Ausfahrten, um sie in den eisigen Nächten vor der Kälte zu schützen. Sie dürfen nicht gestört werden. Es ist die Zeit im Jahr, in der wir auf uns alleine gestellt sind.

Manchmal fehlt mir das Rattern des Freilaufs. Das Quietschen der Bremsen, das Schlagen der Kette. Die Geräusche wurden abgelöst durch dumpfes Stapfen von Stiefeln im Schnee, von gleichmäßigen Schleifen dünnen Skier, vom Einstechen der Stöcke. Die weißen Schneemassen sind wie ein Schwamm, der die Geräusche aufsaugt. Der Sommer ist bunt, grell und laut – der Winter still und zweifarbig.

Wenn der Vollmond auf eine Winterlandschaft scheint, braucht es nicht mal mehr Taschenlampen, um auf einen Berg zu steigen. Die ganze Welt sieht aus wie ein Negativ. Beim Zusammenkneifen der Augen verwandeln sich verschneite Hänge in Dünen, von denen der Wüstensand hinunterrinnt.

Beim Innehalten verschluckt dich die Stille. Sie verdaut deinen Körper in ihren tiefschwarzen Eingeweiden. Zurück bleibt nur die Wahrnehmung: der Herzschlag pocht in den Schläfen, das Blut rauscht in den Ohren, das Nichts fließt durch dich hindurch. Nur ein paar feuernde Synapsen, sonst ist da nichts. Kein Lärm, kein Internet, keine Menschen. Die zerfransten Wipfel der Kiefern sind die abstrakten Pinselstriche auf der ebenmäßigen Leinwand der Nacht.

Ich glaube, ich bin noch nicht bereit für den Frühling mit seinem ohrenbetäubenden Lärm. Ausschlagende Triebe, kreischende Vögel, knatternde Mopeds. Das Knarzen beim Aufwecken des Fahrrads, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die eingerosteten Bewegungsabläufe, die erst wieder mit ordentlich Routine geölt werden müssen. Noch genieße ich die watteartige Stille des Winters. Noch.

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