Shut up, brain!

Warum ich nach fünf Monaten Mountainbike-Verbot mit dem Rennrad in ein buddhistisches Meditationszentrum nach Südfrankreich fahre.

Ich kennen den Spruch aus einer Werbung für irgendeinen Energie-Riegel: „Shut up, legs!“ – halts Maul, Körper, und tu was ich dir sage! Der Spruch ist so griffig, weil er das Körper-Geist-Verhältnis, das unsere Vorstellung bestimmt, so gut auf den Punkt bringt: Der Verstand (dieses rätselhafte Ding namens „Ich“) wohnt in einem Körper, den er wie eine Maschine bedient und im Zweifel mit Energie-Riegeln zum Funktionieren zwingt. Kopf beherrscht Körper – so sehen wir westlichen Menschen uns und die Welt spätestens seit der Aufklärung.

Wie falsch diese Vorstellung ist, merke ich gerade an meinem eigenen, rebellierenden Leib.

Die Auszeit: 6 Monate ohne Biken

Am 20. November wurde ich am Knie operiert, um die Spätfolgen eines lange zurückliegenden Snowboardunfalls zu reparieren. Nach sechs Wochen Krücken folgten weitere sechs Monate Sport-Verbot, fünf davon habe ich hinter mir. Ich darf immerhin wieder Radeln, Yoga machen und Kraft aufbauen, aber die Erschütterungen und das Verletzungsrisiko beim Mountainbiken sind zu hoch, um Trails zu fahren.

Im Herbst hatte ich relativ optimistisch auf die bevorstehende Auszeit geblickt: dann habe ich halt mehr Zeit zum Lesen, Schreiben, Arbeiten, dachte ich. Außerdem wurde es ohnehin Winter, also was sollte mir bitte schon fehlen? Am Anfang war auch alles ok. Ich empfand keinen Neid, wenn ich Freunde oder meinen Mann zum Mountainbiken losziehen sah, ich traf mich gerne nach einer Tour mit ihnen, die typische Ich-kann-das-nicht-mit-ansehen-Haltung, die ich von anderen Verletzten kannte, stellte sich bei mir nie ein. Die garstige Laune auch nicht.

Was sich bei mir mit der Zeit veränderte, war subtiler. Es fiel mir an Kleinigkeiten auf. Zum Beispiel beim Anblick von Naturschönheit. Wenn ich in der Natur bin, durch einen Wald laufe, an einem Ufer liege, ein Bergpanorama betrachte, stellt sich bei mir normalerweise eine tiefe Zufriedenheit ein. Ein wohliges Glücksgefühl breitet sich in mir aus, füllt mich vollkommen aus und lässt keinen Platz mehr für irgendwas anderes. Jetzt, nach fünf Monaten Spazierengehen, bin ich selbst draußen nur noch am Grübeln. Oder beim Schreiben: wenn ich eine Idee habe oder ein Thema, das mich beschäftigt, schreibe ich einen Text normalerweise flüssig runter und nehme später nur minimale Änderungen vor. Doch seit Anfang des Jahres sammeln sich die angefangenen, abgebrochenen, tausendfach abgeänderten und doch nie veröffentlichen Artikel auf meinem Rechner. Ständig pfuscht mir mein Hirn dazwischen, zweifelt an, stellt in Frage und verhindert, dass meine Kreativität die Entscheidungen trifft.

Seit ich am Knie operiert wurde, ist es, als wäre mein Verstand hyperaktiv geworden. Kreisende Gedanken haben sich in meinem Hirn festgebissen und verderben mir die Freude an den einfachen Dingen. Manchmal wünsche ich mir die aufbrausenden schlechte Laune der Anderen, vielleicht verhindert sie, dass sich die Unzufriedenheit so tief in das Erleben einnistet. Im Moment ist es, als ob ich eine graue Brille auf hätte und die Intensiät der Sinneseindrücke dumpf gestellt worden wäre. Mein Kopf beherrscht meinen stillgelegten Körper nicht, er tyrannisiert ihn wie ein durchgeknallter Diktator.

Die Erkenntnis: Mountainbiken macht glücklich. Also so richtig.

Erst jetzt wird mir bewusst, dass sich hinter der flapsigen Floskel „Mountainbiken macht glücklich“ so viel mehr verbirgt als eine nette Lifestyle-Formel. Verglichen mit meinem jetzigen Zustand fühlen sich manche Sommerwochen mit ausgedehnten Touren an wie ein nicht endendes High, alles ist dann federleicht und unbeschwert. Auch die Bedeutung von „körpereigenen Drogen“ erschließt sich mir jetzt erst so richtig. Das ist keine Metapher, das ist wörtlich zu verstehen. Es ist unglaublich faszinierend zu erleben, was mit dem Kopf passiert, wenn er nicht alle paar Tage mit Glückshormen durchgespült wird. Er dreht hohl. Soviel also zum Thema, wer hier wen beherrscht.

Doch ich glaube, es geht noch über die Ebene der Hormone hinaus. Denn ich darf ja anderen Sport machen, nur hat der einfach nicht die gleiche Wirkung. Mountainbiken sorgt bei mir (und vielen anderen Menschen) nicht nur für die Ausschüttung von Endorphin und seinen Kollegen, sondern für ein völliges Verschmelzen von Körper, Geist, Raum und Zeit. Im Fahrfluss hinterfrage ich nicht, wäge nicht ab – sondern alles passiert einfach. Es existiert plötzliche kein „Ich“ mehr, das Befehle gibt. Der Kopf schweigt und ordnet sich dem Empfinden unter. Diesen Zustand scheint man vom Trail mitzunehmen und – bei regelmäßiger Anwendung – auf den Alltag zu übertragen.

Für mich macht dieses Zusammenspiel offenbar einen großen Anteil an meinem Wohlbefinden aus. Umso mehr mache ich mir jetzt Gedanken: Ich darf zwar in ein paar Wochen wieder aufs Mountainbike, aber was kommt dann? Was ist bei der nächsten Verletzung, bei der nächsten Krankheit? Was, wenn es irgendwann gar nicht mehr geht? Will ich mich wirklich von diesem Sport abhängig machen? Auf der Suche nach einem Plan B habe ich eine lange in Vergessenheit geratene Fährte wieder aufgenommen.

Die Suche nach Alternativen

Meine erste Begegnung mit Meditation hatte ich während meines Philosophiestudiums. Es gab dort einen Professor, der seinen Schwerpunkt auf den fernöstlichen Denkschulen hatte und für mehr Austausch zwischen beiden Traditionen plädierte. Die westliche habe ich am Anfang beschrieben: Hier ist die Vernunft das Maß aller Dinge, der Körper dagegen nur ein Beiwerk, den schnöden Naturgesetzen unterworfen. Theorien werden hier stets von „körperlosen Beobachtern“ entwickelt, die den Input unserer fehleranfälligen Sinnesorgane möglichst auszumerzen versuchen. Ganz anders im Osten: Hier ist der Körper Anfang jeder Erkenntnis, das „Ich“ nur eine Illusion und der Verstand ein genauso beschränktes Organ wie Augen, Nase und Ohren. Am Anfang jeder Erkenntnis steht nicht das DENKEN, sondern das TUN: statt „ich denke, also bin ich“ gilt hier: ich atme, ich nehme wahr; ich nehme wahr, dass ich wahrnehme. Für mich roch das am Anfang alles verdächtig nach Esoterik und Spiritualität – beides Dinge, mit denen ich nichts zu tun haben wollte.

Doch die Neugier siegte, und fand ich mich in einem Einführungsseminar wieder, auf dem Boden sitzend und meine Atmung beobachtend. Wir lasen zwar auch Texte, aber hauptsächlich übten wir: mit unserem Körper, nicht mit unserem Kopf. Statt Argumente wieder und wieder zu zerlegen, galt es, den Verstand zur Ruhe zu bringen. Das Ziel war es, aus dem stürmischen Meer, das der Vertsand im Normalzustand ist, eine spiegelglatte Wasseroberflöche zu machen. Der Weg dorthin führte über die bewusste Ein- und Ausatmung. Zu den großen Fragen – Wer sind wir? Was ist Existenz? Was ist das Nichts? – erschlossen wir uns dadurch völlig neue Zugänge. Auf einmal konnte man sie nicht mehr beantworten – sie „passierten“ einfach. Seitdem war Meditation für mich nichts Spirituelles – sondern praktische Philosophie.

So abstrakt das klingt, so verblüffend konkret waren neben dieser erkenntnisphilosophischen Dimension die Auswirkungen auf meinen Alltag: ich war ruhiger, gelassener, ausgeglichener. Ich nahm intensiver wahr. Nicht umsonst wird die Achtsamkeitsmeditation heute in vielen verschiedenen Settings für die Behandlung von psychischen Krankheiten angewendet. Studien belegen immer wieder die Wirksamkeit, in manchen Schulen gehört Achtsamkeitstraining mittlerweile dazu wie früher die Zahnpflege-Erziehung. Leider habe ich meine Meditationspraxis aus dem Seminar damals nie weiter vertieft, weil ich kurz darauf etwas spannenderes entdeckte: Mountainbiken.

Der Vergleich: Mountainbiken / Meditieren

Aus heutiger Sicht glaube ich, dass Achtsamkeitsmeditation und Mountainbiken ähnliche Wirkungen haben. Das ist vielleicht eine etwas gewagte Behauptung. Sowohl ein Ferda-Girl aus dem Bikepark als auch eine buddhistische Nonne aus einem Kloster werden jetzt wahrscheinlich heftig widersprechen. Aber mal ehrlich: nur weil das eine eine Jahrtausende alte überlieferte Tradition ist und das andere ein wenige Jahrzehnte junger Sport, muss das nicht heißen, dass es keine Gemeinsamkeiten gibt. Sieht man mal über die bunten Trikots auf der einen und den spirituellen Überbau auf der anderen Seite hinweg, bleibt ein ähnlicher Kern. Für mich ist das (nach bisherigen Erleben): Das Verstummen der Vernunft, die sich nun dem körperlichen Empfinden unterordnet und nicht mehr versucht, eine vermeintliche Vormachtstellung auf dem Weg durch die Welt einzunehmen, die sie nicht hat.

Und noch etwas gilt für beide: Praxis kommt vor Theorie. Genauso wenig, wie ich vom Bike-Videos schauen eine bessere Mountainbikerin werde, lerne ich das Meditieren durch Bücher. Ohne Praxis geht es nicht. Und genau deshalb werde ich auf meiner Suche nach meinem Plan B eine Woche in einem buddhistischen Meditationszentrum verbringen.

Der Plan: eine Woche in Plum Village

Plum Village wurde 1982 von Thich Nhat Hanh, einem vietnamesischen Mönch gegründet. Mein Professor von damals bezeichnete sich als Schüler seiner Lehren, so hörte ich das erste Mal von diesem Ort. Heute verbringen tausende Menschen aus der ganzen Welt hier Zeit in einem Retreat. Ich werde dort um 6:00 Uhr mit der ersten Sitzmeditation beginnen, achtsam essen, achtsam arbeiten, achtsam gehen und völlig abgeschnitten von der Außenwelt sein. Ich werde von erfahrenen Nonnen in der Meditation angeleitet werden und an Diskussionen teilnehmen, ansonsten viel schweigen. Vielleicht bekomme ich am zweiten Tag die Krise. Vielleicht finde ich aber auch das, was ich suche: einen anderen Weg als das Mountainbiken, um Körper und Verstand in Einklang zu bekommen. Es wäre ein wirklich kostbarer Schatz: Das Denken verstummen zu lassen, ohne auch nur den Raum zu verlassen, dabei unabhängig zu sein von Bike,  Bergen, Wald und einem funktionierenden Körper. Das klingt für mich nach der größtmöglichen Freiheit.

Und weil ich keine Lust habe, für meinen kleinen First-World-Problems-Selbsterfahrungs-Trip die Umwelt vollzustänkern, fahre ich die 900 Kilometer mit dem Rad. Was meine Beine dabei sagen werden, ist mir scheißegal. Hauptsache, mein Gehirn gibt Ruhe.

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Anmerkung:

Ich hoffe, dass ich mit meinem Vergleich keine Anhänger von buddhistischen Schulen auf den Schlips getreten fühlen. Ich weiß, dass für sie mehr dazu gehört: eine Ethik, bewusste Lebensentscheidungen, für manche auch ein Glauben oder Spiritualität – all das hat Mountainbiken natürlich nicht in diesem Maße. Mit dem Vergleich will ich nichts kleinreden oder mich lustig machen! Ich bitte außerdem mein gefährliches Halbwissen über östliche Denktraditionen zu entschuldigen. Das hier ist kein wissenschaftlicher Artikel sondern ein Erfahrungsbericht.

Mit dem Rennrad ins Meditations-Retreat. Shut up, brain –  take over, legs!

 

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