Schwere Entscheidung

Stell dir vor, du müsstest dich für eine einsame Insel entscheiden: Auf der einen gibt es Mountainbikes, aber nur Flachland und Straßen. Auf der anderen ein Gebirge voller Singletrails, aber keine Fahrräder. Wohin gehst du?

„Nirgends!“ schreit es in mir, als mir während eines einsamen Uphills dieses bescheuerte Gedankenexperiment in den Kopf kommt. Das ist einfach zu fies. Aber dann macht sich in mir doch ziemlich schnell eine Gewissheit breit…

Sicher, ein MTB ist schon an sich eine tolle Sache: ich kann an ihm herumbasteln und es perfektionieren, ich kann Bunnyhops und Wheelies üben und ich kann damit zur Eisdiele fahren. Aber im Grunde ist es für mich nur ein Mittel zum Zweck. Ein Mittel, um Singletrails zu fahren.

Singletrails sind die menschengemachten Pforten in die Welt der Wildnis. Schmale Abschnitte gezähmter Natur, um uns zivilisierten Wesen einen Zugang zu ihr zurück zu geben. Ich bin auf Trails gefahren, die vor über 2000 Jahren von Römern angelegt wurden und auf solchen, die Teenager in jugendlichem Eifer in den Wald zimmerten. Es gibt Wege, die von Soldaten geschaffen wurden und jene, auf denen Schmuggler Grenzen überquerten. Manche sind fast vergessen, zugewuchert, von der Vegetation in kürzester Zeit verschluckt, andere werden für schwindelerregende Summen ins Leben gerufen. In Baden-Württtemberg sind sie ein Politikum, an dem sich die Gemüter erhitzen; anderswo werden sie zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Für die einen sind sie, wild gebaut, der Inbegriff von Zerstörung; für andere, Bildhauern gleich, eine Form der Selbstverwirklichung.

Für Trails fahre ich in die entferntesten Ecken des Kontinents, der Zustand oder das Vorhandensein von Trails kann über den Erfolg einer Reise entscheiden. „Ab da vorne kommt dann Singletrail“ –  ein Zauberformel, die Herzen rasen und Augen leuchten lässt. Am Lagerfeuer erzählt man sich Geschichten über Trails, die man einst befuhr, mit glühenden Wangen wird detailliert ihr Wesen, ihre Eigenart, ihr Charakter heraufbeschworen. Wenn ich meine Leidenschaft für das Biken auf eine Formel herunterbrechen müsste, dann wäre es dieses Wort: Singletrail.

Ab was nützt mir das alles ohne Fahrrad? Zu Fuß ist ein Singletrail immer noch schön, aber ich kann ihn nie so intensiv erleben wie auf dem Bike. Ich habe immer wieder versucht, zu wandern. War ganz nett. Doch Wurzeln, Steinfelder und Spitzkehren verschmelzen erst so richtig mit mir, wenn sie mich herausfordern. Und dennoch – wunderschön sind sie trotzdem, manche Trails, eingebettet in Wald und Felswände so erhaben wie Kunstwerke. Mit ihren Windungen, Untergründen, Abgründen und Panoramen, ihren tausend verschiedenen Gesichtern bringen sie mich immer wieder raus in die Natur, zu mir zurück. Ich liebe Singletrails.

Ich nehme die Trailinsel.

Und du?

 

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