Schlamm

„Schlaaaammmm……?“ das Kind zog das Wort in die Länge, den ungewohnten Klang vorsichtig auf er Zunge zergehen lassend. „Genau, Schlamm“, bestätigte die Frau: „Oder auch: Matschepampe. Schlick. Schmodder. Wir hatten viele Worte dafür. In Russland war sogar eine ganze Jahreszeit nach den Wochen benannt, in denen die Straßen sich in Schlamm verwandeltet: die Rasputiza“. Das Kind, das sich in den Schatten einer knorrigen Pinie gesetzt hatte, versuchte konzentriert, Bilder vor seinem inneren Auge entstehen zu lassen. Vergeblich. Es kannte Murenabgänge, Überschwemmungen und die braunen Fluten des Hochwassers, aber das, was Großmutter hier mit fremd klingenden Wörtern heraufbeschwor, schien einfach zu unwirklich. Boden war schließlich staubig, trocken, aufgerissen – aber doch niemals von einer klebrigen, feuchten Substanz überzogen. „Aber wenn es schlammerig war, dann konntet ihr ja gar nicht Mountainbiken gehen“ warf das Kind ein. Die Augen der Frau blitzen auf. „Oh doch. Das konnten wir. Und wir taten es…“ „Aber – das ist doch gefährlich bei Regen raus zu gehen!“ platze das Kind hervor, nun sicher, einen Haken an den phantastischen Geschichten der Großmutter gefunden zu haben. Doch die lächelte nur müde und fuhr fort: „Weißt du, früher regnete es oft tagelang hintereinander, aber nie so stark, dass man Angst haben musste. Sturmfluten, Orkane, Hurrikane – das waren alles eher Ausnahmen. Regen war nichts Gefährliches. Er war ganz natürlich, er gehörte dazu – und er verwandelte nach dem Sommer die trockene Erde stets in wunderbar glitschigen Schlamm. Wenn wir dann Mountainbiken gingen, mussten wir uns komplett umgewöhnen. Alles war so rutschig, das Vorderrad konnte dir an den unmöglichsten Stellen plötzlich wegschmieren. Wenn es steil wurde, musstest du aufpassen, dass dich dein Hinterrad nicht überholt. Man musste sich leicht machen auf dem Fahrrad, das Vorderrad seinen Weg suchen lassen, den Reifen vertrauen. Ein Freund von mir hat mal gesagt: ´It’s like ballet on the bike‘. Das traf es sehr gut. Mountainbiken im Schlamm hatte etwas Graziles, und fühlte sich ein bisschen so an wie tanzen. Es war ein einziges Schliddern und Schlurfen, Manschen  und Panschen…“ Das Kind hörte schweigend zu. Es griff gedankenverloren mit beiden Händen in den Waldboden und ließ den Sand durch die Finger rieseln. „Aber wenn es tagelang geregnet hat – hat euch denn die Sonne nicht gefehlt?“, unterbrach es schließlich die Frau. Die lachte kurz auf und seufzte dann. Mit der Hand strich sie dem Kind übers Haar. „Weißt du, wir wussten ja, dass die Sonne wiederkommt. Und gerade nach einem langen Sommer war es so angenehm, wenn auf einmal der Regen einsetze, überall Wasser gluckerte und sprudelte, der Wald morgens in dampfenden Nebel gehüllt war. Das war dann zwar schon erst mal eine Überwindung, dann loszugehen, aber wenn man zurück am, komplett eingesaut, den Schlamm noch in den letzten Ritzen des Körpers verteilt – dann fühlt man sich irgendwie…. irgendwie lebendig.“ Und nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Ich vermisse den Schlamm. Sehr sogar. Ich wünschte, ich könnte dir zeigen, wie er sich unter den Reifen anfühlt.“ Doch das Kind hörte nicht mehr zu. Es wollte weiterfahren und hatte sich wieder auf sein Mountainbike gesetzt. Die gleißende Dezember-Sonne hatte ihren Höchststand erreicht. Die Frau griff ebenfalls zu ihrem Rad und folgte dem Kind. Kurz darauf wurden sie von den gelben Staubwolken verschluckt, die ihre Reifen aufwirbelten.

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