Revelstoked

Stell dir vor, alle deine besten, coolsten, entspanntesten und sportverrücktesten Freunde hätten zusammen eine Stadt gegründet. Mitten zwischen hohen Bergen, am Ufer klarer Seen. Dort bauen sie Trails durch Wälder und Blumenwiesen und leben nach ihren eigenen Regeln glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Diese Stadt ist Revelstoke.

In Revelstoke gibt es jeden Sommer ein Straßenmusik-Fest. Wie in vielen anderen Städten wird die Hauptstraße in der Innenstadt gesperrt, mit billigen Plastikstühlen bestückt und eine kleine Bühne für Kleinkünstler geöffnet. In vielen anderen Städten dauern solche Feste ein Wochende, vielleicht sogar ein verlängertes – in Revelstoke dagegen 65 Tage. Vom 24. Juni bis zum 27. August wird auf der Grizzly Plaza an der Ecke Victoria Road/MacKenzie Avenue jeden Abend ein kleines, aber feines Gratis-Open-Air-Konzert gegeben.

Countrymusic, Burger und Soja-Latte

Am Abend unserer Ankunft spielen vier Frauen Country Musik. Unterschiedlichste Menschen haben auf den Plastikstühlen Platz genommen; auf ihren Gehstock gestütze Rentner, Eis-essende Kinder. Wir ergattern im „Chubby Funsters“ die letzten  Terrassenplätze und essen vegetarische Burger in der ausklingenden Resthitze eines kanadischen Sommertages, begleitet von den Banjo- und Gittarenklängen der Musikerinnen. Im Restaurant bedienen uns jungen Frauen mit Tättowierungen und Blumen im Haar. Um uns herum sitzen junge, schöne Menschen, die sich über ihre Abenteuer in den Bergen unterhalten. Am Nachbartisch piepst ein Handy – „Tindermatch!“ ruft sein Besitzer begeistert.

Revelstoke hat keine 10.000 Einwohner. Es gibt zwei, drei Hauptstraßen, heruntergekommene Hinterhöfe, nur wenige Ampeln und kaum ein ein Gebäude, das mehr als zwei Stockwerke hat. Und dennoch kann Downtown Revelstoke mit dem Szeneviertel einer Großstadt mithalten. Hippe Cafes reihen sich an einander, dazwischen internationale Küche und einladende Bars. Nur die Geschäfte verkaufen kein Mode, sondern Mountainbikes, Skier, Outdoor-Ausrüstung und Helikopter-Flüge.

Der Ort gilt als das Mekka für Heli-Skiing. Perfekte Bedingungen ziehen jedes Jahr tausende Skifahrer an, geübte wohlgemekt, denn das Terrain verzeiht keine Fehler. Es gibt zwar ein kleines Skigebiet, doch selbst das ist nicht anfängerfreundlich. Wer in Revelstoke lebt, kann Skifahren und deshalb bleiben die Geschäfte an Powdertagen vormittags auch geschlossen. Trotzden erinnert hier nichts an einen der europäischen Wintersport-Orte. Das Rot der Backsteingebäude, die chaotisch verlegten Oberleitungen, die kilometerlangen Güterzüge, die beim Vorbeischleichen auf den breiten Gleisen am Stadtrand laut hupen und einen Geruch von Eisen und Diesel verbreiten – das hier ist der wilde, wide Westen.

Alpine Overkill

Die Helikopter fliegen praktischerweise auch im Sommer. Viele von ihnen sind zwar im Kampf gegen die Waldbrände im Einsatz, aber wir haben Glück: für 200 kanadische Dollar pro Person schweben wir um 7 Uhr morgens auf den imposanten Mount Cartier – Über 2000 Höhenmeter in unter 12 Minuten. Vor dem Flug gibt es eine kurze Einweisung: Nach der Landung die Türen öffnen, aussteigen, die Bikes entladen, Kopf einziehen nicht vergessen (die Rotorenblätter haben schon manche GoPro gekostet). Und ganz wichtig: wenn alles bereit ist, dem Piloten mit einem Daumen-Hoch signalisieren, dass er abheben kann – alleine für diesen Moment lohnt sich das Ganze! Auf dem gefühlten Zenith meiner Coolness in diesem Leben vernichte ich die anschließendne Tiefenmeter mit einem Gefühl der Ungläubigkeit im Bauch. Nichts von dem hier fühlt sich wirklich an und ich überlege kurz, mich zu kneifen.

Mit reiner Muskelkraft erstreiten wir uns dagegen Frisby Ridge. Ein großangelegtes Trailprojekt, das mit öffentlichen Geldern gefördert wurde. Der Frisby Ridge Trail führt tief hienein ins Backcountry. Offene, seichte Kurven schlängeln sich in moderater Steigung durch Blumenwiesen, vorbei an spiegelglatten Bergseen, die von den pfeilspitzen Tannen und Kiefern gesäumt werden, die so charakteristisch sind für die Wildnis Britisch Kolumbiens. Frisby Ridge ist explizit als Trail für alle Könnenstufen angelegt, doch statt ihn mit Anliegerkurven vollzupflastern, wurde hier alles natürlich belassen. Der Trail wird bergauf wie bergab befahren und ist auch für Wanderer offen, die gegenseitige Rücksichtnahme funktioniert problemlos. Selbst Flowtrails machen hier also Spaß: Bergauf fährt er sich gemütlich, bergab ist er noch schöner als Helikopterfliegen.

Und es geht noch abgeschiedener. Um zum Keystones Basin Trail zu gelangen, geht es erst 30km stadtauswärts richtung Niemandsland. Dann nochmal 16 Kilometer ausgewaschene Forstpiste bis auf 1700 Höhenemeter. Dort startet ein 11 Kilometer lange Crosscoutry Trail – wobei Crosscountry in diesem Land nur bedeutet, dass es auch mal bergauf geht. Es ist wie in den Alpen, nur greller, satter, bunter- als hätte jemand die Realität mit Photoshop nachbearbeitet. Der alpine Overkill – mehr Bergkitsch geht einfach nicht.

Die Erkenntnis: Deutschland ist zu voll

Trifft man auf den Trails auf Gegenverkehr, folgt in der Regel folgende Unterhaltung:

– Hi, how is it going?

– Good, how are you?

– The trail is awesome, Sun is shining, I’m riding my bike – couldn’t be better! Have a nice one guys!

Die kanadische Freundlichkeit ist entwaffnend. Stummes Kopfnicken? Ein „Servus“ in den Bart grummeln? Kanadier müssen in Deutschland vor sozialer Kälte erfrieren. Eingehen vor lauter unfreundlichen Menschen und ihren Regeln, Vorschriften, ihrer Bürokratie und ihrem Spießertum. In Revelstoke dagegen sind die Leute entspannt genug, jeden Abend Feste zu feiern, sich Trails zu teilen und die Geschäfte einfach geschlossen zu lassen, wenn es draußen zu schön ist.“Laid Back“ – gelassen, relaxt, ist das Wort, das mir die ganze Zeit im Kopf hallt.  Wenn ich eine Stadt gründen würde – ich würde sie wie Revelstoke machen.

Revelstoke
Revelstoke
Mount Cartier
Mount Cartier

Blick vom Mount Cartier

die letzten Höhenmeter zum Gipfel werden getragen
die letzten Höhenmeter zum Gipfel werden getragen
Frisby Ridge Trail
Frisby Ridge Trail
Keystones Standard Basin Trail
Keystones Standard Basin Trail

Keystones Standard Basin Trail

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und das Ganze nochmal in HD: Casey Brown, die überhaupt coolste Revelstokerin von allen, u.A. auf dem Mount Cartier Trail:

3 Kommentare

    1. Für den Fall, dass das wirklich du bist David und kein Internet Troll…würde ich mir dieses Lob jetzt gerne auf die Stirn tättowieren. Darf ich dich zitieren?

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