No more single stories

Am letzten Oktober-Wochenende veranstaltete ich zusammen mit Anna Weiß den 1. European Women’s Outdoor Summit in Flims. Hier kommt mein persönlicher Rückblick auf ein Event, das mir lange die Sprache verschlagen hat…

Als ich writing trails begann, ging ich einem vagen, schwer zu greifenden Bedürfnis nach. Ich hatte das Gefühl, meine eigene Version von dem, was Mountainbiken ist, erzählen zu müssen. In den Erzählungen, die ich bisher kannte, kam irgendwie nie das rüber, was Mountainbiken für mich ausmachte.

Dieses Gefühl lag zum einen darin begründet, dass ich eine Frau bin – und die vorhandenen Erzählungen, seien sie in Wort oder Bild, von Männern verfasst werden. Alle Fotos, Videos Filme, Berichte – sie alle zeigen überwiegend die männliche Perspektive. Oder wieviele weibliche Filmerinnen, Journalistinnen und Fotografinnen fallen dir auf Anhieb ein?

Das führte dazu, dass ich mich lange als ein Gast in der Mountainbike-Welt gefühlt habe. Simone de Beauvoir hat Frauen und generell als „das andere Geschlecht“ beschrieben. Männer sind die Norm, Frauen sind der Zusatz. In der Bikewelt lässt sich das prima beobachten: Es gibt Mountainbikes und es gibt frauenspezifische Mountainbikes. Und in den Katalogen mancher Hersteller sind „Frauen“ sogar eine Produkt-Katergorie neben „Enduro“, „Allmountain“ und „Crosscountry“. Mein Geschlecht, die Ausnahme vom Regelfall – Simone hatte recht.

Ich habe mich davon grundsätzlich wenig abschrecken lassen. Ich wollte dabei sein, also habe ich mich angepasst. Ich bin mit den schnellen Jungs fahren gegangen. Ich habe ihren Techtalk verinnerlicht, mir ihre Kurventechnik abgeschaut und gelernt, mich um mein Bike selbst zu kümmern, auch wenn ich bis dato nicht einmal wusste, in welche Richtung eine Schraube aufgeht. Es war also ziemlich vorteilhaft, mein Geschlecht nicht immer zu betonen. Wenn mich Leute gefragt haben, wie ich in so kurzer Zeit so große Fortschritte machen konnte, erklärte ich, dass ich Feministin sei, und mir folglich ganz bewusst weibliche Zurückhaltung im Lernprozess abtrainierte. Zu der Zeit fand ich auch diesen ganzen Frauencamp-Quatsch ziemlich albern und überflüssig: sollten die sich doch alle mal nicht so anstellen.

Das alles änderte sich, als ich durch Zufall ein kleines Büchlein mit dem unscheinbaren Titel „Over the Alps on a bicycle“ in die Hände bekam. Es wurde von Elizabeth Pennell verfasst, einer Amerikanerin, die im Jahr 1898 gemeinsam mit ihrem Mann die Alpen überquerte: in bodenlangem, viktorianischen Kleid, auf einem Eingang-Fahrrad mit rudimentären Bremsen. In einer Zeit, in der es keinen Asphalt gab und keinen Leerlauf.

„Over the Alps on a bicycle“ entpuppte sich als der mitreißendste Reisebericht, den ich je gelesen hatte. Der Flow beim Bergabfahren unter widrigsten Verhältnissen, das Erleben von fremden Kulturen und Landschaften, das großartige Gefühl der Überwindung größter Erschöpfung, die nervigen Kommentare besserwissender Männer am Straßenrand – Elizabeths Schilderungen kamen meinem Empfinden näher als jeder Bericht aus der Gegenwart.

Leider hatte ich nie von Elizabeth gehört. Die Geschichte, die ich gelernt hatte, ging so: coole Dudes aus Kalifornien shredden wie geisteskrank einen Berg runter. Dann tüfteln sie an ihren Bikes und werden damit zu Legenden, weil sie das Mountainbiken erfinden. Irgendwann merkt jemand, dass es auch Frauen gibt, und hat den klugen Einfall, frauenspezifische Bikes zu machen. Die sind aber scheiße, kauf das bloß nicht! Außer bei den Herstellern, die für ihre frauenspezifischen Bikes jetzt sogar Frauen einstellen (krass! Frauen, die Bikes entwickeln! Was kommt als nächstes? Frauen, die normale Bikes entwickeln?)

Die Schriftstellerin Chimamda Ngozi Adichie beschreibt in ihrer großartigen Rede „The danger of a single story“ wie die Geschichten, die wir hören, unsere Wahrnehmung von uns selbst und damit unseren eigenen Möglichkeitsraum prägen. Und sie zitiert den Schriftsteller Mourid Barghout, der schrieb: „if you want to  dispossess a people, the simplest way to do it is to tell their story, and to start with, „secondly.“

Für mich war „Over the Alps on bicycle“ der erste Moment in meinem Mountainbikerinnen-Dasein, in der meine Geschichte mit „first“ begann – und nicht als Zusatz oder Sonderfall. Elizabeth: eine Abenteurerin, die als erster Mensch der Welt gezeigt hat, dass man mit dem Rad die Alpen überqueren kann und dass das verdammt viel Spaß macht.

„I wanted to see if I could cross the Alps on a bicycle. I did, and any woman who rides – and knows how to ride – a good strong machine fitted with a good strong brake on each wheel, who will be wise enough not to let it get away with her on the down grade and who is not afraid of work, may learn what pleasure there is in the exploit.“  Elizabeth Pennell, 1898

Elizabeths Geschichte machte mir bewusst, wie sprachlos ich bisher durch die einseitigen Geschichten war, wieviel von meinem eigenen Erleben ich als nicht richtig oder wichtig empfunden hatte, und folglich nie erzählt habe. Und ich begann mich zu fragen, was Elizabeths Bericht wohl all jenen Frauen zeigen könnte, die sich mit sehr viel weniger Selbstbewusstsein in ihrem Sport bewegen, vielleicht durch ihren Mann dazu gekommen sind, sich im Radgeschäft unwohl fühlen, sich nicht trauen, an einer Ausfahrt oder Rennen teilzunehmen oder sich permanent dafür entschuldigen, dass sie weniger versiert, schnell oder informiert sind wie der männliche Durchschnittsmountainbiker. Was sie den Frauen lehren könnte, die es gewohnt sind, sich in männlichen Teams anzupassen und überhört zu werden.

Was wäre, wenn Mountainbiken oder Outdoor-Sport im Allgemeinen einfach nicht mehr männlich konnotiert wäre? Wenn wir genauso viele Geschichten von Frauen wie von Männern sehen, lesen und hören würden? Wenn wir das „weniger als….“ einfach aus unseren Köpfen streichen würden?

Diese Fragen mündeten nach vielen Diskussionen, manchen Sackgassen und langen Nächten im Internet irgendwann in das, was am letzten Oktoberwochenende in Flims stattfand: der 1. European Women’s Outdoor Summit. Die Motivation von Anna Weiß und mir: einen Raum erschaffen, in dem wir unsere Geschichten erzählen und austauschen.

Zum Beispiel die von Antje, die gerade die Durchquerung von Spitzbergen plant – auf Skiern. Die von Jacqueline, die von Garmisch nach Meran gewandert und geklettert ist – trotz fehlendem rechten Bein. Die von Sandra, die Skifilme produziert – und sich das selbst beigebracht hat. Die von Lorna, die seit über 20 Jahren in der Bike-Branche arbeitet – und als Mechanikerin angefangen hat. Die von Janet, die nach einer komplizierten Schwangerschaft dank E-Mountainbikes die Freude am Biken wiederentdeckt hat. Die von Ana, die die Alpen überquert hat – von Ost nach West. Die von Kerstin, die den Leistungssport eine Absage erteilte und das Surfen begann – trotz Rollstuhl. Die von Michelle, die erst einen Beautyblog schrieb – und jetzt einen der erfolgreichsten Mountainbikeblogs Deutschlands hat. Die von Maria, die ein Magazin für Longboarderinnen gründete – im Alleingang. Die von Ines, die seit Jahren an der Spitze der ultraharten Enduro World Series mitfährt – unter Bedingungen, die den meisten Typen zu krass sind. Die von Uta, die gemeinsam mit ihrem Sohn einen Berg auf Kamtschatka erklimmt – mit 58Jahren. Und viele mehr – denn über 60 Outdoorsportlerinnen kamen beim Summit auf engstem Raum zusammen.

Ihre Geschichten faszinieren mich so sehr, dass ich gar nicht genug von ihnen hören kann. Vielleicht liegt es daran, dass ich in so einem Vakuum an weiblichen Vorbildern sozialisiert wurde (ich liebte schon in der Schule Kunst und Literatur, aber ich habe 12 in Schuljahren nur Werke von Männern besprochen. Ich liebte Filme, und noch heute sind Frauen in Fernsehen und Film deutlich unterrepräsentiert. Und ich liebte irgendwann den Sport, und 85% der Berichterstattung in Europa dreht sich um Männer)

Ich glaube, dass wir mit unseren Geschichten viel bewegen können. Wir können Outdoorsport weiblicher, für Frauen zugänglicher machen. Wir können zeigen, dass er selbstverständlich weiblich ist. Dass Sport für Frauen mehr sein kann als Joggen und Fitnessstudio (no offense!). Und wir können zeigen, dass „weiblich“ ein weiter Begriff ist, viel weiter als der, der uns zugestanden wird, wenn Männer unter sich bleiben. Auch uns geht es um Leistung, um den Kick, um Mut und darum, sich selbst zu beweisen. Es geht um Freundschaft, Liebe, Schönheit, Anmut und für manche auch um den zum Fahrrad passenden Nagellack. Verdammt es geht darum, als Frau einfach das zu leben und zu tun, wonach einem der Sinn steht. Und das ist auch die Stelle, wo wir die kleine, privilegierte Welt des Outdoor-Sports verlassen und über sie hinaus wirken: rein in die Gesellschaft, in der auch im Jahr 2017 das Leben von Frauen zwischen Gender Pay Gap, Rollenerwartungen und sexulisierter Gewalt nicht immer leicht ist.

Der European Women’s Outdoor Summit war in dieser Hinsicht für mich persönlich, als ob ich nicht nur ein einzelnes Buch einer Elizabeth Pennell entedeckt hätte, sondern gleich eine ganze Bibliothek. Gefüllt mit Romanen, Kurzgeschichten, Satiren, Dramen, Enzyklopädien, die alle verschiedene Lichter auf das werfen, was Frauen in der Natur erleben können. Mit den Worten Adichies: Keine „single story“ mehr, sondern ein schillerndes, vielfältiges Gesamtkunstwerk. Einfach wunderschön und faszinierend.

Und als Veranstalterin bin ich stolz auf die vielen neuen Sichtweisen und Kontakte, die auf dem Summit entstanden sind. Eine Teilnehmerin hat ihren eigenen Blog gestartet, eine andere sich ein Skateboard gekauft, neue Projekte sind im Entstehen, neue Formen der Zusammenarbeit zeichnen sich ab. Ich selbst bin nun auch gespannt wie es weitergeht – mit writing trails, mit dem European Women’s Outdoor Summit, mit Bloomers. Was es auch wird – hauptsache es wird bunt.

Offizieller Bericht (erscheint in Kürze): Bloomers// Fotos: Andrea Gaspar Klein

Der European Women’s Outdoor Summit fand im Gelben Haus Flims statt. Das mehrfach für seine Architektur ausgezeichnete, ehemalige Bauernhaus ist heute ein Museum. „Wie praktisch“ dachten wir uns, und nutzten die weiße Wände für eine Collage: die Teilnehmerinnen brachten Fotos, Erinnerungen und Zitate zu ihren ersten Schritten und prägenden Momenten in ihrer Sportart mit. So entstand ein wirkliches  Gesamtkunstwerk- und nicht nur im übertragenen Sinn.

die Speakerinnen (v.l.n.r.): Kerstin Rossek, Sandra Lahnsteiner, Jenny Long, Irmgard Beck, Ulrike Luckmann, Ines Thoma, Christine Prechsel, Sophie Knechtl, Ana Zirner, Jacqueline Fritz
Pionierinnen: die Teilnehmerinnen des 1. European Women’s Outdoor Summits
…und die zum Schluss sehr müden Veranstalterinnen: die unglaubliche Anna Weiß, ich selbst und Sandra Kirtz, Projektmanagerin bei der Flims Laax Falera Managmenet AG, unserer Traumpartner-Region

 

 

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