Welcome to New World Disorder Country

Nelson ist Heimat des Schöpfers der New World Disorder Filme, des dreifachen Rampage Gewinners Kurt Sorge, der Tribute-Band BC/DC und ganz nebenbei auch Heimat der Erschaffer meiner Hometrails (*hust*) –  Eine Reise zur Wiege des Freeride Mountainbikens.

Mein erstes Mountainbike hatte schon eine Teleskop-Sattelstütze,  worüber ich jetzt schreibe, passierte also lange vor meiner Zeit. Und zwar im Jahr 2000: in diesem Jahr erschien ein Mountainbike Film, der in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Darin kamen vor: ein 17-Meter-Drop. Lauter Rock ’n Roll. Krasse Typen. Noch krassere Stunts. Sein Schöpfer: Derek Westerlund, damals wie heute wohnhaft in Nelson. Sein Einfluss: Prägung einer ganzen Generation von Mountainbikern und Auftakt für die legendärste Filmreihe der Bikewelt. Sein Name: New World Disorder.

17 Jahre später sitze ich auf der Rückbank eines Pickups, die Füße auf einem Sixpack Bier. Über meiner Schulter streckt Soda, der Hund, seinen Kopf ins Wageninnere. Er teilt sich die Ladefläche mit unseren Bikes. Der Truck wird von seinem Fahrer souverän durch kuhgroße Schlaglöcher manövriert, immer steiler geht es den Berg hinauf. Viel ist passiert seit der Premiere von New World Disorder I bis zu diesem Moment: Downhiller fahren jetzt Enduro. Männer pflegen ihre Bärte mit Öl. Und Mountainbikes haben Elektro-Motoren. Die Welt hat sich weiter gedreht.

Doch in Nelson ist alles beim Alten.

Soda weiß bereits dass wir da sind, bevor der Truck zum Stehen kommt, und springt von der Ladefläche. Die Bikes folgen ihm, endlich kommen auch  die Fullfacehelme zum Einsatz, die wir den weiten Weg nach Kanada geschleppt haben. Man warnt uns vor, es wird „very steep. „Kein Problem“, denke ich voll jugendlichen Leichtsinns und folge den Jungs mit den Doppelbrücken-Gabeln in den Wald.

Man kann auf einem fast senkrechten Gefälle über 200 Tiefenmeter Kurven bauen – vor allem unsere Gastgeber in Nelson können das, sie haben es bei mittlerweile drei Trails in Freiburg bewiesen. In ihrer Heimat scheinen sie mit dieser Kunst allerdings sparsamer umzugehen. Der Trail erinnert eher an eine schwarze Skipiste als an etwas, dass sich den Titel „Weg“ verdienen würde. Der Untergrund ist loser, fluffiger Waldbogen, zentimetertiefer Erdpowder. „Just surf it down“ schallt es von unten herauf, und tatsächlich, sie haben recht. Der Lenker ist schließlich nicht zum Lenken da, sondern zum Hinterradbremse-Ziehen und mit etwas Schwung in der Hüfte lässt es sich ganz prima Hinunterwedeln. Ich muss nur aufpassen, rechtzeitig vor dem Roadgap, dessen Landung bereits der Absprung für einen Hipjump ist, dir Kurve zu kratzen um mein Leben zu retten.

Die Drop-, Gap- und Kicker-Konstruktionen, die nun folgen, übersteigen alles, was ich bisher auf europäischem Boden gesehen habe. Mit ihrer schier unfassbaren Größe wirken sie wie in den Wald gezimmerte Kathedralen des Freeridens – erhaben, respekteinflößend, majestätisch. Für die Locals sind sie Teil einer lockeren Feierabendrunde, die auch nach dem zweiten Bier noch drin ist (und nach dem dritten geht sogar ein No-Hander). Wir Touristen stehen mit offenen Mündern in den Chickenlines und feiern das Spektakel, das uns geboten wird.

In Wirklichkeit ganz lieb

Auf jedem Shuttleride muss ein weiteres Sixpack dran glauben, aus dem Autoradio des Toyota schallt BC/DC. Die AC/DC Tribute-Band hatten wir zufällig in Revelstoke live gesehen, doch auch ihr zu Hause ist hier am Kootenay Lake. Das erklärt auch ihre Auftritte in den New World Disorder Filmen. Wir halten an einem Aussichtspunkt, von dem wir über den gesamten See blicken können, das Haus von Kurt Sorge steht dort hinten am anderen Ufer. Drei Mal hat der gebürtige Nelsoner die Red Bull Rampage gewonnen – keiner außer ihm hat das bisher geschafft. Nelson, Freeride, Rock ’n‘ Roll – das gehört so zusammen wie kanadische Poutine, Käselocken und Bratensoße.

Das Schönste aber ist, dass diese biertrinkenden, fluchenden, shuttelnden, muskelbepackten Holzfäller, die sich zu unserer Unterhaltung über die Todes-Kicker senden, die gleiche kanadische Freundlichkeiten an den Tag legen, die uns bisher überall begegnet ist. Kein Gepose, keine Abfälligkeiten sondern herzerwärmende Gastfreundlichkeit. Höflich und zuvorkommend wird uns jeder Trail erklärt, nach unserem Befinden erkundigt, unser Fahrkönnen gelobt. Die New World Disorder ist nur an der Oberfläche hart, in Wirklichkeit aber ganz lieb.

Powerslave

Und so serviert man uns nach dem ganzen Falllinen-Wahnsinn dann zum Abschluss auch noch ein echtes Sahnehäubchen. Die wenigsten der Trials, die wir bisher gefahren waren, sind auf Trailforks zu finden, doch dieser hier ist eine echte Berühmtheit: „Powerslave“ hat einen epischen Auftritt im Film Life Cycles aus dem Jahr 2010 (das Trailbau Segment). Aber anders als Promis, die man im echten Leben trifft, enttäuscht er nicht: das Bauchkribbeln, das man alleine vom Zusehen vor dem Fernseher bekam, stellt sich nach den ersten zwei Kurven ein. Dicke, jahrhunderte alte Zedern säumen den Trail, ihre rote Rinde bedeckt den Boden, der nach so viel Geschlittere nun endlich wieder echten Grip liefert. Meine verkrampften Bremsfinger entspannen sich langsam, das Herz hüpft. Das hier ist, weshalb man nach Kanada reist. Das hier ist die wahrgewordene Trail-awesome-amazing-stokedness, für die mir leider die Worte fehlen.

Shuttlen in Nelson

Soda

BC/DC live in Revelstoke
BC/DC live in Revelstoke

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Als echte Mountainbike-Filme noch in Stripclubs begannen und dieser Feminismus-Scheiß noch in weiter Ferne war:

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