Nein, es wird nicht langweilig (Eine Liebeserklärung)

„Wird das nicht irgendwann mal langweilig?“ die Frage bekomme ich oft gestellt, wenn ich erzähle, was ich am Wochenende gemacht habe. Schon wieder mit dem Bike irgendwo gewesen. In den Augen anderer Menschen bin ich ein Freak. Die mit dem komischen Hobby, unter dem sich keiner so richtig was vorstellen kann.

Hier ist meine Antwort.

Seit ich 2010 mit dem Biken begonnen habe, war kein einziger Tag auf dem Mountainbike wie der andere. Jede Feierabendrunde, jede Tour, jede Reise, jeder Bikeparkbesuch, jedes Rennen – sie alle sind Teil einer großen und immer noch wachsenden Sammlung von Momenten, an die ich mich später glückselig zurück erinnern werde. Jede Minute auf dem Fahrrad ist wertvoll und gibt mir das unschlagbar gute Gewissen, alles richtig zu machen. Warum das so ist?

Auf dem Mountainbike lerne ich ständig dazu. Am Anfang ging es rasend schnell: Pedale waagerecht halten, Gewicht verlagern, laufen lassen. Auf einmal Geschwindigkeit aushalten, auf den Untergrund reagieren, über Wurzeln rollen. Plötzlich das erste mal beide Räder in der Luft haben, Bauchkribbeln spüren, es funktioniert! Der erste Sturz, das erste Mal fiese Schmerzen, das erste Mal wieder aufstehen und weitermachen. Angst überwinden, Vertrauen gewinnen. Mit der Zeit wird die Lernkurve flacher, und trotzdem gibt es immer wieder diesen Moment, in dem es „klick“ macht, und ich meinem Ziel, perfekt mit Rad und Untergrund zu harmonieren, wieder ein Stück näher komme. Mountainbiken ist wie ein Spiel mit der Natur, in dem es darum geht, mit ihr zu verschmelzen, statt sich von ihr abwerfen zu lassen. Es braucht ziemlich viel Zeit, in diesem Spiel wirklich gut zu werden. Aber jeder Fortschritt ist ein enormer Kick für das Selbstbewusstsein.

2010: das erste Mal die Räder in der Luft
2010: das erste Mal die Räder in der Luft

Ich lerne die Welt kennen. Zu Fuß ist man extrem langsam, kommt kaum voran. Mit dem Auto ist man zu schnell und außerdem abgeschottet von der Außenwelt. Auf dem Fahrrad zieht alles in perfekter Geschwindigkeit an mir vorbei – Täler, Gipfel, Ortschaften, ganze Landstriche lassen sich erleben und erobern. Alles, was ich dafür brauche ist eine Karte. So habe ich meine Heimat, den Südschwarzwald, meine Nachbarschaft, die Vogesen ebenso durchstreift wie ferne Länder. Beim Unterwegs-Sein wird man ständig mit neuen Eindrücken belohnt, darf immer wieder neu sehen und wahrnehmen, die Brille der Gewohnheit, durch die alles schleierhaft und grau wird, abnehmen. Ein neuer Trail, ein neues Stück Wald und alles leuchtet wieder in den grellsten Farben.

Die Brille der Gewohnheit abnehmen
Die Brille der Gewohnheit abnehmen

Ich treffe Menschen. Viele meiner besten Freunde habe ich durch das Mountainbiken kennengelernt. Das faszinierende an ihnen ist ihre Verschiedenartigkeit. Mountainbiken verbindet, und überschreitet gleichzeitig die üblichen Grenzen, die sich durch Studienfächer, Berufe, Alter oder Musikgeschmäcker ergeben. Oder Nationalitäten. Ohne mein Mountainbike hätte ich nie irische Wissenschaftlerinnen, rumänische Pädagogen, bosnische Hoteliers, schottische Trailbauer, slowenische Guides und so viele mehr wohl nie kennen gelernt. Ich habe Freunde, die ich noch nie zu Hause besucht habe, deren Geschichte ich nicht kenne, nicht weiß, wie alt sie sind – und trotzdem keine Sekunde zögere, mit ihnen auf eine Reise aufzubrechen.

img_0648
„Kommst du mit auf eine Hütte ins Rumänische Niemandsland, zusammen mit lauter Unbekannten?“ „Klar.“

Ich bin gesund. Nicht nur mein Körper ist fit, auch mein Hirn wird durch die tägliche Dosis Endorphine wirksam vor Winter-Blues und anderen seelischen Verstimmungen geschützt. Beim Biken werden Körper und Geist zur Einheit. Nichts anderes als der Moment zählt. Die Konzentration richtet sich auf den Weg vor dir, alles andere wird unwichtig. Die körperliche Anstrengung erledigt den Rest: egal wie mies die Stimmung auch ist, nach einer Tour gibt der Kopf, eingelullt in Glückshormone, endlich Ruhe.

Ich habe das faszinierendste Sportgerät der Welt. Das Fahrrad ist die erste Maschine in der Geschichte der Menschheit, die Mobilität aus eigener Kraft ermöglichte. Ein Zaubergerät, dass das Leben der Menschen nachhaltig verändert hat. Es ebnete nicht nur der Emanzipation der Frauen den Weg, sondern auch der Erfindung des Autos. Heute ist es unverzichtbarer Bestandteil beim Kampf gegen den Klimawandel. Ein so scheinbar einfache Erfindung, und gleichzeitig so bedeutungsvoll. Das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine lässt sich hochphilosophisch diskutieren – oder einfach auf dem Singletrail erleben.

image7
Das Fahrrad: ein Stück Kulturgeschichte

So. Und ihr fragt mich ernsthaft, ob das langweilig wird?

Fotos: Paul Maukowitz / privat

Kommentar verfassen