Minimalistisch Mountainbiken: Singltrek Pod Smrkem

Singltrek Pod Smrkem beweist, dass ein Trailcenter auf vieles verzichten kann: Vokale im Namen. Anlieger auf Trails. Veganes Essen im Bike-Bistro. Es reicht schon, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Wenn das Wort Flow fällt, werde ich immer sehr skeptisch. Meistens wird es dort inflationär gebraucht, wo man mir etwas verkaufen will, was ich eigentlich umsonst bekommen kann. Beispiel Flowtrails: angeblich dank Lift und massiver Anlieger-Kurven „Flow pur“ –  in Wirklichkeit aber nur ein Vorwand, um mir Liftkarten und Übernachtungen in Hotels anzudrehen.

Entsprechend misstrauisch war ich bislang gegenüber dem Trailcenter Singltek Pod Smrkem, das man wohl als kleine Flow-Berühmtheit bezeichnen kann. Es liegt direkt an der Grenze zwischen Tschechien und Polen; „Smrk“ ist der Hausberg mit 1100 Metern Höhe, an dessen Flanken sich die meisten der Runden entlangschlängeln. Für Südwest-Deutsche wie mich ist es bis zum Smrk eine kleine Weltreise – über 800 Kilometer um genau zu sein. Von alleine hätte ich es wahrscheinlich nie dorthin geschafft, erst ein beruflicher Termin meines Mannes in der Nähe von Dresden bot letztes Wochenende die Gelegenheit, dem Ganzen doch mal einen Besuch abzustatten.

Auf der Hinfahrt lese ich die Berichte derer, die schon da waren: „Maximales Flow-Erlebnis der besonderen Art!“ resümieren die Jungs von mtb-news. Na toll. Meine Laune trübt sich und wird auch nicht besser, als wir bei strömenden Regen im kleinen tschechischen Ort Nove Mesto Pod Smrkem ankommen. Zwischen den wild tanzenden Scheibenwischern lassen sich verlassen Bauernhöfe und Plattenbauten erahnen. An der Hauptstraße kommen wir an der Ruine einer alten Fabrik vorbei, Schutt und Schrott türmen sich meterhoch hinter den fensterlosen Fassaden. Ihre verschnörkelten Stuckelemente zeugen von besseren, aber offenbar vergangenen Zeiten. Wechselnde Weltmächte und sich vermischende Kulturen haben ihre Spuren in der böhmischen Architektur hinterlassen, eigentlich extrem spannend, aber ich wollte doch nur biken, und außerdem ist es schweinekalt.

Als wir unsere Unterkunft erreichen dann die Erleichterung. Ein einladend gestalteter Vorgarten mit A-Frames aus massiven Holzbalken beweist, dass wir so falsch nicht sein können. In der Gaststube dann die Bestätigung: jep, wir sind richtig. Ich hatte abblätternde Tapeten erwartet, stattdessen hängen an den Wänden Wald-Panoramabilder und Weihnachtsdeko aus alten Kettenritzeln. Unmittelbar stellt sich dieses Gefühl des Nach-Hause-Kommens ein, das mich immer an Orten beschleicht, an denen Mountainbiken keine Verkaufsmasche ist, sondern ehrlich gelebte Leidenschaft. Ich spüre es am Kribbeln im Bauch: das hier ist ein solcher Ort.

Beim Abendessen stecken wir die Köpfe über der Karte zusammen und versuchen uns zu orientieren, was gar nicht mal so einfach ist, denn englische oder gar deutsche Übersetzungen suchen wir vergebens. Alle Trailcenter-Runden sind zwar übersichtlich eingezeichnet, bei den ganzen tschechischen Orts- und Trailnamen, die alle nur aus den Buchstaben C, S und Z zu bestehen scheinen, schwirrt einem aber schnell der Kopf. Wer hat die Trails gebaut, wer finanziert? Warum gibt es keine Übersetzungen, wer ist die Zielgruppe? Alles Fragen, die wir gerne Tomas Kvasnicka gestellt hätten. Der Chef von Singltrek Pod Smrkem ist so etwas wie ein Guru der Trailbau-Szene, dementsprechend viel beschäftigt und während unseres kurzen Besuchs auf Amerika-Reise. Unsere Fragen müssen wir uns also aufheben und am nächsten Tag direkt in die Praxis starten.

Ins Trailcenter lässt sich von verschiedenen Ausgangspunkten starten. An drei von ihnen gibt es auch Bikeshops mit Radverleih und Verpflegung, im März ist aber alles noch geschlossen. Es lässt sich jedoch erahnen, dass an den idyllisch gelegenen Orten, an denen teilweise auch gecampt werden kann, im Sommer Hochbetrieb herrscht. Die Runden lassen sich nach persönlichem Gusto problemlos einzeln fahren oder zu bis zu 80 Kilomter langen Rundkursen aneinander hängen. Zwischendurch sind überall Abkürzungen möglich, außerdem gibt es alle paar Kilometer Informationstafeln zur Übersicht – Verfahren ist also ausgeschlossen.

Wir beginnen mit den schwarzen Runden „Okolo Medence“ und „Hejnicky Hreben“. Die ersten Höhenmeter führen über eine Asphalt-Forststraße, die noch von knietiefen Schneeresten bedeckt ist, und kurzzeitig die schlechte Laune vom Vortag wieder hervorholt. Doch nach einer halben Stunde kräftezehrendem Gestapfe geht es los mit dem „Singltrek“. Von nun an fahren wir Trail, und zwar für die nächsten vier Stunden. Dabei überwinden wir fast keine Höhenmeter, die schneebedeckten Höhen des Smrk bleiben auf sicherem Abstand. Der Trail ist schmal und führt über verdichteten, teilweise mit feinem Schotter angereicherten Boden. Lose Erde, Wurzelteppiche oder Steinfelder gibt es nicht. Auch keine Anlieger, keine Doubles, keine Wallrides. Dämpfer und Federgabeln sind völlig überflüssig – Bremsen dafür auch. Und genau deshalb macht das Ganze auch richtig viel Spaß.

Es schließt sich „Libverdska Strana“ an – eine rote Runde, die uns zum Mittagessen bringen soll. Schnell wird deutlich: Die Farben sagen nichts über den Schwierigkeitsgrad des Trails aus, der ist überall gleich, sondern markieren wahrscheinlich nur die länge der Runde. Spaß machen sie alle gleich viel –  mit ihrem permanenten Geschlängel,ihrem seichten Auf und Ab und Hin und Her und Vor und Zurück. Auf kleinstem Raum windet sich der nie endende Singltrek und dehnt sich alleine durch seine Kurverei auf seine beachtliche Länge. Das ist Mountainbiken in Reinform – ohne viel Schnick-Schnack, dafür aber mit – ich muss es an dieser Stelle zugeben- unfassbar viel Flow.

Der Trail spuckt uns schließlich an einem riesengroßen, begehbaren Bierfass aus – unser Mittags-Lokal! Wider Erwarten findet sich immerhin ein vegetarisches Gericht auf der Speisekarte, dass ich aus Respekt vor der fremden Kultur (überall hängen Rehgeweihe und Wildschweinhäute) aber nicht bestelle. Zu verlockend klingen außerdem die Hauptspeisen: Rindfleisch mit Karlsbader Knödeln und Hagebuttensauce. Gulasch mit Kartoffelpuffern. Wildpastete mit selbstgebackenem Brot. Alles Gerichte, die ich als Kind bei meiner Oma angewidert verschmäht hätte, heute aber ein Festmahl bedeuten. Wer braucht da schon Avocado-Toast? Getrunken wird natürlich Bier. Und als wir am Ende für ein Drei-Gang Menü mit mehreren Getränken nur etwas mehr als umgerechnet 30 € berappen, kugeln wir uns noch zufriedener als vorher über die nun nach Hause führenden Trails.

Am zweiten Tag nehmen wir uns die Runde „Nad Czerniawa“ auf der Polnischen Seite vor. Von der Grenze bekommen wir nichts mit – am Trail entdecken lediglich einen rot weiß gestreiften Stein. Ob hier wohl einst sowjetische Soldaten patrouillierten? Wir bewegen wir uns so sorgenfrei auf dieser geschichtsträchtigen Erde, dass ich mal wieder im Stillen der Europäischen Einigung danke. Der Wald wird noch abwechslungsreicher als am Vortag: Birken, Buchen und Lärchen ziehen an uns vorbei, an manchen Stellen kommt sogar alpines Flair auf. Fahrtechnisch ist alles wie bisher: Dämpfer zu, Bremsen auf und ab geht die Post. Gegen Mittag müssen wir uns schon auf die Heimreise machen – die uns glücklicherweise noch mal am Restaurant Riesenfass vorbei führt. So müssen wir uns auch ums Mittagessen keine Sorge machen, es fühlt sich ein bisschen so an, als würde Oma schon auf uns warten.

Ein Trail, ein Schwierigkeitsgrad, nur wenige Höhenmeter und bodenständige Küche – fertig ist das Singletrail-Paradies. Singltrek Pod Smrkem beweist, wie einfach es sein kann. Umso mehr fragt man sich nach einem Besuch: wieso bekommen das so wenige hin? Wieso werden Millionen in manche Trailbauprojekte gesteckt, die am Ende doch wieder zu anspruchsvoll sind, um die große Masse an Bikern zu begeistern? Zugegeben, wir sehen uns nach zwei Tagen wieder nach mehr Gefälle und Wurzeln, mir persönlich fehlt (insbesondere im Vergleich zu schottischen Trailcentern) der Schlamm. Aber wir repräsentieren halt auch nur den kleinsten Prozentsatz der Menschen, die Freude am Mountainbiken haben. Singltrek Pod Smrkem ist das, was ich mir in den ersten Jahren meines Fahrens sehnlichst gewünscht hätte – einen Trail, auf dem ich die Bremsen auflassen kann und schon bei geringer Geschwindigkeit in den Genuss von Schwerelosigkeit und Kurvenlage komme. Es gibt nur wenige Orte in heimischen Wälder, in denen das ging. Und auch wenn ich nur für mich die 800 Kilomter eher nicht zurücklegen werde – mit einem oder einer Partner*in, der gerade erst anfängt, mit Kindern oder im Alter ist Singltrek Pod Smrkem der beste Ort, den ich mir vorstellen kann: Ein endloser Trail durch wunderschönen Wald, auf dem ich mit jedem Fahrrad fahren kann. Ganz einfach.

3 Kommentare

  1. Liebe Hannah,

    Du schreibst mir aus der Seele. Ich besuche seit Jahren diesen wunderbaren Ort, der auf das Wesentliche reduziert Montainbiker aller Klassen zusammenbringt. Hier wird man immer wieder geerdet und lernt, dass man auch mit 600€ Mountainbike richtig Spaß haben kann.

    Hier in Freiburg haben wir den Schwarzwald vor der Tür und die topographischen Voraussetzungen wären perfekt für ähnliche Anlagen. Das offizielle Freiburger Trailnetz lässt leider auch sehr zu wünschen übrig, was Wege für Anfänger betrifft. Dieses Feedback bekomme ich immer wieder. Hier müssen endlich einfache Trails gebaut werden und nicht das nächste Road Gap…

    Beste Grüße
    Torsten

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  2. Genau die Frage habe ich mir auch schon oft gestellt, warum bekommt sowas keiner in Deutschland hin? Passende Regionen gäbe es genug. Und die Leute vom Singltrek würden sicher Entwicklungshilfe geben. Zudem, Singltrek pod Smrkem ist nur einer von mehreren Trailparks ohne Lift in Tschechien (siehe mtbczech.cz). Die polnischen Nachbarn aus der angrenzenden Region um Świeradów Zdrój, Jelenia Góra und Szklarska Poręba sind auch fleißig am Trails bauen (siehe z.B. pomba.pl ̣ = Polish Mountain Bike Organisation).
    Soweit ich weiß, hat es beim Singltrek pod Smrkem einige Jahre gedauert, bis mit Nové Město pod Smrkem ein passender Ort gefunden wurde und eine kooperative Forstverwaltung.
    Einige „praktische“ Aussagen oben aus dem Bericht finde ich nicht ganz zutreffend, was sich wahrscheinlich auf den Vorsaisonbesuch zurückführen läßt: Die offizielle Trailkarte aus dem „Singltrek Centrum“ (am Teich) bzw. von der Webseite (http://www.singltrekpodsmrkem.cz/prakticke-info/mapa-singltreku-pod-smrkem/) hat eine Legende in vier Sprachen: tschechisch, englisch, deutsch, polnisch, der Rest ist selbsterklärend.
    Und die leichten/kinderfreundlichen Streckenteile nördlich vom Singltrek Centrum (Hřebenáč & Obora) haben sogar meist deutsche Namen: Schebicht, Kaiser-Wilhelm-Serpentinen (ok, in der Karte auf polnisch: Serpentyny Cezarza Wilhelma), Rückert, Mauer, Mühlloch, Zippelbusch, Kochwiese) – offensichtlich sind sich die Leute vom Singltrek der gemeinsamen deutsch/tschechisch/polnischen Geschichte des Isergebirges bewußt.
    Man kann im Singltrek Centrum übrigens problemlos nicht nur mit tschechischen Kronen sondern auch mit polnischen Złoty und Euro bezahlen.
    Noch eine allgemeinere Bitte: bei Berichten über Ostmitteleuropa könnten Schreibende doch bitte, bitte endlich über die Düsterer-Osten®-Perspektive hinauskommen! Plattenbauten® gibt es z.B. mitten in Hamburg in großer Zahl, ohne daß das berichtenswert erscheint und verlassene Gebäude und Altindustrieanlagen hab ich zuhauf in Bayern gesehen, gleich hinter der Grenze von Aš kommend…

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