meeting trails #1 – WALES

Vergiss die Alpen. Wenn du flowige Singletrails liebst, dich gerne in verwunschene Wälder flüchtest und im Urlaub nichts anderes willst als jeden Tag biken, dann fahr nach Wales. Vergiss auch die Klischees „Regen, Flachland, ekliges Essen“. Wales ist ein Paradies für Mountainbiker. Nur weiß das fast keiner.

Wann immer ich dazu Gelegenheit bekomme, schwärme ich von Wales. Von dem angenehm kühlen Klima im Sommer, den unfassbar netten Menschen, den märchenhaften Dörfern und Pubs. Wales ist rau, ehrlich, verträumt und dafür auch in der Welt berühmt. Wenn ich aber erzähle, dass ich Wales für eine der besten Mountainbike-Destinationen Europas halte, ernte ich schon ungläubigere Blicke. Dann muss ich meistens weiter ausholen:

Was ist das Besondere an Wales?

In Wales, wie übrigens in ganz Großbritannien, ist Mountainbiken nicht nur was für die coolen Kids. Es ist kein Randsport, bei dem man fast zwangsläufig gegen Gesetze verstößt oder mindestens Umweltschützer, Wanderer oder Förster provoziert. Ganz im Gegenteil. Die verrückten Briten gehen davon aus, dass Mountainbikes nicht die Verkörperung des Bösen sind, sondern etwas Gutes: nämlich ein Mittel, um Menschen zur Bewegung an der frischen Luft zu motivieren und Kindern und Jugendlichen die Schönheit und Einzigartigkeit der Wälder näher zu bringen.

Und so kommt es, dass es über das ganze Land verstreut Trailcenter gibt, die von lokalen Clubs und der „Forestry Commission“ betrieben werden. Ausgehend von einer Basis – manchmal ein Besucherzentrum, manchmal nur ein Parkplatz – starten in den Trailcentern „Loops“, ausgeschilderte Strecken in verschiedenen Schwierigkeitsgraden. Manchmal gibt es zusätzlich Übungsgelände oder Pumptracks, Duschen und Bikeshops, in jeden Fall aber immer gut gepflegte Trails, die von Menschen mit Ahnung gebaut wurden. Die Trailcenter sind kostenlos, nur für’s Parken muss man pro Tag meistens 5 Pfund (ca. 6 Euro) zahlen.

Das Ergebnis ist, dass Mounainbiken hier fast so selbstverständlich ist, wie bei uns Fußballspielen, und man in Trailcentern so ziemlich alles trifft, was sich auf zwei Rädern fortbewegen kann: nicht nur coole Racer und Marathonfahrer in der Midlifecrisis, sondern auch Schulklassen, Großfamilien, Rentnerpärchen und Jugendgruppen. Das ist so sympathisch und ungewohnt, dass es bei uns Deutschen schon mal einen kleinen Kulturschock auslösen kann.

Wie sollte man in Wales reisen?

Wales ist prädestiniert für einen Roadtrip – oder, wie man es auch nennen könnte: „Trailcenter-Hopping“. Die Trailcenter trennen meist nur kurze Distanzen, so kann man sich durch das Land arbeiten, ohne zu viel im Auto sitzen zu müssen. Bed ’n‘ Breakfasts gibt es an jeder Straßenecke, genauso wie Campingplätze (oft sind es auch einfach Bauern, die eine ihrer Weiden zur Verfügung stellen).

Besonders praktisch, wenn man im eigenen Auto schlafen will: da es an vielen Trailcentern Duschen gibt, eignen sich die Parkplätze bestens zum Übernachten im Auto. Mit dem VW-Bus haben wir keine einzige Nacht auf einem Campingplatz benötigt.

Welches sind die besten Trailcenter?

Soviel vorweg: es gibt zu viele, um sie in zehn Tagen alle zu besuchen (hier geht’s zur Übersicht) Es lohnt sich, einfach drauflos zu probieren, schlechte Erfahrungen habe ich nie gemacht. Nach zwei Wales-Urlauben sind das meine Lieblinge:

Cwmcarn in Südwales eignet sich besonders gut als Einstieg, wenn man von Dover anreist und sich nach Norden vorarbeiten will. Cmwcarn hat Kultstatus. Fahrt hin. Es lohnt sich.

Nur wenige Meilen weiter befindet sich Afan, das Trailcenter mit dem langen und fordernden „W2“-Trail (44km). Streng genommen verbindet er zwei benachbarte Trailcenter miteinander. Startet beim Afan Forest Park Visitors Centre und macht in Glyncorrwg Ponds Pause.

Dyfi fühlt sich an wie das Ende der Welt. Den Start des ClimachX-Trails markiert ein einfacher Parkplatz mit Spendenbox. Wir sind hier nur Abschnitte des Loops gefahren und sonst die Stages der British Enduroseries. Die haben es in sich.

Coed-y-Brenin ist das älteste Trailcenter Großbritanniens, hier ging alles los. Und hier ist alles zur Perfektion getrieben: ein gemütliches Cafe, eine große Auswahl an Trails, der legendäre „The Beast“ plus Pumptrack und Übungsgelände. Plant hier mehrere Tage ein.

Der Marin Trail in Betws-y-Coed ist mein absoluter Favorit. Nur ein einziger Loop, dafür so abwechslungsreich und überraschend wie ein ganzer Wales Urlaub. Macht unbedingt in Betws-y-Coed Pause und holt euch Fish ’n‘ Chips im Chips-Shop neben der alte Brücke.

Was gibt es sonst noch zu tun?

Es gibt noch eine ganze Reihe privat betriebener Bikeparks, darunter auch der Revolution Bikepark der Athertons, der für seine gigantischen Sprünge berühmt ist. Wir haben sie uns vom Parkplatz aus angesehen und einstimmig beschlossen, weiterzufahren.

Im Bikepark Wales gibt es eine größere Auswahl an Strecken, darunter ein paar schwarze, die eine willkommen Abwechslung zu den Gusto-Strecken der Trailcenter bieten. Auch ein Tag Shutteln ist zwischendurch mal angenehm, hier muss man aber in den Sommermonaten sehr früh reservieren.

Und dann gibt es natürlich noch die guten alten Natursingletrails! Fast vergisst man sie, im gelobten Land der legalen und für mountainbiker perfektionierten Trails. Eine wunderschöne, aber ziemlich steile Tour führt auf den Mount Snowdon, den höchsten Berg Wales‘. Seine 1085 Meter Höhe sollte man nicht unterschätzen: aufgrund seiner Lage am Meer bietet er Alpen-Klima im Taschenformat. Mountainbiker dürfen die Wege nur bis 10h und wieder ab 17h befahren.

Was kann man in Wales lernen?

Die Trailcenter-Wege sind perfekt für Kinder, Anfänger oder Gelegenheitsbiker. Man kann sich über die verschiedenen Schwierigkeitsstufen langsam steigern. Dabei sind aber selbst die blauen Strecken oft so gut geshapt, dass sie Fortgeschrittenen trotzdem Spaß machen.

Als Profi können die Trailcenter-Strecken mit der Zeit dennoch irgendwann langweilig werden. Dafür gibt es aber viele inoffizielle Strecken, die für Enduro – oder Downhillrennen gebaut wurden. Wir haben z. Bsp. die Stava-Aufzeichnungen der lokalen Enduro-Serien heruntergladen und sind diese dann nachgefahren. Schlamm und Wurzeln in Falllinie betrachte ich seitdem mit anderen Augen.

Fit werden in Trailcentern definitiv alle. Lifte gibt es keine. Höhenmeter nur in Maßen. Und so ziehen sich die bis zu 50km langen Loops über ein ständiges Auf- und Ab. Da auch die Uphill-Stücke nicht selten angelegte Singletrails sind, kommt man teilweise in einen nicht enden wollenden Race-Modus.

Und das Wetter? Nagut – regnen wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit schon mal. Man kann sich von den Briten aber eine stoisches Desinteresse dem Wetter gegenüber abschauen. Nieselregen, Wolkenbruch? Die Walliser zucken nicht mit der Wimper, geschweige denn, dass es sie vom Biken abhalten würde. Was nass wird, trocknet auch wieder. Diese Einstellung ist ein lieb gewonnenes Souvenir; das Beste, was ich aus Wales mit nach Hause gebracht habe.

 

 

2 Kommentare

  1. Hallo Hannah! Ich habe diesen Roadtrip im Sommer 2014 gemacht. Es war wirklich wunderbar und es steht Schottland nicht nach. Das Wetter ist auch viel besser als es immer beschrieben wird…so war es aber in Schottland auch. An die Suche nach dem ClimachX-Trail kann ich mich noch sehr gut erinnern…
    Cheers Torsten

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    1. Jep, wir sind auch ein paar Mal an der Auffahrt vorbei gefahren, ehe wir sie gefunden haben. Die Suche hat sich aber gelohnt!

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