Leaving AirSpace – mit dem Rennrad raus aus Berlin

„Ich könnte kotzen“ sagt E., meine Freundin aus Berlin-Neukölln und zeigt auf ein Poster, das zum gemeinsamen „Kiez-Putzen“ aufruft. Ich verstehe sie. Ich besuche sie alle ein bis zwei Jahre hier, und jedesmal sind neue Co-Workings Spaces und Orgnaic-Icecream-Shops aufgeploppt zwischen den Spätis und Wettcafés und Shisha-Bars. Noch muss man sich vorsichtig seinen Weg bahnen durch Hundescheiße, um zum nächsten Baklava-Laden zu kommen, aber wie lange noch? „Verfickte Gentrifizierung. Erst kommen sie und treiben die Mieten in die Höhe und jetzt stülpen sie ihr spießiges, gelecktes Weltbild über unseren Kiez. Fuck them!“ schimpft E. weiter während sie an ihrer Zigarette zieht.

Mit dem Rennrad könnte ich in Berlin jeden Tag in ein anderes Bicyle Café fahren, Cappuccino schlürfen und in stylishen Magazinen blättern, aber ich habe keine Lust. Zu sehen, wie sich ein dreckiger, bunter, stinkender, schillernder Kiez langsam aber sicher in minimalistischen Einheitsbrei verwandelt, hat mir den Appetit verdorben auf Menschen, die so aussehen, wie ich.

Vintage Möbel. Nackte Betonwände. Glühbirnen an bunten Kabeln. Avocado Toast. Das ist die mittlerweile weltumspannende Ästhetik des AirSpace, wie der Autor Kyle Chayka das Phänomen nennt. Das Gruselige daran: all die gleichen Cafes und Co-Working Spaces, die das Straßenbild jeder Großstadt prägen, entstammen ja nicht den vereinheitlichten Design-Richtlinen eines großen Konzerns. Es sind Individuen, deren Geschmack sich synchronisiert. Einzelne Menschen, die von Berlin über Tokyo bis Mexico City die gleichen Vorlieben haben und ihre Umwelt entsprechend gestalten. Dank Instagram und Air B`n`B werden regionale Unterschiede Stück für Stück ausgemerzt – denn nicht das Andere, sondern das Gleiche wird herausgefiltert. Unterschiede bekommen wir erst gar nicht angezeigt. Das führt dazu, dass wir uns überall, wo es schnelles Internet gibt, wie zu Hause fühlen. Aber auch dazu, dass sich Städte langsam aber sicher in identitätslose Nicht-Orte verwandeln, Flughafen-gleich, zwar öko und unverpackt, aber dafür so glatt und kantenlos wie ein Iphone.

Ich bin gar nicht so gerne zu Hause, ich mag das Fremde. Und so werfe ich meinen ursprünglichen Plan, mich Club Rides anzuschließen über den Haufen. Anstatt Gleichgesinnte zu suchen, verlasse ich AirSpace und breche auf in die brandenburgische Peripherie – ohne Reiseführer, ohne TripAdisor, Algorithmus. Ich will nicht in Restaurants einkehren, die ein Roboter aufgrund meiner Vorlieben für mich aussucht, ich will keine Geld-zurück-Garantie und keine Top-10 Lists. Ich will Anderes sehen solange es noch existiert.

„Seeking out difference is important, particularly when technology makes it so easy to avoid doing so.“ – Kyle Chayka

Panzerstraßen, die schnurgerade durch sandige Kiefernwälder führen sind beschissen zu fahren – aber sie bringen einen zuverlässig dort hin, wo es spannend wird. Als ob ich es gegoogelt hätte, doch mit dem süßen Beigeschmack des Zufalls, finde ich ihn: Einen kleinen Gasthof, baufällig, mit rostigen Gartenmöbeln unter einer großen Kastanie, einem Huhn, dass im Sand unter den Tischen badet, einem Festsaal, dem schon vor Jahrzehnten das Festliche abhanden gekommen sein muss, einer Speisekarte ohne Avocado-Toast. Neben mir: zwei ältere Paare, die sich über Schildkrötenzucht unterhalten. „Damals, in der DDR…“ setzt einer der Männer an, ich strenge mich an aber kann leider nicht verstehen, was sich seit 1989 geändert hat. Während ich meine Forelle Müllerin verputze, unterhält sich der Wirt lautstark am Handy. „Bis denne Antenne“ beendet er schließlich das Gespräch, mein Herz hüpft.

Danach geht es weiter durch das flache Land, durch Wälder mit ihren gigantischen Bäumen, deren Wipfel ein Blätterdach formen, so majestätisch wie Kathedralen. Zum Glück muss ich das weder auf Instagram noch auf Facebook teilen und diesen Moment damit den Mechanismen des Aufmerksamkeitsmarktes des Silicon Valley unterwerfen. Ich muss mir keine nachdenkliche Caption überlegen oder ein Foto von mir selbst posten, um zu zeigen, dass ich mit meinem Rapha-Trikot und meinem Carbon-Rennrad genau so aussehe, wie alle anderen. Jenseits von AirSpace interessiert das zum Glück niemanden.

3 Kommentare

  1. Wenn man, wie ich, von einem Dorf in ein anderes Dorf gezogen ist, freut man sich in der Regel über Avocadotoast, denn den gibts bei uns eher selten. Kaffee gibts, manchmal schmeckt er sogar. Wir wissen, wo das Getreide herkommt, aus dem man in der Stadt das Brot backt, denn wir bauen es an, die Kirschen in den Pralinen kommen nicht aus dem Piemont, sondern aus meinem Nachbardorf. Manchmal sehnen wir uns daher nach Kaffee Latte, veganem Nusskuchen und kostenlosem W-Lan. Dann ziehen wir unsere Rapha-Bibs an, fahren in die nächste Stadt, nennen wir sie mal Frankfurt und tauchen ab. Schwimmen mit dem Strom. Das ist wie Urlaub.

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    1. Es ist eben alles eine Frage der Perspektive. Danke für diesen schönen Kommentar und viele Grüße aus der Stadt.

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  2. Ich habe den Wandel Nord-Neuköllns vom da-zieht-man-nicht-hin-Bezirk zur aktuellen #7 der weltweit „coolest neighbourhoods to visit in 2018“ (timeout.com) erlebt und, hey, die Hundescheiße ist schon deutlich weniger geworden. Klar, man hört jetzt neben Türkisch und Arabisch auch viel Spanisch, Französisch, Englisch. Trotzdem ist die AirBnB/Instagram/Co-Working-Szene auch nur eine weitere Facette in diesem dynamischen Prozeß. Prenzlauer Berg wird aus Neukölln trotzdem so schnell nicht werden. Und die, die mal im Kiez aufräumen sind sicher nicht diejenigen, die sich an trendgerechten Orten abhängend präsentieren. Wer die früheren Zustände romantisiert, hat wohl schon die Probleme von damals verdrängt, oder nicht erlebt. Nur wenige Straßenecken von den paar Hotspots herrscht immer noch die herkömmliche Neuköllner Normalität, mit etwas vielfältigerer Infrastruktur als noch vor 5 Jahren vielleicht.
    Mit dem Rennrad (und etwas Radbeherrschung für die nicht asphaltierten Teilstrecken) kann man z.B. ganz hervorragend dutzende Kilometer fast ohne Ampeln auf dem „Geheimtipp“ Mauer(rad)weg fahren und so Neukölln (Süd) bzw. Berlin erleben. Oder auf dem Tempelhofer Feld seine Runden drehen, einem wirklich inklusiven Ort.

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