Komplexe weibliche Charaktere

Warum ich mir wünsche, dass die Bike-Industrie ein bisschen mehr wie Netflix wäre.

In der großartigen Netflix-Serie „Glow“ gibt es eine Szene, in der sehr schön sichtbar wird, wie Stereotype kreiert werden. Die Casting-Teilnehmerinnen – alles unterschiedlichste Frauen mit ganz eigenen Merkmalen – bekommen ihre Wrestling-Charaktere zugewiesen. Unter ihnen ist eine ehemalige Olympia-Siegerin mit gewaltigem Kreuz und grimmigen Gesichtsausdruck. Ihr setzen die Produzenten einen gehörnten Helm auf – sie wird zur Wikingerin. Ihre Medaillen werden ihr abgenommen und der schönen Blonden umgehängt, die fortan als „Liberty Belle“ den amerikanischen Traum von Sportlichkeit repräsentiert. „Those are my actual medals!“ ruft die echte Athletin noch empört, aber es nützt nichts – was als sportlich gilt, richtet sich nicht nach der Realität, sondern dem Wunschbild – und nach dem sind die sportlichen eben die schönen, schlanken, blonden.

Was war zu erst – die Realität oder das Klischee? Diese Frage taucht oft auf in Diskussionen um die Verbreitung von Stereotypen. Viele Menschen argumentieren, dass Klischees in Werbung, Film und Fernsehen ja nur widerspiegeln, wie die Welt eben ist. Die Schönen sind die Sportlichen, die Schwarzen sind die Bösen, die Frauen die Opfer, die Männer die Helden. Übertragen auf die Bike-Branche heißt es dann: Frauen fahren halt weniger, langsamer, schlechter, auf billigeren Fahrrädern. Das ist nun mal so, warum sollten wir es anders darstellen? (Siehe dazu auch diesen Artikel auf Pinkbike anlässlich des heutigen Weltfrauentags)

Neulich beim Fotoshooting

Doch diese Annahme ist falsch. Natürlich gibt es statistische Verteilungen, die sich nicht leugnen lassen. Aber Klischees werden aktiv hergestellt – „reproduziert“ heißt das in Soziologen-Sprech – und nicht selten wird die Realität dafür angepasst, wie das Beispiel mit Liberty Belle zeigt. Genau das geschah auch auf einem Fotoshooting, bei dem ich vor wenigen Wochen arbeitete. Der Auftrag kam – wie so oft in der Bikebranche – kurz vor knapp, eigentlich hätten die Bilder für einen Katalog schon längst im Kasten sein sollen. Der Fotograf fragte mich als Assistenz an, Models waren männliche gebucht. Ein Fahrrad sollte als Fluchtmittel aus dem urbanen Leben in die Wildnis in Szene gesetzt werden, Stichwort Micro-Adventure, Stichwort Bikepacking. Alles war geplant, nur das Model sprang kurzfristig ab. Da ich mich mit den Stichworten sehr gut identifizieren kann, ja genau in die Zielgruppe passe, bot ich mich an. Ich bin zwar kein Topmodel, aber normschön genug, um im Hintergrund eines Fahrrads ein bisschen rumzuposieren. Doch der Auftraggeber lehnte ab und betonte: Wir brauchen einen Mann. Männer sind die Zielgruppe. Es sind ja schließlich Männer, die sowas machen.

Wir fanden ein anderes Model und ich blieb die Assistentin. Ich kümmerte mich also um die Requisiten und packte ein: meine Isomatte, meinen Schlafsack, meinen Gas-Kocher, meine Bialetti-Kaffeemaschine, meine Bikepacking-Taschen. Am Set setzte ich alles so in Szene, dass es möglichst echt aussah. Und während ein Mann, der in seinem Leben noch nie im Freien übernachtet hatte, mit meiner Ausrüstung Abenteurer spielte, blieb ich im Hintergrund. Wir drehten die Wirklichkeit ein mal um 180 Grad um das zu inszenieren, was angeblich Wirklichkeit war. Der Mann ist der Abenteurer. Die Frau – nicht im Bild.

An diesem Tag wurden mir also im übertragenen Sinne meine Medaillen abgenommen und jemand anderem umgehängt. Das kränkt mich nicht, noch habe ich ein Problem damit, nicht im Bild zu sein – es geht mir also nicht um persönliche Befindlichkeiten, wenn ich das hier aufschreibe. Ich finde diese Szene bloß unfassbar faszinierend, weil sie verbildlicht, was in der Bike-Branche tagtäglich passiert. Es ist ja nicht so, dass diese Firma eine Ausnahme wäre. Ich verurteile sie auch nicht an oder unterstelle eine männliche Weltverschwörung. Alles, was ich will, ist aufzuzeigen, wie Stereotype im daily business verbreitet werden. Es sind schließlich hunderte, wenn nicht tausende Entscheidungen dieser Art, die im Alltagsgeschäft überall getroffen werden: Frauen im Katalog? Brauchen wir nicht, die kaufen so teure Fahrräder nicht. Ein Frauen-Bike? Ok, also eins für leichte Anfängerinnen. Das geile neue high-end-Bike? Bewerben wir mit unserem männlichen Teamfahrer in der Anzeige, nicht mit der Team-Fahrerin. Eine aufwendige Filmproduktion mit weiblichen Athletinnen? Sorry, kein Budget, weil das ist nicht unsere Hauptzielgruppe. Und so weiter. Tagtäglich wird nicht das abgebildet, was tatsächlich ist, sondern eine vermeintlich vorhandene Realität hergestellt. Ausreißer in der Statistik werden plattgemacht, von der Bildfläche eliminiert. Und irgendwann glauben alle, die Lust auf schöne Fahrräder hätte irgendwas mit Hormonen zu tun.

Einfach mal drei Sekunden länger nachdenken

Natürlich haben Bike-Firmen nur ein Interesse: mehr Fahrräder verkaufen. Gleichstellung ist ihnen ziemlich schnurzpiepegal, wenn sie mit ihr nicht die Verkaufszahlen nach oben treiben. Sie wird noch unwichtiger, wenn für sie Verkaufszahlen auf dem Spiel stehen. Deswegen wird argumentiert: die meisten unserer Kunden sind Männer, also müssen wir unsere Ansprache auf Männer ausrichten. Das ist zwar auf den ersten Blick irgendwie nachvollziehbar, bei genauerer Betrachtung aber ziemlich dumm. Mir ist es wiederum schnurzpiepegal, wieviele Fahrräder eine Firma verkauft, aber Dummheit nervt mich, und zwar über die Maßen.

Wie viele männliche Kunden würden beim Blättern in einem Katalog wohl davon abgeschreckt werden, wenn sie in einer Bikepacking-Szene statt eines Bartes einen Zopf sehen? Wie würden sie reagieren? „Oh, ein Frauen-Bike – nichts für mich!“ Oder würden sie nicht viel eher genauer hinschauen, weil es nicht alltäglich ist, das zu sehen (oder vielleicht auch einfach, weil ihnen der Zopf gefällt)? Möglicherweise würden sie das Bild ihrer Frau oder ihrer Tochter zeigen und sagen „schau mal, so eine wie du!“ Oder: „Hast du nicht mal Lust auf so ein Abenteuer mit mir, guck mal, die macht das auch!“ Wenn dagegen eine Frau den Katalog in die Hand nimmt und auf das Bild stößt, wird sie unter Garantie innehalten. Sie wird wahrnehmen, dass da ausnahmsweise mal kein bärtiger Typ steht, sondern eine Person, die so aussieht wie sie. Sie ist ziemlich genervt davon, dass sie immer überall nur bärtige Typen sieht und sich alleine deshalb schon den Namen der Firma merken. Es wird ihr sympathisch sein. Sie wird es ihren Freundinnen weiter erzählen. Wenn sie solche Bilder öfters zu Gesicht bekommen, werden sie irgendwann haben wollen, was sie sehen.

Schluss mit den langweiligen Stereotypen!

Fakt ist: weniger Frauen als Männer kaufen teure Fahrräder. Wenn aber weiter alle krampfhaft so tun, als würden gar keine Frauen teure Fahrräder kaufen, werden es auch nie mehr werden. Und all die gutverdienenden Frauen werden ihr Geld weiterhin für teures Parfüm, teure Schuhe und teure Möbel ausgeben. Ich behaupte ja nicht, dass Frauen 50% aller Werbeanzeigen und Profiteams bevölkern sollten. Aber die, die es gibt, nicht künstlich zu verstecken, wäre schon mal ein Anfang.

Glow ist übrigens so wie viele andere Netflix-Serien deshalb so ein Erfolg, weil sie komplexe Charaktere jenseits von Klischees zeigt. Früher galt es als ausgemacht, dass Zuschauer nicht überfordert werden und platte, leicht verdauliche Kost sehen wollen – dementsprechend gestaltete sich das Fernsehprogramm lange als grauer Einheitsbrei, und genau darüber macht sich Glow auch lustig. Als die Zuschauer sich plötzlich dank Streaming ihr Programm selbst zusammenstellen konnten, wurde aber deutlich: das Gegenteil ist der Fall. Leute wollen das sehen, was sie tagtäglich erleben: vielschichtige Realitäten und Menschen, die in keine Schubladen passen. Die Netflix-Macher reagieren darauf, indem sie Serien schreiben, in denen Männer die Opfer, Frauen die Bösen, Schwarze die Helden sind. Auch Frauen als Mountainbikerinnen, Bikepackerinnen oder Racerinnen würden mit Sicherheit gut ankommen. Alles andere wären langweilige Stereotype. Und die will echt niemand sehen.

Liebe Grüße von Nicht-Eure-Zielgruppe, Sektion Freiburg. Und happy international women’s day an alle Shredderinnen da draußen! Bis gleich im Wald!

 

Ein Kommentar

  1. Hallo Hannah,

    Das Foto von Sektion Freiburg finde ich gut.

    Daß Frauen in der Werbung weniger vorkommen, liegt, glaube ich, weniger an der Werbung, als an den Frauen selbst.

    Männer sind immer Männer; Frauen sind noch gespalten. (Sorry)

    Die meisten entscheiden sich irgendwann für das Girlie-, Weibchen- später das gepflegte Mutterimage. Somit fällt biken raus. Meine jüngste Tochter hat früher immer mit uns Bikevideos geschaut, Roam usw. Als sie vier war, ist sie mit ihrem Pucky Treppen runtergebrezelt oder schräge Baumstämme raufgerollt und rückwärts wieder runter. Reine Lebensfreude und Spaß. Meine Mitteltochter wollte mit acht unbedingt mal mit dem MTB eine Riesentour mit Schlafsack machen, über Stock und Stein. Treppen runter konnte sie auch.

    Heute sind sie 17 und 23. Biken tun sie nur mir zur Liebe. Lange Touren, cruisen auf Trails ist undenkbar. Passt nicht zum eigenen „weiblichen“ Image.

    Mein Sohn muss sich nie zwischen Helm oder Frisur entscheiden, es ist ihm egal, ob die Bikeklamotten sexy aussehen, oder ob wir nach dem biken im Auto vor uns hinmüffeln. Schwitzen ist super. Technik auch.

    Ich hoffe, daß mehr Frauen sich in Zukunft trauen, aus dem selbstauferlegten Rollenimage auszubrechen und vielleicht auch auf dem Rad Spaß zu haben. Im Bikepark und auf den Trails sieht man ja zum Glück immer öfter Frauen.

    Dann kommt auch die Werbung automatisch nach.

    Wenn wir mal öfter beschließen würden, erstmal Mensch zu sein und danach „Mann“ oder „Frau“ wäre viel geholfen.

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