Keine Models

Seit einem Snowboard-Unfall vor vielen Jahren ziert eine lange Narbe mein rechtes Knie. Sie ist ziemlich knubbelig und das ganze Knie sieht irgendwie ein bisschen komisch verformt aus, aber was soll‘s, Hauptsache, es funktioniert, denke ich mir. Dass ich es mir damit jedoch wohl ein bisschen zu leicht mache, merke ich jeden Sommer, wenn die Tage lang und Radhosen kurz werden. Jeden Sommer werde ich von irgendeinem besorgten, meist älteren Mann auf den harten Boden der Realität zurückgeholt. Jeden Sommer höre ich ihn, diesen einen Satz, den jede Frau kennt, deren Körpern von ihren Abenteuern gezeichnet ist. Ich habe ihn in ernsthaft-betroffenem bis augenzwinkernd-ironischem Tonfall vernommen, von Fremden im Biergarten und Café, von meinem Automechaniker, ja selbst von meinem Orthopäden. Es ist immer das gleiche, gnadenlose Urteil – ehrlich, direkt, den Tatsachen ins Auge blickend:

„Damit wirst du aber kein Model mehr“

Dass alle diese Männer nebenberufliche Model-Agenten sind, halte ich für unwahrscheinlich. Umso mehr wundere ich mich, warum sie das Bedürfnis haben, ihre Expertenmeinung über meinen Körper ungefragt mit mir zu teilen. Machen die das mit Typen auch? „Mensch Wolfgang, mit der Plauze wirst aber kein Model mehr“ – ? Ich glaube nicht. Vielmehr manifestiert sich in diesem einen Satz die alte, hartnäckige Norm, dass Frauenkörper vor allem eins sein sollen: schön anzusehen. Ein potenziell adretter, aber durch Makel verschandelter Frauenkörper löst Mitleid, Unbehagen, Unverständnis, in manchen Fällen sogar Empörung aus. Eine Freundin berichtete einst, wie sie einem schockierten Fahrtechnik-Kursteilnehmer ernsthaft erklären musste, dass sie im Sommer sehr wohl noch kurze Kleider trage – und sich dabei auch nicht schäme. Eine andere, dass sie für den Katalog ihres Bike-Sponsors leider zu muskulös sei.

Wenn man mir meine verpatzte Model-Laufbahn auftischt, spiele ich das Spiel meistens mit. Ich lasse meine Unterlippe beben, blicke beschämt zu Boden und hauche mit zitternder Stimme: „Ich weiß“. Dann ziehe ich ein Bild von Heidi Klum aus der Tasche, zerreiße es und breche endgültig in Tränen aus. Das sorgt dann meistens dafür, dass mir weitere Konversation erspart bleibt.

Das stimmt natürlich nicht. In Wirklichkeit lächele ich verlegen, murmele irgendwas Unverständliches und verdrehe innerlich die Augen. Dabei hätte ich eigentlich so viel zu sagen. Ich würde mir gerne mal die Zeit nehmen, ganz in Ruhe zu erklären: ihr besorgten Männer, seid beruhigt, es wird alles gut. Es ist nämlich so: Meine Freundinnen und ich, wir haben alle Narben an Schultern, Knien und Sprunggelenken, dazu Schürfwunden und blaue Flecken – denn wir wissen, was Leidenschaft bedeutet. Wir haben Waden so dick wie die von Profifußballern – denn sie kurbeln unsere Fahrräder auf Bergipfel und über Pässe, von denen ihr nur träumen könnt. Auf unseren Handflächen wachsen zähe schichten Hornhaut – denn wir benutzen sie für die abertausenden Tiefenmeter, die wir im Jahr zurücklegen. Unsere Rücken sind breit wie jene von Brauereipferden, denn wir trainieren hart. Unter unseren Fingernägeln sammelt dich die Erde aus den Wäldern, in denen wir zu Hause sind. Unsere Gesichter sind sonnengegerbt und mit Lachfalten verziert von all den langen Sommertagen an der frischen Luft. Und das Gold an unseren Hüften ist gewachsen dank Gelato und Kaiserschmarrn, dank Bergkäse und all den andern Köstlichkeiten, von denen wir nicht genug bekommen, wenn wir auf unseren Reisen das Leben auskosten.

Ihr habt ja Recht, wir werden keine Models mehr. Aber das macht überhaupt nichts – denn wir sind Mountainbikerinnen.

2 Kommentare

  1. Irgendwie passt das Titelbild nicht zum Text?

    In dem, dem Text, kann ich vieles nachvollziehen. Wenn die Reduktion auf Äußerlichkeiten ein Zeichen von Oberflächlichkeit oder gar typisch männlichem Verhalten ist, warum dann mit in die Sonne gereckten nackten Beinen in der Blumenwiese kokettieren? Ist das ein Zeichen von inneren Werten?

    Antworten

    1. Lieber Jörg,
      faszinierend. Für mich steht das Titelbild für die pure Lebensfreude, die man empfindet, wenn man an einem Sommertag mit nackten Beinen durch eine Blumenwiese läuft und sich dabei in seinem Körper pudelwohl fühlt. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass jemand einen kleinen Bildsausschnitt nackter Beine als „Koketterie“ empfindet. Aber da habe ich wohl mal wieder den männlichen Blick außer Acht gelassen. Zu deinen Fragen:
      1.Ich kokettiere nicht, ich feiere schlicht und einfach, dass ich einen Körper habe, mit dem ich durch Blumenwiesen laufen kann, egal wie er aussieht. Abgesehen davon ist meine These gar nicht, dass die „Reduktion auf Äußerlichkeiten ein Zeichen von (…) typisch männlichen Verhalten ist.“ Da hast du den Text missverstanden, oder ich mich schlecht ausgedrückt.
      2. Die Frage, ob das ein Zeichen von inneren Werten ist, verstehe ich nicht ganz – ist das rhetorisch gemeint? Oder vorwurfsvoll? Über meine inneren Werte kann ich leider nicht urteilen, da müsste ich Andere zu Rate ziehen.

      Viele Grüße,
      Hannah

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