In der Schneekugel

Mit unseren Schlafsäcken unter den Armen standen wir vor ihrer Tür und klingelten. Wir hatten keine Ahnung, was uns erwarten würde. Wir kannten weder unsere Gastgeberin, noch die Stadt. Es war eines dieser Wochenenden, an denen man 400km zurücklegt, die Mountainbikes im Kofferraum, ohne auch nur mit den Menschen telefoniert zu haben, auf die man treffen würde.

Nur wenige Minuten zuvor waren wir noch orientierungslos durch das nächtliche Erlangen gekurvt. Ausgestorbene Straßen einer Freitagnacht. Auf dem Beifahrersitz saß S., eine treue Verbündete wenn es darum geht, den Tagen so viel Leben zu entlocken, wie möglich. Vor uns tauchten die vagen Konturen eines Waldes auf, die sandigen Ränder seines Bodens fransten zu dem von unseren Scheinwerfern erhellten Straßenrand hin aus. Keine Erhebung weit und breit. Genauso gut hätte hinter den Baumwipfeln das Meer warten können.

Auf unser Klingeln öffnete Y. die Tür. Wir traten ein in die fremde Wohnung in der fremden Stadt. Y. arbeitete als Guide und Fahrtechniktrainerin, ich kannte Texte von ihr aus dem world of mtb Magazin. Früher oder später kreuzen sich alle Wege, dachte ich.

Am morgen stieß A. zu uns und brachte Brötchen und überbordende Neugierde mit. Wir hätten ewig dort sitzen und können und reden. Nach dem Frühstück fuhren wir alle gemeinsam zu I. – eine Fotografin, die ich nur von einem Bild auf Facebook kannte, auf dem sie mit veschränkten, tätowierten Armen selbstbewusst in die Kamera blickt. Sie hatte einen Aufruf gestartet – „lasst euch von mir ungeschminkt fotografieren“. Gelangweilt von Perfektion und Photoshop wollte sie die Einzigartigkeit von Menschen einfangen. Ihr Projekt war der Auslöser für unseren Trip gewesen. Nichts weniger als die Idee einer Künstlerin hatte uns aus den verschiedensten Teilen des Landes zusammengeführt.

I. empfing uns in ihrem Wohnzimmer. Unter einem pompösen Kronleuchter machten wir es uns am Tisch bequem. Auf ihm stand ihr Laptop, von dessen Bildschirm uns die Portraits der bereits Fotografierten anblickten, eine Sammlung von Menschen in weißen T-Shirt vor einer grauen Wand. Manche lächelten. Nach einem kurzen Foto-Shooting – einmal gerade in die Kamera blicken – wurden wir welche von ihnen. Vier Frauen mit den unterschiedlichsten Geschichten, Gesichtern und Gedanken inmitten dieser schönen, ungeschminkten Menschen.

Und dann starteten wir in die Kälte

Am liebsten hätte ich mich in ein warmes Cafe verkrochen. Aber Y. war gnadenlos, ihrem Eifer, uns ihre Heimat zu zeigen ließ sich nichts entgegensetzen. Wir schmissen uns in viele Schichten Klamotten, zogen Hosen über Hosen und Handschuhe über Handschuhe und machten uns auf den Weg zum Tennenloher Forst, dem Wald, der uns schon in der Nacht empfangen hatte.

Beim Abbiegen auf die sandige Forststraße traf mich das Gefühl der Reise mit voller Wucht. Ein neuer Untergrund, fremde Gerüche, die Orientierungslosigkeit und das Ausgeliefertsein an einen Local. Alles fühlte sich an wie im Sommer. Im Gänsemarsch pedalierten wir vor uns hin und stießen mit jedem Atemzug kleine Dampfwolken in die kalte Dezemberluft. Der Tennenloher Forst ist fast flach, kein Gipfel, der den Höhepunkt einer Tour markieren könnte. Nur Wald, Wald, Wald – und Trails.

Hochgewachsene, spindeldürre Kiefern, die uns in absolute Stille hüllten. Tausende Bäume, alle mit der gleich gefärbten Rinde, vom Graubraun nach oben hin ins Rot verlaufend. Auf dem Boden feuchtes, sanftes Moos, das bei jedem Schritt abseits des Weges unter den Sohlen nachgab. Dazwischen lehmrote Trails, auf, ab, in verspielten Kurven und so weich und anschmiegsam, dass sich die Stollen unserer Reifen genüsslich in ihnen festkrallen konnten.

Im tiefer folgten wir Y. in den Wald, der ständig sein Gesicht veränderte. Kein Geräusch außer unserer Stimmen und Freiläufe, wir schienen abgeschottet von Raum und Zeit. Auf einmal fühlte ich mich wie gefangen in einer Schneekugel. Wir waren nur noch das kitschige Abbild eines perfekten Tages auf dem Rad – Fahrräder, Freundinnen, Singletrails und unsere Gespräche. Wie lange wir wirklich da draußen waren, weiß nur Strava.

Wilma aus der Beheringersmühle

Am Abend reisten wir alle weiter in die Fränkische Schweiz, wo wir in einem Gasthof abstiegen. Am selben Abend sei eine Hochzeitsgesellschaft zu Gast, hatte man uns vorgewarnt, man könne uns so nur eingeschränkten Service bieten. Doch das Brautpaar entpuppte sich als unkompliziert: statt Pomp empfing uns dörfliche Bodenständigkeit, nur wenige Gäste wagten ein paar Tanzeinlagen zu „Thriller“. Um neun Uhr war die Party vorbei. Und so hatte die Mutter des Wirts genügend Zeit, sich über den Anblick von uns vier reisenden Frauen zu freuen, die lebhafte Erinnerungen in ihr heraufbeschworen. Geschichten aus den goldenen Zeiten der Mittelgebirge, in denen die Touristen noch in Scharen kamen und die große weite Welt und schöne Männer in das verschlafene Tal brachten, begleiteten unser Abendessen. Der fränkische Hochmoorgeist zum Abschluss hinderte uns nicht im geringsten am Einschlafen.

Am nächsten Morgen hatte der gefrorene Rauhreif alles unter eine weiße Schicht verpackt. Alles außer uns schien zu schlafen. Das trockene Laub raschelte unter unseren Füßen, als wie die erste steile Rampen hinaufschlurften. Wie durch ein Labyrinth führte uns Y. immer weiter das verschlungene Wiesenttal hinab und reihte dabei kurze Singletrail-Abschnitte geschickt aneinander. Wir kletterten auf Aussichtsfelsen, durchquerten finstere Höhlen, wichen Fledermäusen aus und mampften sättigenden Lebkuchen. Das gemeinsame Unterwegssein im gleichmäßigen Tempo schweißte uns immer mehr zusammen, wir waren wie Tiere, die sich einfach nur durch wortlose Gedankenübertragung verständigen können.

Dem Winter eins auswischen

Die Heimfahrt über langweilige Autobahnen dehnte sich auf eine gefühlte Ewigkeit aus. In meinem Kopf das gleiche wie vor uns auf dem Asphalt: Leere. Bis in die Haarspitzen war ich angefüllt mit dem warmen Gefühl dumpfer Zufriedenheit – der Belohnung für das Reisen ohne genaue Vorstellungen und Erwartungen. Es ist so leicht, dem Winter eins auszuwischen. Man muss einfach nur so tun, als wäre er nicht da. Ab und zu in kitschige Schneekugeln flüchten und Geschichten erleben. Das beste ist, wenn man dafür Verbündete hat. Mit denen man nicht einmal telefonieren muss.

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