Gesetz über das Leben im Freien

(Oder: Van Life mit Mountainbikes in Norwegen)

Als Henry David Thoreau die Schnauze voll hatte von der Zivilisation, zog er in eine Hütte am Walden See, bewirtschaftete ein kleines Beet und genoß seine Einsamkeit. Ich würde gerne so leben wie er, doch kann ich mir keine Hütte am See leisten, und einfach so ein Beet am nächsten Baggersee anlegen geht auch nicht. Die Zeiten haben sich geändert.

Wenn Menschen wie mich alles ankotzt, wenn wir raus wollen, um Freiheit und Zwanglosigkeit zu finden, müssen wir zu Nomaden werden.

Nirgends geht das so gut wie in Norwegen.

Das „Gesetz über das Leben im Freien“ des Königreichs Norwegen beinhaltet das Jedermannsrecht. Es erlaubt jedem Menschen, da draußen für eine Nacht Quartier zu beziehen. Egal wo – nur midesten 150 Meter vom nächsten Wohnhaus muss es entfernt sein. So wird der Van zur Thoreau’schen Hütte und der Walden See zersplittert in tausende Gewässer, an denen wir nächtigen: Bergseen und Teiche, Tümpel und Flüsse, Fjorde und Wasserfälle, rauschend, sprudeln, tösend oder spiegelglatt zwischen steilen Felswänden ruhend.

Die Qualität einer Reise lässt sich an der Anzahl heißer Duschen messen – je weniger, desto unzivilisierter, desto besser. Die erste auf meiner drei-wöchigen Norwegenreise nahm ich nach auf der Fähre zurück nach Hause. Davor verlangte das Gesetz über das Leben im Freien, den Schmerz auszuhalten, der beim Baden im Gletscherwasser durch die Glieder schießt und beim Kämmen der zerzottelten, ungewaschenen Haare an der Kophauft zerrt.

„Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so herzhaft und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, aufs Haupt geschlagen würde“ schreibt Thoreau. In Norwegen geht das so: Mounatinbike auf den Schultern auf einen hohen Berg tragen, durch Pfützen und Matsch waten, auf dem Gipfel süße Haferkekse essen und den Berg halb fahrend, halb taumelnd, halb schiebend wieder runterpurzeln. Danach ins frostige, turkisfarbene Meer hüpfen, das hier so tut als sei es ein See. Ohne Seife bleibt immer ein bisschen von dem Schafsmist in den Stoppeln der unrasierten Schienbeine kleben, aber das macht nichts. Was schön ist, was gut riecht, ist im Freien nicht mehr zu sagen.

(Einzige Aunahme: nasse Knieschoner)

Das Gesetz besagt weiter, dass jedes Schaf gestreichelt werden muss. Dass man seinen Müll mitznehmen hat. Dass man das Handy gefälligst auslässt, ihr Opfer. Dass möglichst nur Nebenstraßen befahren werden. Dass jede Sehenswürdigkeit mit „Troll“ im Namen einen Umweg wert ist. Dass im Radio nur Turbo Negro gespielt werden darf. Dass mitgegrölt werden muss. Dass, wer einmal das Land betreten hat, irgendwann zurückkommen muss, um im Freien dem Leben das Mark aus den Knochen zu saugen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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