Für Aman

*Nach einer wahren Geschichte*

Aufgebracht steigst du vom Bike, schnappst dir einen Stock und zeichnest damit ein Quadrat in den Waldboden. Mit deiner krakeligen Schrift schreibst du NICHTS darüber. „Wie kann es sein“, fragst du mich, „dass in einem leeren Raum auf einmal Bakterien hinkommen? Es ist unmöglich! Es geht nicht!“ Ich stelle mir vor, wie ein gelehrter Imam dir diese Geschichte erzählt, eine dieser vermeintlich einfachen Gleichnisse, die die Existenz von Gott beweisen und dabei alle Gegenargumente vom Tisch fegen.

„Wenn Gott die Bakterien erschaffen hat – wer hat dann Gott erschaffen?“ frage ich dich zurück. Erst winkst du ab, was für eine blöde Frage, aber tief in deinem kindlichen Gemüt macht sich langsam ein mir nur allzu vertrautes Gefühl breit: der Zweifel. Ich bin Zeuge des Moments, in dem der Zweifel in dein Leben tritt.

Fast ist es, als hättest du deine Unschuld verloren. Deine Mimik, deine Stimme verändern sich, werden ernster und nachdenklicher. „Aber was dann… Wieso sind wir dann hier?“ Da ist sie. Du hast sie mit deinen 12 Jahren formuliert, diese eine Frage, die so viele Erwachsene nicht nachvollziehen können. „Warumwarumwarum?“

Als dir bewusst wird, dass ich kein Gleichnis parat habe, keine Erklärung für die Existenz des Universums, siehst du mich traurig an. Besorgnis liegt in deiner Stimme, als du fragst: „Wenn du nicht an Gott glaubst – wer passt dann auf dich auf?“ Und fast schon flüsternd fügst du hinzu: „dann kann man sich ja gleich umbringen…Wozu dann alles? Was hat das für einen Sinn?“

Es zerreißt mich innerlich dabei zuzusehen, wie sich eine jahrtausende alte Philosophie-Geschichte in einer einzigen Kinderfrage verdichtet. Ich würde dir so gerne Antworten, dir von den vielen Büchern und aufgeschriebenen Gedanken zu genau dieser Frage erzählen. Dich davor beschützen, dass eine einzige Frage dir den Kopf zermatert. Dir verraten, dass sie ein Leben reicher machen kann – nicht sinnlos.

Aber es ist zu spät und zu früh zugleich. Du wirst deine eigenen Gedanken denken, deine eigenen Gespräche führen müssen. Deine eigenen Antworten konstruieren müssen. Ich kann es dir nicht abnehmen. Alles, was mir bleibt, ist dir öfters den Weg in den Wald zu zeigen, wo der Kopf genug Platz hat, Fragen zu stellen, die niemand beantworten kann.

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