Fuck the System (wenigstens n bisschen)

Haben Mountainbikes ihren rebellische Seele eingebüßt? Ist man heute auf einem Mountainbike einer von den Spießern, von denen sich die Pioniere von einst ursprünglich abgrenzen wollten? Hat der Kapitalismus gewonnen? Entscheide selbst.

Grund zum Verzweifeln gibt es aktuell reichlich. Alle Werte, mit denen wir verwöhnte Friedenskinder aufgewachsen sind, verlieren an Selbstverständlichkeit. Die Demokratie, die Europäische Union, der Frieden, die Gleichheit aller Menschen – alles wird neu verhandelt. Die Geschwindigkeit, mit der sich die mir vertraute Weltordnung gerade wandelt, lässt mich schwindeln. Trotzdem sind es nicht immer nur die großen Ereignisse, die mich manchmal fassungslos kopfschüttelnd zurücklassen. Vieles ist nicht nur in anderen Ländern, in anderen Parteien, eben bei den Anderen zum Gruseln; es ist unser vor allem unser eigener, alltäglicher Wahnsinn, der mir die Laune verderben kann.

Menschen verbringen ihre Zeit damit, Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen. Sie schuften sich kaputt um Idealen hinterherzujagen, die nicht die eigenen sind. Ihre Kinder stecken sie ein Schulsystem, das Leistungsdruck und Angepasstheit schon im frühen Alter antrainiert. Es wird am Lebenslauf gefeilt, sich für den Arbeitsmarkt perfektioniert um eines Tages selbst zum fleißigen Konsumenten zu werden. Wer anders ist, wird aussortiert. Qualitätssiegel, Zertifizierungen, Pauschalangebote sorgen dafür, Enttäuschungen auszuschließen – bloß kein Risiko eingehen, bloß keine Zeit verlieren! Sie wollen so sein wie die Anderen und internalisieren dafür brav, was die Werbung ihnen vorsetzt. Sie konsumieren, konsumieren, konsumieren und werden doch nie satt.

Und dann wird mir klar, dass ich eine von ihnen bin.

In diesen Momenten, in denen ich wirklich mies gelaunt bin, schiele ich neidisch auf die Ur-Ahnen unserer wilden Outdoorsportarten. Da gab es die freidenkenden Beatniks, die den Spießern mit ihren Reihenhäuschen und Geschirrspülmaschinen den Mittelfinger zeigten und sich ihre eigene Welt unter den steilen Hängen des Yosemite Nationalparks aufbauten, wo sie über Philosophie diskutierten und auf Berge kletterten. Oder die Hippies in Kalifornien, die gelangweilt waren vom Leistungsdruck des Straßenradsports  und lieber wie die Irren Schotterstraßen hinunterknallten, auf selbstgebastelten „Mountainbikes“. Egal ob Skaten, Surfen, Mountainbiken oder Klettern – am Anfang der Erfolgsgeschichte dieser Sportarten standen Menschen, die keine Lust auf Anpassung hatten. Die mit ihrem Sport ein Ausweg aus den gleichgeschalteten, vorgefertigten bürgerlichen Lebenswegen schufen.

Aber was ist davon schon geblieben?

Die kapitalistische Verwertungslogik hat sich – so wie sie es mit jeder Gegenbewegung tut –  das Ganze einfach einverleibt. Die Outlaws von damals wurden berühmt, gründeten Firmen, kreierten oder bewarben Produkte, mit denen sich auf einmal jeder diesen rebellischen Lifestyle leisten konnte. Manche von ihnen wurden reich. Und heute ist sind diese Sportarten keine Absagen ans System mehr, sondern hochtechnologisierter Kommerz. Um dazuzugehören, brauche ich nicht die passende Einstellung, sondern den richtigen Markennamen auf der Cap, den richtigen Hashtag im eigenen Post und das nötige Kleingeld. Wer bereit ist, genug Geld auszugeben, dem wird die Freiheit und Unangepasstheit von damals schon serviert werden. Die Sache scheint eindeutig.

Wende Cragg
„I decided long ago that I’d rather be hungry with plenty of time to ride than full and watching my bike sit on the living room floor. My priorities have not changed.“ – Worte von einer, die sich treu geblieben ist: Wende Cragg, Mountainbike-Pionierin und Fotografin. Sie fährt noch heute, am liebsten ihr Breezer aus dem Jahr 1984  *

Oder ist alles vielleicht ganz anders?

Am Tiefpunkt meiner schlechten Laune angelangt (kurz vorm Auswandern in die Wildnis Alaskas) bin ich dann bereit, die Dinge auch wieder in einem anderen Licht zu betrachten. Meistens hat es damit zu tun, dass ich eine Runde biken gehe, dabei besser gelaunte Menschen treffe und sehe, wie zufrieden diese vom Berg runterkommen. Denn dabei fällt mir etwas auf:

Wer Mountainbike fährt, konsumiert nicht. Klar, die ganze Ausrüstung muss erst mal angeschafft werden. Aber selbst der teuerste Carbonhobel erfüllt seinen Zweck erst dann, wenn er bewegt wird – und zwar von mir. In dem Moment, in dem ich auf dem Mountainbike sitze, mir einen Berg erkämpfe und wieder runter fahre, bin ich zu einhundert Prozent handelndes Subjekt. Ich kann nichts kaufen, was mir schnelles Glück verspricht. Ich bin gezwungen, die bequeme, passive Rolle des Konsumenten hinter mir zu lassen. Daran ändern auch die Hightech-Produkte nichts, selbst ein E-Bike muss ich noch selbst kurbeln. Wie oft ist das in meinem Alltag eigentlich noch der Fall?

Dazu kommt: Mountainbiken ist wunderbar unnütz. Es erfüllt keinen Zweck. Das ist herrlich. Vielleicht wollen einige damit etwas für ihre Gesundheit tun – aber schon ein kleiner Sturz lässt diese betriebswirtschaftliche Rechnung nicht mit Sicherheit aufgehen. Einfach nur rausgehen und spielen, Ausgang ungewiss – ein kleiner Akt der Rebellion in einem System, dass das Prinzip der ökonomischen Verwertbarkeit schon in den intimsten Sphären verankert hat.

So betrachtet spielen sich in den Köpfen von den Bikern da draußen vielleicht auf jeder Tour kleine Mikro-Revolutionen ab. Jeder Mountainbiker bekommt permanent von seinem Unterbewusstsein ins Ohr geflüstert: „Du weißt, dass du es nicht kaufen kannst: Das Gefühl, es geschafft zu haben, zufrieden oben anzukommen. Du kannst niemanden dafür  bezahlen, es für dich zu erledigen. Du musst dich anstrengen, es ist nutzlos und trotzdem willst du es. Keine Dienstleistung, kein Produkt, keine Summe XY am Monatsende auf deinem Konto kann dir das Gefühl geben, das du jetzt gerade hast. Du musst es selbst tun. Du kannst es nicht kaufen…“

Wer weiß, wieviele Menschen dieses Wissen in ihr Leben jenseits der Trails mit nach Hause nehmen. Wer weiß, was das simple Gefühl, von der passiven Konsumentenrolle in die eines handelnden Subjektes versetzt zu werden, schon mit den Leben von Menschen angestellt hat. Wer weiß, wieviele kleine, aber wirksame Nadelstiche Mountainbikes dem System jeden Tag versetzen. Als Relikte des Hippietums, gehüllt in den Schafspelz des Kommerz, eingeschleust in die Leben ahnungsloser Bürger. Denn das sind sie, und daran wird auch eine Millionenindustrie drum herum nichts ändern können.

„A Punk Rock song won’t ever change the world“, singt Wingnut Dishwasher Union, „but I can tell you about a couple that changed me“. Das selbe kann ich von Biketouren behaupten. Und wenn ich mir vorstelle, dass ich damit nicht alleine bin, hebt sich meine Laune wieder schlagartig.

 

* Quellen:

Zitat: Marin Museum of Bicycling; Foto: Joe Breeze, “A Girl as a Klunker?!?!,” Mountain Biking History & Culture Archive, accessed February 2, 2017, http://bikinghistory.com/items/show/168; gif: Wende Cragg, “Bob Burrowes Crash Sequence Animated,” Mountain Biking History & Culture Archive, accessed February 2, 2017, http://bikinghistory.com/items/show/665;

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