Europa, eine Dorfschönheit

Ein Wochenende in Paris, ein Kuztrip nach London? Danke, ich fahre lieber in die Wallachei: Ein Liebesbrief an das provinzielle Europa.

Ein Flug nach Berlin kostet 30 Euro. Ein TGV nach Paris 50 Euro. Früher machte ich von diesen Schnäppchen oft Gebrauch. Als Bilderbuchexemplar der Generation Y bestand mich jeder Urlaub in einem Besuch einer europäischen Metropole. Keine Hauptstadt, in der nicht irgendeine Freundin gerade ein Erasmussemester machte; keine Grenzen, die uns aufgehalten hätten. Wir waren Kosmopoliten, die den europäischen Traum lebten, indem wir uns in das Nachtleben eines ganzen Kontinents warfen. Heute leben fast alle meine Freunde von früher in Hauptstädten und jetten zwischen ihnen hin und her um Familienangehörige, verflossene Liebschaften oder neue Flammen zu treffen. Über den Begriff Heimat können sie nur müde lächeln, und als daheimgebliebene Freiburgerin lebe ich für sie nicht in Europa, sondern hinter dem Mond.

Dabei liebe auch ich Europa. Das .eu in meiner Domain ist kein Zufall, sondern meiner Identität geschuldet. Deutschsein bedeutet mir herzlich wenig, ich bin Europäerin. Trotzdem zieht es mich nicht mehr nach Berlin und Paris. Das Europa, das ich liebe und vergöttere, ist das der Provinzen. Während meine ganze Generation in Städten arbeitet und Urlaub macht, zieht es mich auf das Land. Der Sinneswandel kam schleichend, und er kam mit dem Mountainbike.

Provinz, so provinzielle, dass selbst die Schafe einsam sind – Wales

Die Trails führen in die Provinz

Wer mit dem Mountainbike verreist, ist in der Regel auf der Suche nach Wegen durch Wiesen und Wälder, nach Bergluft und Naturschönheit. Als das Mountainbike in mein Leben trat, änderten sich so auch nach und nach meine Reisepräferenzen. Die Billig-Fluglinien mit ihren Flughäfen in Ballungsräumen wurden immer uninteressanter, der VW-Bus mit seinem Versprechen grenzenloser Freiheit zum Transportmittel der Wahl. Für Bikeparks, Trailcenter und versteckte Geheimtips zogen wir immer weiter hinaus in die Peripherie. Und so kam es, dass mich auf Reisen nicht mehr die europäischen Institutionen mit ihren gläsernen, verspiegelten Prachtbauten begleiteten, sondern das Hinweisschild: „Hier fördert die EU den Bau von…“.  Je mehr abgelegene Landstriche ich auf der Suche nach Trails durchstreifte, umso überwältigter wurde ich von der Vielfalt, die sich mir offenbarte.

Auf dem Land reicht es oft schon, von einem Tal ins nächste zu fahren, damit der Käse wieder völlig anders schmeckt. Jede Talschaft hat ihren eigenen Schnaps. Jedes Dorf seine eigenen Legenden. Jede Provinz seine eigene Handwerkskunst. Wer braucht Museen, wenn die Hütte und Häuser der Bevölkerung getränkt sind mit Vergangenheit? Wenn die Geschichte in Form von Gebrauchsgegenständen und Werkzeugen  greifbar wird?

Dort biken, wo Autos nicht mehr fahren – Rumänien

Vielfalt statt Einheitsbrei

Auf dem Land erwartete mich eine nicht enden wollende Abwechslung von Geschmäckern, Geschichten, Bräuchen. Wie langweilig wirkten auf einmal die austauschbaren Innenstädte, die sich mit ihrem H&Ms, Starbucks und schillernden Schaufenstern doch alle gleichen. Wie öde die mit IKEA eingerichteten Studentenbuden, von Kiew bis Madrid quasi identisch. Um Abwechslung zu erleben, war es auf einmal nicht mehr nötig, in weit entfernte Städte zu reisen, schon wenige Kilometer entfernt von der eigenen Haustüre wartete nun das Unbekannte. Wer glaubt, für eine exotische Küche müsste man in die Südsee, hat noch nie in einer Montafoner Alm, einer Elsässer Ferme Auberge oder einem Hessischen Wirtshaus gespeist.

Früher habe ich Europa deshalb geliebt, weil es für Einheit stand: alle wollen Frieden, und weil alle englisch sprechen und als Jugendliche mit Interrail durch Europa reisen, gibt es den auch. Heute liebe ich Europa mehr denn je für seine Unterschiedlichkeit, die sich vor allem in den Provinzen erhält, fernab der Wissensgesellschaft, weit weg von steigenden Mieten und Gentrifizierung. Ich liebe es, auf unserem kleinen Kontinent überall Ecken zu finden, in denen ich mit Händen und Füßen kommunizieren muss, weil niemand englisch spricht. Ich liebe es, von Einheimischen die Eigenheiten des lokalen Dialektes erklärt zu bekommen. Ich liebe es, wie eine Anthropologin durch Dörfer zu reisen und selbst im eigenen Land von Traditionen überrascht zu werden.

Provinz – arm, abgehängt, aussterbend?

Ich will nicht romantisieren. Ich weiß, dass sich in Europas Provinzen Probleme zusammenbrauen, die den europäischen Zusammenhalt auf eine harte Probe stellen werden. Manchen Regionen haben ein Bevölkerungsminus von bis zu 20% zu verzeichnen, ganze Landstriche verwaisen. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte leben mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Und so gibt es trotz alle der Vielfalt Erzählungen, die sich überall ähneln: von den Kindern, die längst nicht mehr in der Nähe sind. Von der Sorge um die Nachfolge für den Hof. Von herrenlosen Häusern. Von Handwerkskunst, die mit den letzten Meistern aussterben wird.

Ich kann mir vorstellen, wie schwer es für die Menschen ist, von Internet, Infrastruktur und Arbeitsplätzen abgehängt zu werden. Wie bedrohlich es für die eigene Existenz sein muss, von Politikern vergessen zu werden und nicht zu wissen, ob die Dorfkneipe im nächsten Jahr noch existiert. Aber ich weigere mich, in den Provinzen nur das rückständige, rechts-wählende Sorgenkind zu sehen, als die sie so oft dargestellt werden. Für mich sind sie mit dem Wissen und Können ihrer Bevölkerung der wahre Reichtum Europas – nicht weniger wertvoll als die prunkvollen Museen und Universitäten der Hauptstädte.

Wenn dieser Zaun zerfällt, wird er nicht wieder aufgebaut werden. Keiner beherrscht mehr die Knotentechnik – Slowenien

Noch viel zu entdecken

In diesem Sommer werde ich zum ersten Mal mit meinem Mountainbike den Kontinent verlassen. Kanada, das gelobte Land, steht auf dem Plan. Auch wenn ich mir damit einen Traum erfülle, vermisse ich jetzt schon die geballte Vielfalt unterschiedlichster Lebensweisen auf kleinstem Raum. Wie es sich wohl anfühlen wird, an Orte zu kommen, die noch keine hundert Jahre auf dem Buckel haben? Auf Wegen zu fahren, die nicht von alten Geschichten erzählen? Ich bin neugierig. Und jetzt schon froh, dass ich danach wieder jeden einzelnen Urlaubstag für das Entdecken von Europa verwenden kann. Von Portugal bis Polen, von Finnland bis zum Baltikum, es gibt so vieles, das ich noch nicht gesehen habe. Liebes, altes Europa, du bist eine betörende Dorfschönheit – und ich unendlich froh, dich meine Heimat zu nennen.

Rumänisches Dorffest statt Berliner Berghain – auf der Suche nach Trails verschieben sich die Prioritäten

2 Kommentare

  1. Wichtiger als Stadt/Provinz ist die Haltung zum Reisen. Der Blick für Details, wie dieser slowenische Zaun! Auch in den Metropolen gibt es so jede Menge Provinz zu entdecken. Aber zum Biken ist es natürlich im ländlichen Raum schöner.
    Übrigens: in Kiew sowie in der gesamten Ukraine gibt es keinen einzigen IKEA (aber Lieferdienste, die das Zeug aus der EU herbringen), dafür sehr anspruchsvolle Trails und einige wenige Bikeparks in den Karpaten und massiv unasphaltierte Straßen mit wenig Verkehr. Dazu gerade um diese Jahreszeit Leben draußen (statt menschenleerer Dörfer), kleine Läden mit Zapfsäule für Kwas (und Bier) in so gut wie jedem Dorf = perfekt für einen Radurlaub.

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