Die Wahrheit über meine letzte Reise

Auf meiner letzten Reise war ich nicht alleine.

Und das meine ich nicht so, wie ich es sonst sage: „ich bin nicht alleine weil ich mein Fahrrad dabei habe“

Auf meiner letzten Reise war ich nicht alleine, weil in meinem Bauch  winzig kleines beginnendes Leben mitreiste.

Das hier ist sie, die ehrliche Antwort auf die Frage ‚Hey wie war deine Reise?‘:

So ein kleines Plus auf einem Schwangerschaftstest kann eine Reiseplanung gehörig durcheinander wirbeln, wenn der Bus schon gepackt ist, das Fahrrad durchgecheckt und die Straßenkarten mit Post-Its und Ausrufezeichen versehen. Da ich in einer Kleinfamilie im 20. Jahrhundert aufgewachsen bin, weiß ich sehr wenig über das Schwangersein. Genau genommen – und das fällt mir beim Plus auf dem Schwangerschaftstest wie Schuppen von den Augen – weiß ich GAR NICHTS darüber. Ich weiß, wie man ein gebrochenes Schlüsselbein versorgt, wie man einen Druckverband anlegt und wie man seinen Körper unbeschadet auf einem Fahrrad über die Alpen manövriert. Aber nicht, was er braucht, wenn er einer seiner natürlichsten Aufgaben nachgeht: neues Leben zu produzieren.

Dementsprechend verhalte ich mich erst mal wie eine verlaufene Sonntagsspaziergängerin: panisch. Doch die Frauenärztin beruhigt mich, der Körper braucht gar nicht mal viel – etwas mehr Schlaf vielleicht, auf gar keinen Fall Alkohol und Nikotin (kein Problem in meinem Fall) und wenig Koffein (sehr großes Problem in meinem Fall), aber grundsätzlich Nichts, was er nicht auch auf einem Roadtrip nach Portugal bekommen könnte. Also Abschied nehmen, vielleicht etwas tränenreicher als sonst, und ab auf die Autobahn, wo mich ein riesengroßes Durcheinander im Kopf bereits erwartet. Wir würden nun viele Stunden miteinander verbringen.

Der VW-Bus rollt richtung Süden, das Fahrrad bekommt alle paar Hundert Kilometer Auslauf und in mir drin teilt ein sesamkorngroßer Embryo fleißig seine Zellen. Er ist dabei, wenn ich an den Weinschlössern Südfrankreichs vorbei zirkele, er wird auf dem groben Schotter der Wüstenpisten durchgeschüttelt, er teilt sich mit mir das Adrenalin, das mir die kläffenden Hunde auf spanischen Bauernhöfen beim Vorbeikurbeln durch die Venen pumpen. Er schweigt, wenn ich ihm abends in Gedanken gute Nacht wünschte, und obwohl er nicht antwortet, fühlte ich mich weniger alleine in meinem Bus unter den Sternen irgendwo im Nirgendwo.

Die Dauer der Reise zähle ich nun in Wochen, wobei ich nicht bei 1 beginne: Woche 6, Woche 7, Woche 8… Sie werden zu meiner neuen Zeitrechnung, in die sich Ungeduld, Ungläubigkeit, manchmal kurz aufkeimende Angstattacken mischen. Was da in mir wächst, bin das noch ich? Bin das nicht ich? Wer bin ich eigentlich? Jetzt, und in 7 Monaten? Wer bin ich, wenn ich nicht mehr spontan auf eine Reise aufbrechen kann? Bin das noch ich? Wer bin ich dann? Und so weiter.

Meine kleine kaulquappenartige Reisebegleitung wächst davon unbeeindruckt weiter – sie dehnt meine Rennradtrikots bis ans Äußerste und lässt mich schon bei kleinen Anstiegen vor Erschöpfung schnaufen. Ihr zuliebe schrumpfen meine Touren auf 30 oder 40 Kilometer, denn das reicht schon, um danach den Rest des Tages zu verschlafen. Überhaupt ist Schlaf das Leitmotiv dieser Reise. Zum Glück sind Dezembernächte so lang.

Als wir zusammen die spanisch-portugiesische Grenze hinter uns lassen, sind wir bereits ein gut eingespieltes Team. Ich kompensiere den Kaffee mit frisch gepresstem Orangensaft, ich versuche erst gar nicht, längere Touren zu planen und ich habe mich damit abgefunden, alle 30 Minuten aufs Klo bzw. ins Gebüsch zu rennen. Die Fragen im Kopf weichen immer öfter einem wohligen Glücksgefühl, dass sich aus dem Bauch kommend über die Gehirnwindungen bis in die Haarspitzen fortsetzt. Ich bin nicht allein, und das fühlt sich gut an. Ich koche uns das beste Essen, führe uns aus in Fischrestaurants und fülle für uns beide meine Lungen mit salziger Meeresluft. Es wäre zu kitschig, das in mir keimende Gefühl Liebe zu nennen, darum verweise ich an dieser Stelle an Glückshormone. Es wird immer schwieriger, unser Geheimnis für mich zu behalten.

Den Jahreswechsel feiere ich mit zwei frisch verliebten Freundinnen und einem nicht ganz so frisch verliebten Ehemann in der Märchenstadt Lissabon. Ich fühle mich ein bisschen als Außenseiterin, weil ich die einzige der Clique bin, die weder trinkt noch auf Frauen steht. Aber ich fühle mich gleichzeitig geborgen, weil alle so glücklich sind, alle so voller Vorfreude. 2019 beginnt mit einem Feuerwerk, mit zwei werdenden Tanten und einem werdenden Vater an meiner Seite.

Anfang Januar dann die vertrauten gemischten Gefühlen, die stets das Ende einer Reise ankündigen: Hurra, endlich wieder in einem Bett schlafen. Oh nein, schon wieder Alltag. Doch diesmal kommt noch etwas Neues hinzu, mehr als ein Gefühl, ein echter, realer, körperlicher Schmerz – ein Ziehen im Unterleib. Nach der ersten Nacht im lange vermissten Bett dann ein kleiner, fast durchsichtiger Tropfen Blut. Die Reise endet schließlich, wie sie begonnen hat: bei der Frauenärztin.

Sie seufzt, als sie schließlich endlich spricht. Das Herz meiner kleinen kaulquappenartigen Reisebegleitung, die doch schon gar nicht mehr so kaulquappig sein dürfte, hat schon vor ein paar Wochen aufgehört zu schlagen. ‚Missed Abortion‘ heißt das Phänomen, wenn der Körper nicht gleich auf Normalzustand zurück schaltet, obwohl er das längst könnte. Jetzt, in Woche 12, bleibt mir nur: Ausschabung oder abwarten. Ich entscheide mich fürs Abwarten, ich will, dass alles so natürlich weiter geht, wie es angefangen hat, und auch wenn ich so das häßliche Wort Ausschabung so zwar umgehe, bleibt nun doch ein anderes häßliches Wort an mir, an meiner Reise, an meiner Biografie kleben: Fehlgeburt.

Zum Glück muss ich nicht lange warten, schon am nächsten Morgen setzen die Wehen ein. Meine Reisebegleitung verlässt mich wieder. Irgendwie kann ich sie ja verstehen, ich wäre auch gerne in Portugal geblieben, aber diese Schmerzen hätte ich schon lieber für ein fertiges, rosiges, nach Milch und Honig duftendes Baby durchgestanden. Ich hätte es bestimmt noch öfters nach Portugal gefahren, und weil das nun nicht geht, weine ich bittere Abschiedstränen.

Und jetzt fragen mich alle: Hey wie war die Reise? Wie war’s in Portugal? Und eigentlich sollte ich mich freuen, dass ich noch fast niemandem erzählt hatte, dass ich schwanger war, weil sonst müsste ich jetzt ja allen von meiner Fehlgeburt erzählen. Das bedeutet aber auch, dass ich nur die Hälfte erzählen kann, mir eine Reise ausdenken muss, die so nie stattgefunden hat, weil ich eben nicht alleine war. Ich will erzählen, wie schön es war, schwanger durch Spanien und Portugal gereist zu sein, was etwas völlig anderes ist, als nicht-schwanger durch Spanien und Portugal gereist zu sein.

Über Fehlgeburten spricht man nicht, und deshalb klingen sie auch so schrecklich. Sie haben mit Blut, mit Schmerzen, mit Trauer und mit geplatzten Hoffnungen zu tun, und das ist unbequem. Aber sie treffen jede fünfte Frau im ersten Schwangerschaftsdrittel, sie sind absoluter Alltag, völlig normal, komplett natürlich. Als Mountainbikerin höre ich permanent die Leidensgeschichten meiner verletzten Freunde, und sie alle haben mit Blut, mit Schmerzen, mit Trauer und mit geplatzten Hoffnungen zu tun. Hätte ich mir unterwegs mein Schlüsselbein gebrochen oder eine Platzwunde zugezogen, könnte ich mit geschwellter Brust und vielen schaurigen Details von meinem Erlebnis berichten, und es dabei verarbeiten. Niemals käme ich auf die Idee, den Vorfall zu verheimlichen und mir eine geschönte Version zurechtzulegen. Niemals käme es mir in den Sinn, mich zu fragen „was die Leute wohl denken“ – und doch geht es mir jetzt eben so. Das Wort Fehlgeburt geht mir schwer über die Lippen, es zu tippen, fühlt sich falsch an. Und das, während meine Freunde beim Abendessen darüber berichten, wie ihnen Nägel und Schrauben durch ihre zertrümmerten Gliedmaßen gezimmert werden.

Ich will nicht, dass etwas so Schönes, Natürliches, Unglaubliches wie das Kinderkriegen mit so viel Scham behaftet sind. Ich wünschte, ich würde mehr Geschichten von anderen Frauen kennen, die das Gleiche erlebt haben (und nicht nur die Horrorstories aus Internetforen). Ich wünschte, wir würde über Fehlgeburten reden, so wie wir über unsere Verletzungen beim Biken reden. Weil sie sind genauso „normal“ sind, ja sogar viel wahrscheinlicher. Jetzt, ein paar Wochen später, weiß ich endlich: eine Fehlgeburt ist traurig, aber sie ist auch nicht das Ende der Welt und traumatisiert bin ich auch nicht. Man kann mich darauf ansprechen, ohne dass ich in Tränen ausbrechen. Ja, man verliert ein Kind, aber eines, das näher am Nicht-Existieren als am Existieren dran war. Und trotzdem hadere ich seit Wochen damit, diesen Text zu veröffentlichen. 

Ich schreibe, um nachzudenken und um mich zu erinnern. Ich habe gefühlte 13 Anläufe unternommen, über diese Reise anders zu schreiben, aber es geht nicht. Und eigentlich will ich es auch gar nicht. Ich will mich erinnern an die Reise, auf der ich alleine war, und doch nicht alleine war – an Portugal 2018/2019, als ich zwei Monate im Süden zwischen Wüsten, Sandstränden und Orangenplantagen lebte und mir die Sonne auf den schwangeren Bauch scheinen ließ.

Es war eine gute Reise.

 

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