Die unerträgliche Leichtigkeit des Mountainbikens

Es gibt Tage, an denen läuft überhaupt nichts. Bergauf fahren ist eine Qual, bergab fühlen sich die Bewegungen eckig und kantig an, das Material störrisch und widerspenstig. Alle anderen sind schneller, haben mehr Spaß und beim Stürzen tut man sich auch noch weh. „Warum mache ich diese Scheiße hier überhaupt?“ kann man dann schon mal denken. Auf der Suche nach einer Antwort landet man schnell bei der Suche nach dem Sinn des Lebens.

Wenn es in Klettermagazinen philosophisch wird, wird gerne die Frage gestellt, warum Menschen auf Berge klettern. Also auf die richtig hohen, die so lebensfeindlich sind, dass der Mensch auf ihren Gipfel eigentlich nichts verloren hat. Trotzdem kämpfen sich einige wenige von ihnen durch Eis, Schnee, Entbehrung, unmenschliche Anstrengung und nehmen Lebensgefahr in Kauf. Warum bleiben sie nicht lieber in gemütlicheren Höhenlagen, warum suchen sie diese Herausforderung? Die Antworten darauf variieren von Ruhm über Geltungsdrang bis hin zur Flucht aus der modernen Lebenswelt. Die Antworten interessieren mich meistens recht wenig – was mich fasziniert, ist schon die Frage an sich.

Warum tun wir überhaupt irgendwas?

Camus sagte einst, die einzige philosophische Frage, die wir uns stellen müssen, ist die, warum wir uns nicht selbst umbringen. Wenn man mal ehrlich ist, ist das ganze Leben doch eine beschwerliche Gipfelerklimmung: man wird geboren, um zu altern – ab dem frühen Erwachsenenalter beginnt der Körper, zu verfallen. Man muss Prüfungen absolvieren, arbeiten, Krankheiten durchstehen, Verluste in Kauf nehmen. Alles nur, um am Ende sowie den Löffel abzugeben. Auch die kapitalistische Erzählung, mit genügend Geld und Besitz wäre das Problem in den Griff zu kriegen, ist eine Lüge – nicht alle reichen Menschen sind glücklich und jeder, der den kurzen Rausch nach einer neuen Anschaffung kennt, weiß sehr genau, dass er nicht von Dauer ist. So ist das eigentlich mit allem, was glücklich macht: Liebe vergeht, ein Hochgefühl klingt ab, Berühmtheit verblasst, eine Abfahrt geht vorbei, der Urlaub nähert sich dem Ende, das neu entdeckte, spannende Hobby wird mit der Zeit wieder langweilig und fad. Nach der Sättigung folgt der Hunger, nach der Zufriedenheit die Leere. Es ist ein ständiges auf und ab. Wir sind Sisyphus, verdammt dazu, bis in alle Tage einen schweren Stein auf ein einen Berg zu rollen, nur um ihn auf der anderen Seite wieder hinabzulassen. Und wieder von vorne. Und wozu das alles?

Das Leben ist absurd

Die Frage, warum wir freiwillig weiter leben und die Frage, warum Menschen auf Berge klettern haben also einen gemeinsamen Kern: sie suchen nach dem Sinn des Ganzen. Leben, bergsteigen, mountainbiken – warum tut man sich das überhaupt an? Eigentlich ist die Antwort darauf ganz leicht. Sie lässt sich ziemlich gut mit einer Gegenfrage finden. Und die lautet:

Warum nicht?

Warum sollten Menschen nicht auf hohe Berge steigen? Ihr Leben auf die eine oder die andere Weise verbringen? Was bleibt ihnen denn schon anderes übrig? Wenn man alles abzieht, unser Glück unser Leid, unseren Besitz, die flowigen Tage, und die, an denen einfach nichts so richtig klappen will, bleibt nichts weiter als unsere nackte Existenz. Nichts weiter als unser Körper und unsere Gedanken mitten in einer unerklärlichen, undurchdringlichen Welt. Wir können Bücher über den Sinn wälzen, mit Philosophen diskutieren, uns Ideologien oder Religionen anschließen – das Einzige, was sicher bleibt, ist die Tatsache, dass du jetzt gerade atmest, das du bist. Du existierst. Und wenn das keine Einladung ist, alles nur erdenklich mögliche mit dieser Existenz anzufangen, weiß ich auch nicht.

Alles wird leicht

Wenn man sich damit mal abgefunden hat, wird auf einmal alles ziemlich leicht. Es ist egal, was war, was kommt, und ob das Aktuelle gerade angenehm ist oder nicht. Es gehört alles zu diesem unfassbar aufregenden Ding namens Existenz. Und das Beste ist: sie gehört ganz allein uns. Wir können darüber entscheiden, wie wir sie verbringen, ob wir sie beenden, ob wie sie auf minimalistische Erfahrungen reduzieren wollen oder alle Extreme mitnehmen. Wir besitzen die schwindelerregende Freiheit, noch in einer Gefängniszelle zu meditieren und unsere Wahrnehmung zu erforschen. Es ist egal, ob wir Musik machen, eine Sprache lernen, Spazieren gehen, eine Wand anstarren, einen Gipfel besteigen oder einen Trail runterstochern – solange wir uns darüber im Klaren sind, dass es unsere bloße Existenz ist, die wir mit unserem Willen formen, oder mit den Worten Camus, „in den Händen kneten wie warmen Brotteig“.

Loslassen. Nicht den Lenker, aber…

Nichts hat einen Sinn, weder leben, noch bergsteigen noch mountainbiken. Spätestens, wenn an einem schlechten Tag die Frage „Warum mache ich die Scheiße überhaupt“ durch mein Hirn zuckt weiß ich mittlerweile, dass es Zeit ist, loszulassen. Sinn und Zweck einer Aktivität zum Teufel zu jagen. Es geht nicht darum, dass ich etwas besonders gut oder schnell tue, dass ich dabei unbedingt Spaß haben, dass es gut tut oder mir sonst irgendeinen Gewinn bringt. Es geht nur darum, überhaupt irgendetwas zu tun. Diesen unwahrscheinlichen Zufall Existenz mit Taten anzureichern, ihn zu gestalten, irgendwie. Sie ist nun mal da, und ich alleine habe die Verantwortung, sie zu nutzen. Und alleine das führt meistens schon dazu, dass es dann plötzlich wieder viel flüssiger läuft.

3 Kommentare

    1. Danke Micha! ich freue mich wahnsinnig, dass so ein nachdenklicher Text auch andere bewegt. Und du machst mich neugierig: was ist den Atomaffe?

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