Die Sache mit dem nachhaltigen Lebensstil

Dieser Moment, wenn du ein neues Bike aus dem Karton hebst. Seinen jungfräulichen Rahmen langsam von Verpackungsmaterial befreist, dabei immer mehr seiner makellosen Oberfläche zum Vorschein kommt. Du schraubst die Teile zusammen, alles gleitet widerstandslos ineinander, kein knirschender Sand, keine Zeichen von Abnutzung, von Vergänglichkeit. Mit dem Finger streichst du über den reinen, glänzenden Lack. Der Duft von Industriefett und Gummi liegt in der Luft. Beim Drehen der Kurbeln und Ziehen der Bremse hörst du – nichts. Alles ist perfekt. Ein Fest für die Sinne.

Für das Mountainbike hast du einen bestimmten Preis gezahlt, wahrscheinlich einen – in Verhältnis zu deinem Monatsgehalt – ziemlich hohen. Egal. Du weißt, dass du dir mehr als ein neues Bike gekauft hast. Du hast dir pures Glück geschenkt. Dieses Fahrrad wird dich an unbekannte Orte bringen, es wird dich flinker und schöner werden lassen, es wird deine Persönlichkeit, deinen guten Geschmack, deine Kennerschaft unterstreichen. Alle Welt wird wissen, dass du dieses Fahrrad fährst. Und kein anderes. Es wird das beste Fahrrad der Welt sein. Zumindest so lange, bis der Verfall beginnt.

Die erste Macke tut am meisten weh. Ein Kratzer im Lack, eine klaffende Wunde in deinem Herzen. Dann dieses Knarzen. Irgendwo knarzt es doch! Du kannst die Ursache nicht finden, schraubst dir die Finger wund. Erste Verschleißteile müssen gewechselt werden, neue Reifen, neue Bremsbeläge, ein neuer Antrieb bringen dir kurz den Zauber des Neuanfangs zurück. Das anfängliche Polieren nach jeder Ausfahrt weicht einem gelegentlichen Saubermachen. Spätestens jetzt ist es halt einfach dein Fahrrad – nicht weniger, aber auch nicht mehr. Eine Zweck-Ehe, respektvoll aber leidenschaftslos. Und dann kommt irgendwann er in dein Leben: der neue Standard.

Anfangs hörst du nur Gerüchte, hinter vorgehaltener Hand werden Vermutungen ausgetauscht. Noch lässt es dich kalt. Irgendwann siehst du ihn, erst in einem Video, dass völlig deinem Lebensgefühl entspricht, später in echt ausgerechnet an der Fahrerin, die du eh schon immer bewundert hast. Kein Wunder, dass die so toll fährt. Die hat ja auch dieses Neue! Und du immer noch das von gestern. Du beginnst zu zweifeln. Ein nagender Zweifel, der dich bis in den Schlaf begleitet, weil du damit beschäftigt bist, deine Ersparnisse zusammenzuzählen. Noch könntest du dich der Fraktion anschließen, die die Neuerung verteufelt und für überflüssig erklärt. Aber insgeheim weißt, du dass du sie willst.

Du verfluchst das Marketing und versuchst dich zu wehren. Verdammt, schließlich pflegst du einen nachhaltigen Lebensstil, kaufst regional ein, trägst fair Fashion, verachtest die Großkonzerne. Du trinkst Bier von bärtigen Männern und die IKEA Möbel in deinem Zuhause sind schon längst Flohmarktware und Europaletten gewichen. In H&M hast du seit Jahren keinen Fuß mehr gesetzt und überhaupt – mit dieser Wegwerfgesellschaft hast du nichts am Hut.

Du machst dir bewusst, dass auch dein Mountainbike einen Wert an sich hat. Nicht durch seinen Kaufpreis, nicht durch den Wiederverkaufswert sondern allein durch die Rohstoffe und die Arbeit, die es brauchte, um es zu dem zu machen, was es ist. Wahrscheinlich könnte es dich überleben. Du brauchst kein neues Fahrrad. Trotzdem bist du nicht zufrieden.

Du fragst dich, wer deinen Rahmen, der dich nun so lange begleitet hat, eigentlich zusammengeschweißt hat. Verdient die Person gut? Wieviel Urlaub hat sie? Welcher Anteil von deinen Monatsgehalten landen am Ende bei ihr? Kann sie eine Familie ernähren, in eine Krankenversicherung einzahlen? Wie lange hat sie dafür gebraucht, ihr Handwerk so gut zu beherrschen, dass du ihm heute dein Leben anvertraust? Was dachte sie, während sie die Schweißnähte setze? Und das Material – wieviel Energie hat es gekostet, bis es die Form eines Fahrrads annahm? Wo wurde es abgebaut? Was ist mit den Abfällen, die während seiner Bearbeitung entstanden sind? Wer kümmert sich um die? Sind es viele? Sind sie schädlich? Und wenn ja – wem schaden sie?

Du hörst dich um, aber niemand hat Antworten darauf. Du kommst dir schon blöd vor, überhaupt gefragt zu haben. Zum Schluss weißt du nicht mehr, was jetzt eigentlich verrückter ist: sich diese Fragen zu stellen – oder es nicht zu tun.

Schließlich gibst du auf, ist ja im Technik-Bereich auch nicht so schlimm wie in der Textil-Branche. Hast du zumindest gehört. Außerdem geht es bei Technik ja wirklich um Fortschritt, nicht um kurzlebige Modetrends. Und du verkaufst du das alte ja. Und überhaupt – warum sollten alle anderen den neuesten Scheiß fahren und du nicht? Hinzu kommt, dass du einen unschlagbaren Freundschaftspreis kriegst, da kann man also echt nicht nein sagen. Das eine Bike noch, dann hörst du auf mit dem Quatsch. Und dann ist er endlich wieder da:

Dieser Moment, wenn du ein neues Bike aus dem Karton hebst. Seinen jungfräulichen Rahmen langsam von Verpackungsmaterial befreist, dabei immer mehr seiner makellosen Oberfläche zum Vorschein kommt. Du schraubst die Teile zusammen, alles gleitet widerstandslos ineinander, kein knirschender Sand, keine Zeichen von Abnutzung, von Vergänglichkeit…

 

 

 

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