Der Preis der Freiheit

Im Leben ist nichts umsonst. Selbst die Schlafplätze in der freien Natur haben ihren Preis. Die Nächte dort bezahlt man nicht mit Geld, sondern mit einer Währung, von der wir alle mehr haben, als wir zugeben wollen: ANGST. Dabei muss man sie nur richtig einsetzen, um sich wirklich reich zu fühlen.

„Mais, vous n’avez pas peur?!“ Da ist sie wieder, die Frage, die wohl zur zwischenmenschlichen Kommunikation dazu gehört wie Bonjour und Merci, wenn man als alleinreisende Radlerin unterwegs in Frankreich ist. Wo ich auch halte, um Kaffe zu trinken oder nach Wasser zu fragen – sobald mein Gegenüber realisiert, dass Monsieur nicht mehr kommt und ich alleine im Freien schlafe, kommt diese Frage: „Haben Sie denn keine Angst?!“ Ich antworte dann immer beschwichtigend: mais non, alles gut, habe ich nicht.

Aber die Wahrheit ist: das stimmt gar nicht.

In Wirklichkeit habe ich so oft Angst, dass ich all ihre Gesichter in- und auswendig kenne: Den Kloß im Hals. Das Kribbeln in den Fingern. Die taube Zunge. Die prickelnden Wangen. Die Spannung in den Gliedern. Die kalten Schweißausbrüche. Das flaue Gefühl im Magen. Die flache Atmung. Die aufblühende Phantasie. Das klopfende Herz. Die geschärften Sinne. Den drängende Fluchtreflex… Ich habe jeden Ausdruck der Angst beobachtet, zerlegt und analysiert. Ich bin sozusagen eine Expertin im Angst haben – ich erkenne die Angst schon von Weitem.

Denn sobald ich mein Nachtlager aufgeschlagen habe und die Dunkelheit hereinbricht, gesellt sie sich zu mir. Der See, der bei Sonnenuntergang noch so romantisch wirkte, liegt jetzt unter gruseligem Nebel. Irgendetwas raschelt im Gebüsch. Sind das Stimmen, die sich da nähern? Das Handy hat keinen Empfang. Ein leuchtendes Augenpaar starrt mich aus der Dunkelheit heraus an. Eine Katze? Ein Fuchs? Oder was lebt hier sonst noch? Etwas plätschert im Wasser. In der Ferne bellt ein Hund. Ich ziehe mir den Schlafsack bis weit über die Ohren, obwohl es viel zu warm ist… Die Angst kriecht mir aus dem Brustkorb in meinen Kopf und benebelt meine Vernunft. Auf einmal ist es nicht mehr nur der zwielichte Typ beim letzten Bauernhof, der mir Schauer über den Rücken jagt, sondern ebenso der naheliegende Friedhof. Angst wird offenbar nicht erwachsen.

So putzig sich das anhört, wenn man es bei Tageslicht liest, so unangenehm ist es in dem Moment selbst. Es ist nicht schön, Angst zu haben, es fühlt sich wirklich scheiße an. Angst zu haben ist widerlich, nicht erstrebenswert, keiner will das – und genau deshalb blicken mich die Leute wohl auch so entsetzt an, wenn sie mich fragen, ob ich denn keine hätte. Unser ganzes Gesellschaftssystem ist darauf ausgerichtet, Angst überflüssig zu machen – von der Versicherung über die Demokratie bis zur Bewertung auf Air B&B. Zum Glück funktioniert das alles ziemlich gut, und so muss man sich mit einem deutschen Pass und weißer Hautfarbe aktuell vor sehr wenigen Dingen wirklich fürchten. Beim Aufwachsen lernen wir: Angst ist etwas für Feiglinge, Versager, Mimosen. Und wahrscheinlich verneine auch ich deshalb reflexartig die Frage nach der Angst. Doch je weniger Angst wir empfinden, umso eher verlieren wir eine wichtige Fähigkeit: Mit der Angst umzugehen und sie anzuerkennen als das, was sie ist – ein Gefühl, mehr nicht.

Genau das versuche ich in während der schlaflosen Nächte jenseits des Planbaren. Anstatt die Angst zu leugnen, heiße ich sie willkommen. Lade sie ein, es sich neben mir auf der Isomatte bequem zu machen. Betrachte sie neugierig und beobachte, was sie mit meinem Körper anstellt. Setze ihr immer wieder vernünftige Argumente entgegen. Bestätige ihr wieder und wieder, dass ich sie sehr wohl wahrnehme. Nur weigere ich mich, auf sie zu hören.

Das kann ganz schön anstrengend sein, und es gelingt mir mal besser, mal schlechter. Ich habe an den malerischsten Orten genächtigt, und dort regelrechte Horrortrips durchlitten, weil es mir einfach nicht gelingen wollte, das Ruder zu übernehmen. Aber oft klappt es eben doch, und dann werde ich gleich doppelt entlohnt: einmal mit der Freiheit, schlafen zu können, wo es mir gefällt – und mit der Freiheit, mir mein Leben nicht durch meine Angst bestimmen zu lassen. Beides lässt sich mit Geld nicht kaufen, sondern nur mit dem Einsatz des eigenen Handelns.

Natürlich könnte ich mir den ganzen Stress sparen und gleich Campingplätze oder Hostels ansteuern. Ich habe nur im Laufe meines Lebens die Erfahrung gemacht, dass meine Angst ein sehr zuverlässiger Kompass für Dinge ist, die mich mit tiefem Glück erfüllen. In meinen schönsten, lebendigsten Erinnerungen ist immer auch die Angst dabei, egal wie ätzend sie in diesem Moment auch war. So auch beim Wildcampen: ja, mir hat das Herz bis zum Hals geklopft und ich habe mich gefragt, was verflucht ich hier eigentlich tue – aber dafür ist mir jeder einzelne Morgen im Gedächtnis, und mit ihm der Geschmack des grünen Tees, den ich gekocht habe, ohne dabei aus dem Schlafsack zu kriechen.

Man sieht es auf den Bildern vielleicht nicht, aber ich bin ein Angsthase. Während Andere mit dem Fahrrad um die ganze Welt reisen, schlottern mir die Knie schon in Zentralfrankreich. Und zwar so sehr, dass es mir manchmal einfach reicht und ich mir für 12€ die Sicherheit eines Campingplatzes kaufe, um endlich mal wieder durchzuschlafen. Dann bade ich genüsslich im Gefühl der Geborgenheit bis ich wieder genug Kraft habe, um mit meinem Herzklopfen das zu bezahlen, was ich wirklich will: die Freiheit, in dieser Welt herumzustreunen- so unabhängig wie der Fuchs, der mich nachts wieder erschrecken wird.

Meine schönsten Ängste auf meinem Bikepacking-Trip durch Frankreich:

Die Angst, ausgeraubt zu werden
Die Angst, entdeckt zu werden
Die Angst, von Mücken gefressen zu werden
Die Angst vor Gewitter
Die Angst vor nächtlichem Hochwasser
Die Angst vor Wasserratten
Die Angst vor den Geistern verunglückter Surfer

3 Kommentare

  1. hi Hanna, das ist ja super gut beobachtet, super schön und unglaublich offen geschrieben. Und noch tolle Fotos dazu!
    Ich verstehe Dich sehr gut, ich habe auch schon Blut-und-Wasser geschwitzt in Nächten irgendwo in der Botanik.
    Noch nie habe ich es so gut beschrieben gesehen, wie die – bei Licht – normalsten Dinge der Welt im Dunkeln bedrohlich wirken können, wie bei Dir hier. Wow.

    Antworten

  2. Hallo Hannah!
    Danke, dass du so offen über deine Ängste beim wild campieren schreibst. Ich kann alle davon nachvollziehen und mir ist es genau so gegangen. Ob beim campieren unter dem Olivenbaum in Kroatien, wo ich auf den Bären in der Nähe von Krk gewartet hab, von dem mir ein Kumpel aus Zagreb erzählt hat, oder den Naturschützern in dem Vogelreservat in der Toskana, oder den Bären in den Karpaten, oder der ETA im Baskenland… Irgendwas gibt’s ja immer, vor dem man Angst haben kann.
    Aber ich möchte keine dieser Nächte missen! Mit den ersten Sonnenstrahlen aufzuwachen, raus aus dem Schlafsack und direkt rein in’s Meer! Komplett alleine. Das geht in keinem komfortablen Hotel aus…
    Noch viele schöne Reisen und Erinnerungen,
    Andreas

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.