Der Fremde Blick

Reisestories handeln in der Regel von den krassen Sachen, die man an epischen Orten, auf geilen Singeltrails mit coolen Locals erlebt hat. Diese hier tut das nicht. Sie spielt zwar in Rumänien, aber ihre Hauptdarstellerinnen sind zwei blutige Anfängerinnen, die auf Leih-Hardtails mit mir auf Tour gehen. Warum ich sie trotzdem geschrieben habe? Weil sie beweist: das Unbekannte wartet nicht nur in fernen Ländern. Es kann auch in Gestalt vertrauter Freundinnen daher kommen.

Prolog

„Aaaah, das ist eins von diesen Klapp-Rädern, oder?“ kommentiert meine Freundin Tina anerkennend, als ich mein Rad aus der Travelbag hole und aufbaue. „Äh, ne, das ist ein ganz normales Mountainbike“ erwidere ich. „Krass. Und das kannst du einfach so zusammenfalten?!“ Ich seufze. Mir dämmert vage, auf was ich mich eigentlich eingelassen habe.

Ahnungslose Anfänger mit zum Biken zu nehmen kann ganz schön anstrengend sein. Man muss sich um Material für sie kümmern, ihnen die ganze Welt erklären, ihnen immer wieder Mut machen und gut zureden. Alles, was man sich über die Jahre mühsam angeeignet hat, muss man  vorgekaut in kleinen Häppchen wieder auspacken. Deshalb wird aus den meisten dahergesagten Versprechen à la „Klar nehm ich dich mal mit!“ meisten auch nichts. Manchmal scheitert es am Mut der Anfänger, meistens aber schlicht an der eigenen Unlust, Anderen beim Lüften des Schleiers der Ahnungslosigkeit zu helfen.

So geht es mir auch, als ich an diesem Morgen mein Mountainbike in der Nähe von Hermannstadt, Rumänien zusammenschraube. Am liebsten hätte ich meine Fahrradfreunde um mich. Ich befinde mich am Fuß der Karpaten, wo Bären und Urwälder nur darauf warten, von furchtlosen Mountainbikern besucht zu werden. Mountainbiker mit Kondition, Orientierungssinn und Durst nach Singletrails. Leute reisen hierher zum Heli-Biken! Doch neben mir sitzt eine durchnächtigte Tina, die mich fragt: „Fährst du eigentlich noch manchmal Wettrennen?“ Ich seufze wieder.

Meine mountainbikenden Freunde und Freundinnen sind nach einer Woche Rumänien-Urlaub bereits alle abgereist. Ich bin als einzige weiter gezogen, um mich mit Tina zu treffen, die zu Besuch bei Milena in Cluj Napoca ist. Wenn uns der Zufall schon alle drei zur gleichen Zeit nach Rumänien führt, wollen wir natürlich auch unbedingt ein paar Tage zusammen verbringen. Und weil der Zufall wirklich Humor hat, befindet sich direkt gegenüber unserer Unterkunft ein Bike-Verleih. Es gibt also kein Entkommen.

Hauptteil

Im Gegensatz zu meinen beiden Freundinnen strahlt der junge Mann im Verleih (Typ cooler Bike-Dude) pure Fachkompetenz aus. Das Ausstatten ahnungsloser Frauen mit Hardtails und Helmen verleiht ihm eine Aura der Wichtigkeit, in der er sich genüsslich badet.  Auf die Frage nach einer schönen Tour antwortete er mit selbstgerechter Miene: „There are Singletrails, but I can’t show you. It’s too dangerous for you to go out there“. Angesichts des Zustands der Leihbikes hat er wahrscheinlich sogar Recht. Doch nachdem wir alle Schrauben nachgezogen haben und lose Bremssättel und durchdrehende Lenker an Ort und Stelle sitzen, stürzen wir uns waghalsig in unser Abenteuer.

Eine staubige Schotterstraße führt uns direkt in die Berge. Immer wieder werden wir von Pferdekarren überholt, die laut durch die  Schlaglöchern an uns vorbei rumpeln. Milena und Tina schweben im siebten Sportler-Himmel. Katzenaugen und kaum versenkbare Sattelstützen sind nichts, was die beiden in irgendeiner Weise beunruhigen würde. Für sie ist klar, dass sie auf unfassbar sportlichen Hightech-Geräten sitzen, nur noch ein bisschen Training sie von den Olympischen Spielen trennt. Glücklicherweise, denn als der zähe, steile Anstieg beginnt, zeigen sie ein solche Angriffslust, dass ich mein Tempo unerwartet weit nach oben schrauben muss.

Und so kämpfen wir uns langsam immer weiter nach oben. Vielleicht ein bisschen langsamer also sonst, vielleicht mit ein paar mehr Pausen, aber dafür mit dem gleichen unbändigen Drang, vorwärts zu kommen. Einmal in Bewegung sprechen wir plötzlich die gleiche Sprache: bei den gemeinsten Rampen beißen wir die Zähne zusammen, an den Kreuzungen studieren wir gemeinsam die Karte, hinter der letzten steilen Kurve liegen wir uns glücklich in den Armen. Auf dem Rad verschwinden die Unterschiede zwischen Etablierten und Außenseitern dann doch ziemlich schnell.

Auf der Passhöhe wartet überraschender Empfang. Der Bikeshop-Dude hatte sein Rad in den Bus geladen um uns oben abzupassen. Aus Sorge um unseren Verbleib ist er in die Rolle des Retters geschlüpft und gekommen, um uns sicher nach Hause zu geleiten. Unsere geplante Tour will er uns ausreden und uns unbedingt einen anderen Weg zeigen. Wer widerspricht schon einem Local? Wir folgen widerwillig. Leider ist er so damit beschäftigt, cool und unbeeindruckt zu sein, dass er unsere Begeisterung über die kleinen Freunden nicht nachvollziehen kann. Picknick im Gras? „Girls, you can’t sit there, there are animals in the grass“. Die Schönheit seiner Heimat, der Karpaten? „Yeah. Mountains. Like always“. Gewohnheit kann ganz schön traurig sein.

Ein Mangel an Lebensfreude wäre ja noch zu ertragen, wenn sich unser selbsternannter Guide nicht auch noch als frei von jeglichem Orientierungssinn entpuppen würde. Als wir zum zweiten Mal einen steilen Hang aus einer Sackgasse zurück nach oben schieben, werde ich langsam nervös. Das GPS zeigt mittlerweile fast 50 Kilometer und über 1000 Höhenmeter an. Doch Milena und Tina schieben immer noch unbekümmert und fröhlich vor sich hin. Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich den beiden so wenig zugetraut hatte. Man kann ihnen förmlich dabei zusehen, wie sie über sich hinauswachsen.

Dramatische Wendung

Nach der dritten Sackgasse und einem lautstarken Streit reichte es uns dann. Wir lassen den Guide von dannen ziehen und machen uns selbständig. Endlich frei! Endlich wieder alles in vollen Zügen genießen – die Begegnungen mit Schäfern, das neue Panorama, die Sonne auf der Haut, das Fliegen durch die Landschaft. Die beiden stellen sich gut an, aus zögerlichem Rollen wird bereits immer sichereres Fahren. Ihre Begeisterung für die neue Geschwindigkeit macht mir wieder bewusst, wie gut ich es doch eigentlich habe. Das muss mit dem Spruch „die Welt mit Kinderaugen entdecken“ gemeint sein.

Auf den letzten Metern passiert dann das Unvermeidliche. Tinas Vorderrad bleibt an einer Kante hängen, sie fliegt in die Böschung, überschlägt sich mehrere Male und kommt erst viel weiter unten zum Liegen. Doch während ich bereits in den Erste-Hilfe-Modus schalte, kommt Tina kichernd nach oben gekraxelt, mit verrutschtem Helm aber bestens gelaunt. Sie hat nicht mal eine Schramme. „Mir ist nichts passiert – was mein Körper alles abkann!“ stellt sie erstaunt fest, als sie sich die Erde aus den Kleidern klopft. So habe ich das lange nicht mehr gesehen, und irgendwie hat sie ganz schön recht.

Abspann

Nach sage und schreibe 62,4 km und 1500 Höhenmetern haben wir es dann endlich geschafft. Ausgerechnet in dem unwegsamen Gelände der rumänischen Karpaten zwei Freundinnen das Mountainbiken zu zeigen, ist vielleicht eine unvernünftige Schnapsidee. Aber definitiv eine, die sich im Nachhinein gelohnt hat: Tina hat mittlerweile mein altes Hardtail gekauft. Milena schwärmt noch heute von dem Tag. Unser Guide wird sich in Zukunft hoffentlich zwei Mal überlegen, an wen er kluge Ratschläge verteilt. Und ich habe wieder mal gemerkt, wie wenig man braucht, um mit dem Fahrrad aus dem Vollen zu kosten. Wie wenig Einfluss Ausrüstung, Leistung und Erfahrung auf den Reichtum eines Tages haben. Und dass eine Tour mit Anfängern den Horizont ebenso erweitern kann, wie so manches exotische Reiseziel für sich alleine.

Kommentar verfassen