Den Vogesen entkommt man nicht

…zumindest nicht, wenn man in Freiburg lebt. Die Vogesen, jene Berge auf der anderen Seite des Rheins, haben in Freiburg des Status einer stadtweiten Legende, einer Sage, die sich weitererzählt wird und durch mündliche Überlieferung stetig wächst und immerzu fantastischer wird. Wer auch berichtet – die Rennen sind immer besser, die Trails technischer, das Wetter fabelhafter als man es sich zu träumen vermag.

Wenn ich aus meinem Wohnzimmerfenster blicke, sehe ich sie bereits. Am Horizont ein dunkler Streifen, je nach Wetterlage und Tagesszeit deutlich auszumachende Berggipfel. Bei der Feierabendrunde auf den Hausberg, bei der Pause am höchsten Punkt – von überall ist die Sicht frei auf das, was jenseits des Rheins wartet, lockt und ruft. Wie der Blick in eine Schneekugel, der eine Miniaturwelt offenbart und Stoff für tausende Geschichten liefert. Grand Ballon, petit Ballon, Hoheneck – wieder und wieder kneife ich die Augen zusammen und versuche den Schatten ihre Namen zuzuordenen. Die Vogesen sind omnipräsent, nicht nur in den Erzählungen der Heimkehrer sondern auch bei der Sicht in die Ferne.

En route pour la joie
En route pour la joie

Früher hasste ich sie. Als Kind waren sie für mich der Schauplatz langweiliger Sonntagsausflüge, in Dörfer, in denen alles irgendiwe komisch wirkte: die Häuser bunter und verfallener, die Frisuren der Frauen schriller, die Menschen älter, die Supermärkte angsteinflößend groß. Doch dann kam das Mountainbike und mit ihm Lac Blanc. Der Bikepark war einen Sommer lang mein 2. zu Hause. Wenn ich nach einem Wochenden dort heimkehrte und die Augen schloss, sah nichts anderes als seine Strecken vor meinem inneren Auge.

Später verließ ich die Sicherheit des Park und brach auf, die Wälder darum zu erkunden. Weite, wilde, nicht enden wollende Wälder. Gegen Sie wirkt der Schwarzwald wie eine gestutze Buchsbaum-Hecke. Durch sie winden sich Pfade in mannigfaltigen Gestalten und fast alle sind sie sind sie menschenleer.

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Heute sind die Vogesen der Schatz vor der Haustüre, den ich wie ein Juwel mit mir herumtrage. Ein Wochenende dort bedeutet: eine Autofahrt mit guten Freunden. Mit jedem zurückgelegtem Kilometer wachsende Vorfreude. Tarte aux Myrtilles. Gebackener Münsterkäse. Verirren auf zugewucherten Wegen. Yop Lait au gout coco du Supermarché. Das Scherzen über Ortsnamen, die wie aus der Welt gefallen zu sein scheinen:

Le Abrutschfelsen.
Lac du Fischbödle.
Col de la Schlucht.

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Und noch etwas verbindet mich mit den Vogesen: Sie beheimaten meinen Lieblingstrail. Viele behaupten, sie hätten keinen und auch ich habe lange gebraucht mir einzugestehen, dass er es ist – the one and only. Ich besuche ihn nur selten, ich habe Angst, ich könnte mich an ihn gewöhnen. Erst wenn ich schon fast wieder vergessen habe, wie er aussieht, gönne ich mir eine Abfahrt. Davor wachsen jedes Mal die Zwiefel: ist er wirklich so besonders? was, wenn er mich enttäuscht? Doch er tut es nie. Er ist nicht besonders lang und hat wohl kaum 300 Höhenmeter und trotzdem alles, wofür ich das Mountainbiken liebe. Er beginnt einfach, flowig, fast lässt er die Zeit, die Flechten an den eng stehenden Fichten zu bewundern. Es folgen moosbewachsene Steine, knorrige Wurzeln und enge Kehren, die das Gleichgewicht herausfordern. Die Kombination aus Gefälle, Untergrund und Hindernissen ist hier auf die Spitze der Perfektion getrieben. Unweit von seinem Ende, an einer Kehre in der route des cretes, steht ein Lebensmittelverkäufer und bietet Münsterkäse und tarte aux myrtilles feil. So endet mein Lieblingstrail immer mit Heidelbeerblauen Lippen.

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