Das Wunder von Freiburg

Am Samstag begrüßte der Mountainbike Freiburg e.V. feierlich sein 1000. Mitglied. Damit ist er nun drittgrößter Verein in seiner Heimat. Diese Zahlen klingen für alle, die von Anfang an dabei waren, immer noch unvorstellbar. 1000 Menschen! In einem lokalen Mountainbike Verein! Wie konnte es soweit kommen?! Fragen an neun Menschen, die es wissen müssen.

Meine persönliche Geschichte mit dem Mountainbike Freiburg e.V. beginnt an einem verregneten Sommertag im Jahr 2011, ich hatte gerade mein erstes eigenes Mountainbike gekauft. Die Borderline spuckte uns auf dem Parkplatz der Jugendherberge aus. Dort stand ein freundlich lächelnd junger Mann mit Klemmbrett und warb für den Mountainbike Freiburg e.V., der für den Erhalt der Borderline frisch gegründet worden sei. Endorphin-trunken wie ich war, hätte man mir wahrscheinlich alles verkaufen können. Also füllte ich ein vom Regen aufgeweichtes Formular aus und wurde Mitglied in einem Verein. Das erste Mal in meinem Leben.

Ich ahnte damals nicht, dass ich durch meine Unterschrift irgendwann Teil eines Ausnahmephänomens werden sollte. Den Sportvereinen in Deutschland geht es allgemein zwar relativ gut, doch viele haben mit Nachwuchsproblemen, Mitgliederschwund und vor allem mit der Gewinnung ehrenamtlicher Funktionsträger zu kämpfen. Dagegen wirkt der Mountainbike Freiburg e.V. schon fast wie ein hippes Start-Up: alle arbeiten ständig an irgendetwas, ohne jemals damit Geld zu verdienen.

Bilanz nach sechs Jahren Vereinsgeschichte: der Verein unterhält vier Mountainbike-Strecken mit insgesamt 17,4 Kilometer Länge. Er organisiert ein Bikefestival, ein Jedermann-Rennen, eine legendäre Vereinsmeisterschaft, eine Spendenaktion, um geflüchteten Menschen Fahrräder zu besorgen, wöchentliche Mountainbiketreffs und Kinder- und Jugendtrainings für mittlerweile über 100 minderjährige Mitglieder. Seit diesem Jahr beschäftigt er einen offiziellen Trailpfleger und hat den Betrieb des Dirtpark Dietenbach übernommen, dessen Mitglieder geschlossen in den Verein gewechselt sind (Infos dazu im Interview am Ende). Das alles ist möglich, obwohl sein Organisationsgrad irgendwo zwischen Bananenrepublik und ASTA-Beirat schwankt. Alles, obwohl es Zeitaufwand bedeutet, es Meinungsverschiedenheiten gibt und überall überbordende Bürokratie lauert. Warum geben sich Menschen diesen Stress? Und warum werden Sie Mitglied?

Selina Heitzmann, Mountainbike-Anfängerin und 1000. Mitglied

Warum bist du jetzt Mitglied im Verein geworden?

Ich fahre seit Anfang des Jahres mountainbike, wegen Freunden, die haben mich ein bisschen schon letztes Jahr mitgenommen. Aber da hat es mich noch nicht so gereizt – aber jetzt eben schon.

Und warum findest du, dass man deshalb Mitglied in einem Verein werden sollte?

Weil ich das ganz cool finde, die zu unterstützen, das ist ja schon ganz schön viel Arbeit, was die da so reinstecken mit den ganzen Strecken. Das alles aufrecht zu erhalten, dass man da auch gut fahren kann, die ganze Öffentlichkeitsarbeit, die sie leisten – ist schon ganz schön viel Arbeit da. Das zu unterstützen finde ich wichtig, wenn es das schon gibt in der Stadt. Und ich nutze es ja auch dadurch, dass ich mir eben ein Mountainbike gekauft habe jetzt. Und zwar nicht selten (lacht).

Bist du noch Mitglied in anderen Sportvereinen?

Ne, ich bin eigentlich gar nicht sportlich.

(Kommentar einer Freundin: jetzt schon!)

Ja, jetzt schon. Also – wir arbeiten dran.

Manuel Schuble – Vorstand

Warum hat der Verein so viele Mitglieder – was ist sein Geheimnis?

Einmal das Engagement natürlich, also die Leute die sich da engagieren sind wirklich leidenschaftlich dabei und ich glaube das merkt man einfach. Ich glaube, diese Euphorie kriegen auch Leute von außerhalb mit und bekommen dann Lust, mitzumachen. Wenn die von die von außen sehen, wie es voran geht und dass die Zusammenarbeit einfach geil ist – sowohl innerhalb des Vereins als auch nach außen, mit Forst und Stadt usw. Ich glaube, das macht nach Außen einen guten Eindruck. Und dann ist die Community an sich schon sehr sehr stark hier vertreten.

Warum engagierst du dich für den Verein?

Weil ich den Mountainbike-Sport im Allgemeinen einfach leidenschaftlich betreibe. Und ich mich generell gerne engagiere. Deshalb war das gar keine Frage – macht man einfach.

Geschätzte investierte Arbeitszeit?

Unterschiedlich, je nach Veranstaltung – 3 bis 4 Stunden in der Woche.

Verhassteste Aufgabe?

Zum gefühlt 1000. Mal die gleiche Frage per Mail beantworten zu müssen. Aber da gibt es ja Gott sei Dank die Copy-Paste-Funktion.

Arne Grammer – Vorstand

Warum hat der Verein so viele Mitglieder – was ist sein Geheimnis?

Ich glaube mega wichtig ist, dass wir uns nicht auf eine Disziplin spezialisiert haben, sondern alle Mountainbiker von Crosscountry bis Downhill repräsentieren wollen. Und, dass wir coole Trails bauen, die für alle nutzbar sind. Coole Trails fahren will jeder, und ich denke, das ist so der Schlüssel zum Erfolg, dass uns viele unterstützen wollen.

Warum engagierst du dich für den Verein?

Die Grundmotivation war, coole Trails in Freiburg zu haben. Das ist der Hauptvereinszweck und das war der Grund, warum wir angefangen haben diese Trails zu entwickeln. Aber auch, ein Sprachrohr zu sein für alle Mountainbiker gegenüber der Stadt und der Öffentlichkeit.

Ok, nochmal: warum engagierst DU dich für den Verein?

Ja weil ich selber halt Radfahren will auf coolen Trails. Und mal nicht nur als der blöde Mountainbike-Freak angesehen werden will, sondern zeigen will, dass wir uns organisieren und was hinkriegen können.

Geschätzte investierte Arbeitszeit?

Ohje (lacht). Schwer zu sagen. Vielleicht täglich eine halbe bis Stunde?

Verhassteste Aufgabe?

Mittlerweile haben wir glücklicherweise den Ecki, der sich um Bankeinzüge kümmert… sonst geht‘s eigentlich, das meiste ist eigentlich echt relativ ok.

Ansgar Waßmer – Vorstand

Warum hat der Verein so viele Mitglieder – was ist sein Geheimnis?

Was weiß ich? Ich kann‘s nicht sagen!

Komm schon…

Was gut gezogen hat ist glaub ich, dass es die Strecke am Rosskopf schon gab. Es gab einfach vorher schon sehr viele Radfahrer. Aber wenn du überlegst, vor 10 Jahren hast du jeden gekannt – und dann ist es einfach konstant immer mehr geworden. Ich weiß gar nicht, wo die alle herkommen! In dem Sinne ist es ja auch kein Wahnsinnsverein….du kannst was organisieren, wenn du willst, z. B. ne Vereinsmeisterschaft, ein Dreierleri oder ein Bikefestival, aber du hast eigentlich wenig Auflagen oder Restriktionen. Ich denke schon, dass das wichtig ist. Du hast einfach die Möglichkeit, und wenn jemand was machen willst, dann kannst du was machen.

Warum engagierst du dich für den Verein?

Ich finde es halt wichtig, dass es diese Strecken gibt. Ganz egoistischer Grund. Weil es einfach nicht sein kann, dass es so viele Radfahrer gibt, aber keine Strecke. Und wir haben ja den Platz.

Geschätzte investierte Arbeitszeit?

Während eine Strecke gebaut wird natürlich mehr, aber dann gibt‘s auch Wochen im Winter, wo gar nichts ist. Im Sommer telefoniere ich wahrscheinlich eine Stunde pro Woche mit dem Forstamt. Ich hab das auch noch nie aufgeschrieben, weil ich es vielleicht auch gar nicht so richtig wissen will.

Verhassteste Aufgabe?

Hab ich keine mehr, das haben wir alles verteilt (lacht). Meiner Ansicht nach ist das Fieseste das, was der Ecki gerade macht, nämlich diese scheiß Mitgliedsbeiträge einzuziehen von den Leuten, die es nicht hinkriegen, 35€ auf dem Konto zu haben. Das nervt. Vielleicht müssen wir den Ecki auch einfach irgendwann dafür bezahlen, dass der das macht, bevor er keinen Bock mehr hat – weil das ist brutal nervig. Bei 1000 Leuten, hallo!

Ecki Toelzel – Homepage und Mitgliederverwaltung (ja, der mit den Bankeinzügen)

Warum hat der Verein so viele Mitglieder – was ist sein Geheimnis?

Normalerweise ist mountainbiken ja gar nicht so eine typische Vereinssportart. Aber das Potenzial gab es in Freiburg schon lange. Nachdem es dann den Verein gab, der die Trails angefangen hat zu sichern, zu bauen und voranzutreiben, haben dann ziemlich viele gemerkt, dass es sich lohnen kann, in dem Verein was zu machen. Das fing vergleichsweise langsam an und hat irgendwann eine kritische Größe erreicht, dass es sich aus ausreichend rumgesprochen hat. In einer Stadt wie Freiburg ist dann irgendwann so ein Punkt erreicht, wo es einfach cool ist und wichtig ist, dazuzugehören. Es ist dann einfach klar: man ist im Verein. Man hat ja auch nicht viele Verpflichtungen und dann unterstützt es jeder gerne.

Warum engagierst du dich für den Verein?

Weil man das Gefühl hat, was bewegen zu können, noch dazu in dem Sport, den man selber am meisten mag und damit dazu beiträgt, die Bedingungen für den Sport noch weiter zu verbessern.

Geschätzte investierte Arbeitszeit?

Das darf ich nicht sagen, wenn meine Frau zuhört. Schwer zu sagen…im Schnitt zehn, fünfzehn Stunden pro Monat. Aber das schwankt auch. Ich führe eben lieber nicht Buch, damit es nachher kein böses Blut gibt.

Verhassteste Aufgabe?

Ziemlich einfach: Leuten, die nicht die richtige IBAN schicken oder vergessen, ihre geänderte Kontoverbindung mitzuteilen hinterherzulaufen, um das Geld einzutreiben.

Sanne Moritz – Leitung Kinder- und Jugendtrainig

Warum hat der Verein so viele Mitglieder – was ist sein Geheimnis?

Tja woran liegt‘s? Ich glaube, dass wir uns alle nicht so ganz ernst nehmen und sehr viel Spaß dabei haben und ich glaube, jeder findet sich da irgendwo wieder und macht das worauf er Bock hat. Und das wird von allen auch akzeptiert.

Warum engagierst du dich für den Verein?

Weil mir das so viel Freude gibt und ich so viel nette Menschen dadurch kennengelernt habe. Und ja, das wächst und wächst und wächst, auch das Netzwerk – und ich könnte es mir grad ohne die ganzen Menschen gar nicht mehr vorstellen.

Geschätzte investierte Arbeitszeit?

Zwei bis Drei Stunden pro Woche.

Verhassteste Aufgabe?

Sponsorensachen einsammeln für die Vereinsmeisterschaft! Fragen ob man was bekommt. Das ist für mich das Schlimmste. Aber das hab ich auch abgegeben (lacht).

Matze –  Vereinsmeiserschaft- und Riders-Party Organisator und Thomas – Verantwortlicher für die Bikes-for-Refugees Aktion / zusammen die Endu‘bros

Warum hat der Verein so viele Mitglieder – was ist sein Geheimnis?

Thomas: Ich glaube, es gab in Freiburg schon länger eine große Mountainbike-Szene, die in keinster Weise organisiert war. Und dann haben die Leute gemerkt, dass, wenn man sich organisiert in einem Verein, dass man dann legale Trails bekommt und dass sonst noch viel möglich ist. Dass man mit einer organisierten Gruppe viel weiter kommt. Und es gibt einfach unfassbar viele Mountainbiker in Freiburg, das ist wahrscheinlich der Hauptgrund.

Matze: Ich glaube der Schlüssel war, dass Ansgar, Arne und Manuel am Anfang so klug waren, dass wie so einen Meta-Verein aufzuhängen, der über jeder Disziplin beim Biken steht und einfach nur Mountainbiken in jeder Form vertritt. Der Name war auch klug gewählt, weil andere heißen irgendwie „Downhill Fucker e.V.“ oder sonst wie und das ist halt Käse. Und das dann gepaart mit einem echt motivierten Kernteam, das auch voll nachhaltig gewachsen ist.

Warum engagiert ihr euch für den Verein?

Thomas: Weil ich es cool finde, was man auf die Beine stellen kann mit den Leuten, die es schon gibt im Verein. Weil es einfach Spaß macht, etwas was zu organisieren und dann nachher das Ergebnis zu sehen.

Matze: Ich persönliche finde es geil, dass man trotz so einer großen Struktur halt immer noch so viel Scheiß machen kann. Dass so etwas wie dieses blödsinnige Rap-Video funktioniert, oder die Vereinsmeisterschaft: da sind wir am Anfang zusammengehockt und haben überlegt, wie man da Spaß reinbringen kann, vielleicht eine Kostümwertung? Da hab ich am Anfang erst gedacht „Alter, ich find Karveval echt Horror, würde mich nie verkleiden“ und war voll dagegen, ich hab‘ gedacht das wird voll die Pappnasenscheiße, da hab ich keinen Bock drauf. Und dann ist das so gut angelaufen und inzwischen feiert das jeder, das ist so cool. Ich glaube, das ist noch so ein Kernding: dass sich wenig Leute wirklich ernst nehmen. Das ist echt gut.

Verhassteste Aufgabe?

Thomas: Leute daran zu erinnern, ihre Aufgaben zu machen, wenn sie gesagt haben, sie machen sie. Aber das kommt eigentlich wenig vor.

Matze: E-Mail Mama spielen. Du schreibst eine Mail schon mit vielen Spiegelstrichen, mit höchstens einer Twitter-Portion pro Absatz, dass das jeder intellektuell verarbeiten kann und dann kriegst du dazu mega viele Rückfragen oder empörte Rückmeldungen nach dem Motto „Da kriegt man auch nichs mit“. Ich glaube aber, ich bin da über die Jahre immer buddhistischer geworden.

Wird es denn bald wieder ein Rap-Video von euch geben?

Thomas: Unser Produzent hat uns verboten, darüber zu reden.

Matze: Also es ist was in der Pipeline, soviel kann verraten werden.

Was planst du sonst noch so für Projekte?

Matze: Alle drei Monate Konzerte organisieren, das ist so mein nächstes Projekt. Müssen wir mal schauen, ob das realistisch ist. Auf jeden Fall: mehr Punkrock.

Dome Zehnle – Dirtpark-Chef

Der Dirtpark gehört seit diesem Jahr zum Mountainbike Freiburg e.V. Wie ist das für euch, dabei zu sein?

Viel entspannter, weil wir versicherungstechnisch alles einfacher lösen können. Weil es günstiger ist – wir haben davor 130€ jährlich gezahlt. Und bei 35€ fällt es halt allen einfacher, in den Verein einzutreten, auch wenn sie nur ein paar Mal kommen.

Gab es in eurer BMX und Dirt Szene Vorbehalte, jetzt mit den Mountainbikern in einem Verein zu sein?

Nein. Manchmal werden die Mountainbiker komisch angeguckt, wenn die in voller Montur hierherkommen, voller Pyjama und Fullface-Helm und so, weil die meisten kennen das halt hier nicht. Die fahren hier in normalen Kleidern. Aber das ist glaube ich das einzige, wo wir uns voneinander unterschieden. Da gibt es keine große Abgrenzung.

Wann ist das Gelände für Mitglieder zugänglich?

Jeden Dienstag und Donnerstag ab 18h und Samstag ab 16h. Ansonsten haben wir eine WhatsApp-Gruppe, da kann man auch reinkommen, und dann kann man auch fahren, wenn nicht offiziell offen ist. Bei Interesse einfach eine Mail an dirtpark@mountainbike-freiburg.com schreiben. Wenn es geregnet hat oder stark windet bleibt es zu, oder wenn es extrem heiß ist kommen wir meistens erst später. Wir fangen im März an mit Bauen, haben aber seit Jahren die Regel, dass dann erstmal die Leute fahren dürfen, die das Zeug auch bauen, die testen das. Ab Mai machen wir dann offiziell auf. Und dann geht es bis Oktober. Man darf mit jedem normalen Mountainbike fahren, nur Kinder bis 14 Jahre müssen am Anfang ihre Eltern mitbringen.

Warum engagierst du dich für den Verein?

Das mach ich schon seit ich 14 bin. Jetzt bin ich 27 – weil‘s mir Spaß macht, keine Ahnung, und ich bin halt da rein gerutscht…

Geschätzte investierte Arbeitszeit?

Kommt drauf an, wieviel es regnet, das macht halt viel Arbeit. Im Schnitt vielleicht 10 Stunden im Monat.

Verhassteste Aufgabe?

Emails beantworten. Und bürokratisches Zeug.

 

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Danke an Sanne Moritz für die Fotos, alle anderen für’s Fragen beantworten und überhaupt – ihr seid toll. Ich bin froh, dass es euch gibt :-*

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