Das Unsagbare in Worte fassen

Jeder, der schon mal einen Text über das Mountainbiken geschrieben hat, kennt das Problem: Wie beschreibt man Trails? Das erste Mal geht das vielleicht noch ganz gut. Aber beim zweiten, dritten, vierten Mal fragt man sich irgendwann, warum sich die mannigfaltigen Gesichter der Wege da draußen auf dem Papier eigentlich immer gleich anhören. Hilft da nur Kunst?

„Bei uns erwartet Sie ein echtes Trail-Feuerwerk: knackige Anstiege verlangen stramme Waden, auf den rasanten Abfahrten schießt das Adrenalin in den Körper“

Diese Beschreibung könnte aus jedem x-beliebigen Gästemagazin eines Hotels oder einer Ferienregion stammen. Es gibt diesen Satz in unterschiedlichsten Varianten und jedes Mal, wenn ich ihn lese, dreht sich mir der Magen um. Selbst wenn die Trails wirklich was können, sind solche Wortverbrechen echte Appetitverderber. Die Verfasser solcher Texte müssen sich Mountainbiken vorstellen wie einen Junggesellenabschied auf Achterbahnfahrt, irgendwie voll crazy und draufgängerisch, nur was für die ganz wilden Burschen.

Andererseits: Es ist eben auch verdammt schwer, die Schönheit von Trails mit den Worten zu beschreiben, die uns die deutsche Sprache zur Verfügung stellt. Es bringt mich selbst immer wieder an den Rand der Verzweiflung. Ein Trail ist auf den ersten Blick etwas so Simples, bloß eine schmale Linie Ordnung durch das Chaos. Und doch kommt so viel zusammen: Von der Beschaffenheit des Untergrunds über Anzahl und Radius der Kurven bishin zur umgebenden Natur trägt alles zu dem Bild bei, den ein Trail in unserem Kopf hinterlässt.

Umso beschränkter sind dagegen die Adjektive, die mir auf Anhieb für Trails auf der Zunge liegen: Technisch. Abwechslungsreich. Verspielt. Ausgesetzt. Steil. Sanft abfallend. Verblockt. Alpin. Und als Krone der Einfallslosigkeit: Flowig.

Alles Flowig oder was?

„Flowig“ gilt als der Ritterschlag für einen Trail. Jeder will flowige Trails fahren. Regionen geben viel Geld für flowige Trails aus, und der Begriff „Flowtrail“ ist zur Marke geworden. Das Problem ist nur, dass der Flow nicht im Trail wohnt, sondern sich erst aus seinem Zusammenspiel mit dem Fahrer und seinem Können ergibt. Flow empfinde ich dann, wenn der Trail all mein Können bis zur Grenze ausreizt, ohne diese zu Überschreiten. Wenn ich alle Konzentration aufbringen muss, um unnötiges Bremsen, Fuß Rausstellen oder Unterbrechen des Fahrflusses zu vermeiden. Wenn ich eine brenzlige Situation dauerhaft im Griff habe. Der Glaube, dass Trails flowig werden, wenn man ihnen alle Wurzeln und Steine wegamputiert und ihre Oberfläche glättet wie die Stirn eines in die Jahre gekommenen Schauspielers, ist typisch für unsere Konsumgesellschaft. Jeder will ein Maximum an Bespaßung, aber so bequem wie möglich. Dass man Flow an den Grenzen des Wohlfühlbereichs findet, lässt sich schlecht verkaufen. Natürlich sind Flowtrails für viele Anfänger tatsächlich flowig und eine sinnvolle Sache. Und für Fortgeschrittene sind sie nicht unbedingt langweilig. Nur sind sie eben nicht automatisch: flowig. Ihren Namen haben sie einfach nur deshalb bekommen, weil „Anfängertrail“ nicht so schick klingt.

„Flowig“ ist als Adjektiv für einen Trail ist also mehr als problematisch – auch wenn ich es selbst immer wieder verwende. Aber was ist mit anderen Wörtern? „Ausgesetzt“ klingt, als handele es sich um einen an der Tankstelle zurückgelassenen Hund, „technisch“ nach irgendwas mit Hochschule und „anspruchsvoll“ nach einer launischen Millionärsgattin, „schöne Wurzelteppiche“ nach Möbelhaus und „voll geil“ nach betrunkenen Teenagern. Ist die Sprache einfach gar nicht in der Lage, der Seele eines Trails jemals gerecht zu werden?

Wie machen es andere Sprachen?

Am Beispiel der Cherokee Indianer konnte der Linguist Tom Belt aufzeigen, wie eng Sprache und Topografie verwoben sind. Die Grammatik und Syntax dieses nordamerikanischen Bergvolkes beschreibt er als geradezu gebirgig. Sie kennt unzählige fein abgestufte Begriffe, um unterschiedliche Arten von Bergen zu beschreiben. Über das Anhängen von Suffixen kann der Sprecher anzeigen, ober er sich bergauf oder bergab, flussauf oder flussabwärts von einem Gegenstand befindet. Außerdem führt die grammatikalische Struktur, in der das Subjekt erst nach dem Objekt kommt, dazu, den Sprecher zu dezentralisieren. Nicht das „Ich“, der Sprecher ist Mittelpunkt, sondern das Drumherum, das „Hier“, an dem der Sprecher nur einen geringen Anteil hat. Nicht Ich fahre den Trail, sondern der Trail fährt mich? Es wäre ein interessanter Perspektivwechsel.

Leider spreche ich nicht Cherokee, und die Möglichkeiten einer Sprache, die sich auf das Gebirge und Überliefern von Wegen spezialisiert hat, bleiben mir verschlossen. Unsere Vorfahren waren tragischerweise nicht darauf angewiesen, über Trails zu kommunizieren, die man bei höchster Konzentration, mit Glücksgefühlen im Bauch durch einen Tunnelblick wahrnimmt. Entsprechend sprachlos macht das Ganze.

Immerhin: kreative Namen werden dem Mythos gerecht

Etwas haben wir mit einer alten Indianerkultur aber doch gemein: diese enge Verknüpfung zwischen Orten und Sprache, um die sich eine Gruppenidentität bildet. Die Rede ist von den Namen der Trails. In den Mythen und Sagen indigener Kulturen spielen Zeitangaben kaum eine Rolle, wohl aber der genaue Ort, an dem sich die Dinge zugetragen haben sollen. Ein Ort wird benannt – meist aus einer Beschreibung heraus („Großer Baum an schnellem Fluss“) und dann eine Geschichten über ein dort stattgefundenes Ereignis nacherzählt, die schließlich ins kollektive Gedächtnis übergeht.

Nichts anderes sind die Beschreibungen und Namen, mit denen wir im Alltag über Trails kommunizieren: auf meinem Hometrails gibt es immer noch den „Wegsprung“ – da ist zwar längst kein Sprung mehr, aber jeder kennt den Ort. Einer meiner Lieblingstrails in Finale ist für meinen Freundeskreis der „Jahn Trail“-weil sich Jahn hier mal ziemlich böse abgelegt hat. „Schneckennudel“, „Anzeigentrail“, „Grüner Grat“, „Hasstunnel“ – alles Trails oder Abschnitte, bei denen bestimmte Personen sofort wissen, was gemeint ist. Hier erfüllt die Sprache also sehr gut ihren Zweck: Fragen wie „wo bist du?“, „wo fahren wir hin?“, „wo wart ihr?“ möglichst unkompliziert zu beantworten und dabei gleichzeitig ein Gefühl von Gemeinschaft und Zugehörigkeit herzustellen.

Dadada

So faszinierend die inoffiziellen Namen von Trails auch sind, für eine lebhafte Beschreibung für Außenstehende reichen sie nicht aus. Bleibt also nichts weiter übrig, als sich weiter von Autoren, Musik- und Restaurantkritikern inspirieren zu lassen, denen es auch irgendwie gelingt, das Unsagbare in Worte zu fassen. Und wenn gar nichts mehr hilft, mache ich es einfach wie die Dadaisten: „Der Trail war einfach nur fffft-ffffft-ffffffffffffffffft. huuuuuui.huuuuuui. klappklapp klappklappklappp.brrrrt.bok.khhhhhhhhhhh…“

Denn selbst das absurdeste Gebrabbel ist immer noch passender für die Beschreibung eines Trails, als es das Adjektiv „knackig“ je sein wird.

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Buchtipp:

Einer, der die richtigen Worte findet: Robert Moor, Autor von „On Trails“. Die Cherokee-Sprache ist nur einer der vielen ungewöhnlichen Perspektiven, über die sich Moor dem Phänomen „Weg“ nähert. Sein Buch ist Trail-Philosophie vom Feinsten!

 

  1. Wunderbarer Artikel. Am selben Nachmittag sehe ich einen Autoaufkleber : „What happens on the trail – stays on the trail“. Wie doof ist das denn?

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    1. Das ist genau diese Jungegessellenabschieds-Mentalität, die ich meine 🙂 Und abgesehen davon völlig falsch: als ob nicht jeder von uns ziemlich viel vom Trail mit in den Alltag nimmt…

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  2. Wahr gesprochen, Hannah! Von einem Mentor aus der Frühzeit meiner MTB-Prosa hab ich mal einen guten Tipp bekommen: „Beschreib nicht die Tour. Sag den Leuten warum sie diese Tour fahren sollen, und nicht irgendeine andere!“ Mit diesem Tipp versuche ich bis heute mich über die Runden zu retten. Flow ist halt nicht mehr oder weniger als ein Baustein des Gesamterlebnisses. Und darum geht’s ja schließlich.
    Der Tipp mit dem Dadaismus ist aber auch nicht schlecht. Werd ich bei Gelegenheit versuchen. BRÄÄP, BRÄÄÄÄP!!!!!

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  3. Schöner Artikel. Ich vergleiche Trails (mindestens in meinem Kopf) gerne mit Musik. ‚Flowtrails‘ sind der 4/4-Takt des Mountainbikens. Leichtverdauliche, eingängige Popmusik. Reicht aber irgendwann nicht mehr. Dann darf es gerne komplizierter werden. Schwer. Zäh. Peitschend. Vertrakt. Rumpelig. Chaotisch. Dynamisch lauter und leiser werdend. Verwinkelt den Rhythmus wechselnd. Wirr. Leichtfüßig. Überschwänglich. Usw…

    Was ist eigentlich, wenn lauter trockene Äste aufm Trail liegen. Darf man den dann als knackig beschreiben?

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    1. Martin, ich bin dir zu ewigem Dank verpflichtet: dank dir wird mir beim „knackigen“ Trail nicht mehr übel, sondern ich bekomme Lust ihn zu fahren. Großartig! Das ist die beste Beste Lesart davon, die ich je gehört habe 🙂

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