Asphalttage. Erinnerungen an Sommer ’18

Ich erinnere mich an das Klirren von Eiswürfeln in einem Glas. An kaltes Wasser, das brennende Waden umströmt. An die im Stein gespeicherte Hitze. An Kindergeschrei, an den Geschmack von Anis, an den einsetzenden Dämmerzustand.

Im Sommer 2018 endeten viele Tage so. Es war zu heiß zum Mountainbiken. Die Trails ächzten unter der Trockenheit, Anlieger hatten sich in Sanddünen verwandelt, Wurzeln in knackendes Geäst. Jeder Griff an die Bremse, jedes auch nur für den Bruchteil einer Sekunde blockierende Hinterrad ließ den Boden in die Luft steigen, wo er bis in die fein verästelten Atemwegevordrang. Wald in der Lunge, keine Luft zum Atmen. Die Bäume standen wie verdorrte Blumensträuße am Wegesrand. Ich erinnere mich an die Farbe Braun, an den Geruch von vermoderndem Fisch.

In meiner Nachbarschaft lebte ein Mädchen mit einem Rennrad. Sie brachte den Pastis, ich die Eiswürfel. Nachdem wir uns in die Höhen des Schwarzwaldes vorhgekämpft hatten, um wenigsten ein, zwei Grad kühlere Luft zu atmen, trafen wir uns am Fluss, um uns zu betrinken. Süßer Anisschnaps im Mund, Sonnencreme auf der Haut.

Schon der Gedanke an Knieschoner, Fullfacehelme, Rucksäcke und knielange Hosen trieb uns Schweißperlen auf die Stirn. Ein Fahrrad zu bewegen, das mehr als 10 Kilo wiegt, schien eine Erinnerung aus längst vergangenen Zeiten zu sein. Jedes Kilowatt Energie musste sparsam eingesetzt werden, und es es in breiten Reifen und einem federnden Fahrwerk zerschmelzen zu lassen, kam nicht in Frage. Der Asphalt wurde zu unserem Verbündeten.

Wie viele Straßen meiner Heimat ich nicht kannte! Wir trafen uns nachmittags und fuhren drauflos, immer Richtung Osten. Der Asphalt flimmerte, aber er blieb in den Kurven unter den Reifen. Die Sonne tättowierte uns die Negative unserer kurzen Trikots auf unsere Körper. Unsere Fahrräder waren so filigran wie ihre Strahlen, und genau wie sie – reine Energie. Wenn wir an einen See kamen, gingen wir baden, wenn wir eine Quelle entdeckten, tranken wir.

Der Asphalt schenkte mir einen neuen Blick auf die Welt. Er erweiterte meinen Horizont und ermahnte mich, genauer hinzuschauen. Das erste Mal seit langem wurde ich unabhängig von Bergen und ihren verschlungenen Pfaden. Ich war frei, ich konnte fahren, wohin ich wollte. Ich wurde neugierig, änderte die Fahrtrichtung nach Westen, aber kam immer wieder zurück an das Ufer des Flusses, in dessen Uferwasser eine Flasche Pastis schon kaltgestellt war.

Als die Tage kürzer wurden, aßen wir reife Äpfel von den Bäumen. Wir malten uns aus, wie jeder Apfel weniger den unter der Last ihrer prallen Früchte stöhnenden Obstbäumen Linderung brachte.

Als die Tage noch kürzer wurden, kam ein Brief. Er war an das Mädchen adressiert, das nun mein Freudin war, und kündigte das Ende des Sommers an. Eine Zusage aus Köln. Meine Freundin packte ihre Sachen in Kisten. Ihr Rennrad nahm sie mit.

Jetzt ist wieder Sommer. Der Asphalt flüstert von unbekannten Straßen, vergessenen Tälern und Pässen. Aber in meiner Nachbarschaft lebt kein Mädchen mehr mit Rennrad uns Pastis-Vorrat. Verdammt, das Zeug schmeckt doch sonst niemandem! Es ist nicht mehr das Gleiche. Mir bleiben nur die Erinnerungen.



 
        

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